Literaturgefluester

2013-08-24

Berlin liegt im Osten

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:40

Jetzt kommt eine Überraschung, ein Buch auf das ich erst durch die Longlist des dBPs aufmerksam wurde, Nellja Veremejs „Berlin liegt im Osten“, im Frühjahr bei „Jung und Jung“ erschienen und durch den Titel angeregt wurde, es zu lesen.
Der Fernsehturm des Alexanderplatzes ist am Cover, das Buch spielt in diesem Grätzel und die 1963 in Kema, SU, geborene Autorin, die seit 1994 in Berlin lebt, ließ sich zu ihrem Debutroman auch durch Döblins „Alexanderplatz“ inspirieren und die Überraschung ist, daß ich über Nellja Veremej in diesem Blog schon schrieb, obwohl ich, als ich Namen und Titel in der Longlist las, keine Ahnung davon hatte, hat sie doch 2010 in Wartholz gewonnen und das Buch ist auch sehr interessant, nämlich ein hartes Thema und eine sehr poetische Sprache könnte man so sagen, Nellja Veremej schreibt über das, was mich auch sehr interessiert und immer wieder zu beschreiben versuche.
Da ist Lena, Mitte Vierzig, das Alter Ego der Autorin könnte man meinen, an der russisch-japanischen Grenze und in einer Stadt im Kaukasus aufgewachsen, die in Leningrad, als es noch nicht St. Peterburg hieß, Philologie studierte und dann mit Mann und Kind nach Berlin emigrierte.
Jetzt lebt sie hier im Viertel um den Alexanderplatz, dem ehemaligen Ost-Berlin, jobt als Altenpflegerin, obwohl sie ihrer Mutter, wenn sie aus dem Kaukasus auf Besucht kommt, vortäuscht, sie wäre Russischleherein, lebt mit Marina, der siebzehnjährigen Tochter, die Ehe mit Schura, der einst sehr idealistisch war und von Camus schwärmte, jetzt von Geschäften redet, die alle schief gehen und ständig dafür Geld haben will, wurde getrennt. Marina geht ins Gymnasium, schwärmt für ihren Vater, den sie nur sieht, wenn er Geld will oder zum Frauentag Blumen bringt und soll ein Jahr nach Amerika gehen, mit der Mutter gibt es Troubles, ißt die doch gerne Wurst und Fleisch, während Marina den Grundsatz hat, nichts zu essen was Augen hat.
Das Buch beginnt zu Weihnachten, wir begleiten Lena in ihre Altersheime, erleben sie dort auch sehr hart und verständnislos, wenn ihre inkontinenten Klienten keine Windeln wollen. Gleich am Anfang stirbt ein alter Herr, als Lena ihm Tannenzweige bringt. Dann lernen wir Ulf Seitz, einen anderen ihrer Klienten, einen achtzigjährigen ehemaligen Ostberliner Journalisten kennen, zu dem Lena zu Beginn so etwas wie eine Beziehung beginnt, obwohl die Altenppfegerinnen, die mit ihren Kunden eigentlich nicht haben sollen. Bei Ulf Seitz ist es anders, ihm zuliebe, sagt Lena ihre Geburtstagsfeier ab und feiert mit ihm Weihnachten bzw. Silvester, wie das die Russen tun. Sie gehen miteinander einkaufen und bereiten „Besoffenen Karpen“ zu, dann bricht die Beziehung etwas auseinander. Lena lernt einen Arzt kennen, erfährt aber, daß er verheiratet ist.
Immer wieder geht Lena in ihre Kindheit zurück, wir erfahren von der Großmutter, die das Geld ihres Gattens mit vollen Händen ausgab, erfahren von der Kindheit im Kaukasus und kommen dann in Herrn Seitz Kindheit hinein, der 1939 seinen Vater an die Gestapo verriet und ihn dann nie wieder sah.
Sehr genau werden seine Kriegserlebnisse geschildert und dabei mitten im Kapitel, Lena ist eine Ich-Erzählerin, die Perspektiven gewechselt und auch immer wieder aus dem „Alexanderplatz“ zitiert“, in dem Konrad Seitz, Ulfs Vater, eine Rolle gespielt haben soll.
1960 hat Ulf Seitz, Dora eine Lehrerin geheiratet, einen Sohn bekommen, das Ehepaar lebte sich auseinander, als Dora, wie soviele andere, in den Westen wollte, Ulf Seitz aber ein sehr angepasstes Parteimitglied war, der einen Artikel „Go West“ verfasste, als alle flüchteten.
Daß Dora Seitz Ulf mit einem Kieferchirurgen betrog, dann verunglückte und querschnittgelähmt von ihm gepflegt wird, mutet fast ein wenig kitschig an. Auch sonst ist das Buch ein wenig geheimnisvoll, kommt es in dem Jahr doch zu einem Bruch zwischen Lena und Herrn Seitz, der immer wieder anruft und Kontakt mit seiner Pflegerin haben will, er wird inzwischen auch von einer Heidi betreut.
Lenas Mutter stirbt und am Ende reist Schura mit der Idee in St. Peterburg Grillwürste zu verkaufen zu seiner Mutter zurück, während Lena Herrn Seitz in der Chariete genauso mit Mandarinen besucht, wie er das einmal bei seiner Dora machte.
Ein sprachlich sehr poetisches Buch, mit sehr schönen Wendungen „Der Griff zum Lichtschalter macht der Glühbirne den Garaus“, heißt es da zum Beispiel, von „Morschen Hintern“ und anderen morschen Dingen wird da gesprochen, das die harte Realität der russischen Emigranten sehr literarisch schildert und auch sehr belesen ist.
Als Lena einmal mit der U-Bahn fährt, begegnet sie einem Mädchen das ein Buch namens „Frequencen“ liest und und und.
Ein sehr poetisches Debut, dem ich alles Gute wünsche, von den Perspektivenwechsel manchmal überrascht war und von der Härte der Lena auch ein wenig enttäuscht und nun gespannt bin, wie weit es in dem deutschen Buchpreis-Roulett kommen wird?
Jochen Jung hat schon einmal mit einem Buch einer jungen Emigrantin den deutschen Buchpreis gewonnen.
Es ist aber das erste Buch, das ich von den zwanzig gelesen habe, den Reigen durch die Leseprobenanthologie werde ich erst antreten. Der frische poetische Ton mit dem die harten Seiten des Emigrantenlebens, der Wende und des Alterns angegangen werden, hat mir aber sehr gefallen und der Vergleich mit Döblins „Alexanderplatz“ sehr hochgegriffen und sehr selbstbewußt ist auch sehr interessant.
In den Rezensionen habe ich etwas vom Erstaunen gelesen, daß ausgerechnet ein Wiener-Verlag, den „Alexanderplatz“ neu erzählen läßt.
„Jung und Jung“ ist aber, so viel ich weiß, in Salzburg angesiedelt, was ein bißchen weiter westlich, als Wien liegt, das der Rezensent östlicher als Berlin beschreibt und ich kenne die Gegend auch ein bißchen, habe ich bei Kerstin Hensel in der Linienstraße, durch die Lena mehrmals durchmarschiert bzw. Herrn Seitz Rollstuhl schiebt, ja schon übernachtet und Döblins „Alexanderplatz“ habe ich auch einmal gelesen und mir damit ein wenig schwerer, als mit Nellja Veremejs Debutroman getan, auf den ich nun doch nicht wartete, bis ich ihn in zwei Jahren im „Wortschatz“ oder beim Abverkauf beim „Morawa“ oder in dem kleinen Buchladen auf der Lechenfelderstraße finde, sondern der freundlichen Dame von „Jung und Jung“ sehr herzlich für das PDF danken. PDF-Lesen ist ein wenig anstrengener, als das herkömmliche Buch, das ich zwar nicht berieche und betaste, aber alles unterstreiche, so daß ich meine Zitate, später meistens auch finde, man hat aber nicht die Sorge, wie man das Buch später in die ohnehin schon so vollen Bücherregale bringt.

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