Literaturgefluester

2013-08-28

Kummer ade!

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:56

Nachdem mir jetzt etwas Sorgen machte, was ich am Sonntag, wenn ich mit der „Longlist“ fertig bin, lesen soll und schon passend zum siebzigsten Geburtstag Wolf Wondratschek „Chuck“s Zimmer“, ein Fund aus der „Bücherzelle“ aus den Regalen holte, brachte mir der Alfred Samstagabend die vierte „Residenz-Neuerscheinung Alois Brandstetters „Kummer Ade“, was zum samstägigen Dombesuch, wo mir Robert Egelhofer die Beichtstühle genau erklärte, hervorragend passt.
Es passt auch zu meinen Mittwöchigen „Residenz-Portrait“, denn der 1939 in Pichl, OÖ geborene Alois Brandstetter, der lange an der Uni Klagenfurt Professor war, stellt wahrscheinlich noch mehr als Julian Schutting die Verbindung vom alten zum neuen Residenzverlag her.
Zumindest hat sich für mich unter den Namen Brandstetter „Zu Lasten des Briefträgers“ eingeprägt, das der Alfred, glaube ich, einmal seinem Vater, einem Briefträger, schenkte und das jetzt auf dem Harlander Lesestoß liegt, ist doch 2011 zur „Entlastung der Briefträger“ erschienen und da war ich pünktlich zur Leipziger Messe, in der „Gesellschaft der Literatur“.
Ich glaube mich auch zu erinnern, daß ich als 1977 der Bachmannpreis entstand, wo ich natürlich nicht zum Lesen eingeladen wurde, auf Anraten Gerhard Kettes, der später auch Professor in Klagenfurt war, die „Einladung zum Tee“ zu irgendeiner Ausschreibung nach Klagenfurt schickte und mit einem von Alois Brandstetter unterzeichneten Brief wieder zurückbekam.
An eine Lesung in der Buchhandlung „Lektüre“ mit dem Wortgewaltigen auf der Mariahilfer Straße, die es auch nicht mehr gibt, kann ich mich ebenfalls erinnern und nun zu dem Roman „über einen humoristischen Kriminalfall“, der natürlich wieder ein wortgewaltiger Rundumschlag eines feinen Sprachspielers ist.
„Da wurde im Sommer 2012 in Klagenfurt aus der „Don-Bosco-Kirche, der Kummerkasten, nicht der Opferstock, also ein Kasten, wo man seine Meinungen, Anregungen, und Beschwerden einwerfen konnte, gestohlen“ und Alois Brandtstetter kommt schon ins Erzählen.
Ein Roman ist es im strengeren Sinn der Literaturgeschichte wahrscheinlich nicht, was da herausgekommen ist, aber ein Rundgang in die Kirchengeschichte und ein weiterer Einblick in die Gedankenwelt des feinsinnigen Philologen, der wirklich eine schöne Sprache hat und das Wortspielen perfekt beharrscht.
Denn er zieht schon los und macht sich seine Gedanken, wer da den Kasten „beseitigt“ haben könnte? Waren es vielleicht Analphabeten, die sich dann sicher geärgert haben, daß die Kiste kein Geld, sondern nur ein paar Papierstreifen enthielt und fast gemein den Rat gibt, doch einen Alphabetisierungskurs zu besuchen, die Caritas bezahlt den sogar den Asylanten.
Gemein, sehr gemein sogar und hinterfotzig, denn es könnten ja auch die Maturanten gewesen sein, die angeheitert nach den Maturafeiern spätnachts an die Wände des Gymnasiums schiffen oder weil es gerade keine Matura gab, die alten Herren vom CV.
Die vom Jugendclub der Kirche, wo der inzwischen verstorbene Pfarrer den Autor mal herumführte und dann ein Pärchen beim Vögeln statt beim Beten traf, könnten es genauso gewesen sein, aber Brandtstetter hat schon längst die Spur verlassen und macht sich allgemein seine Gedanken zu den Kirchenrauben.
Da werden Beichtstühle gestohlen und sie an Neurreiche verkauft, die dann ihre Garderobe hineinhängen und er kommt auch zur Kirche von Maria Saal und zu einem Gedicht von Peter Turrini, der dort einmal einem Mädchen die Nase streichelte und sich fragte, wann die Strafe Gottes kommt? Sie kam nicht und Brandstetter empfiehlt dem Dichterfreund, doch stattdessen Geld für die Revonierung zu spenden und kommt zu Stephane Hessel, der mit seinem kleinen Büchlein „Empört euch!“, viel bewegte, aber Alois Brandstetter hat etwas gegen zu viel Empörung und rät den Wutbürgern zur Entspannung.
Danach geht es weiter mit den Rundumschlägen, bzw. den Gedankenblitzen und dem Braimstormin, von den Frauen kommt der Wortgewaltige zu den Kindern und erzählt eine Geschichte, wie er als Schulbub gemeimsam mit dem Sohn des Gendarmen, dem Busfahrer, dem einzigen „Kummerl“ im Ort, Fahrscheinblöcke stibitzte. Es geht dann weiter zum literarischen Quartett und MRR und einem Autor, der einmal sprach, der Literaturpapst kritisiert mich, also bin ich wer als Autor, während der Autor des Kummerbriefkastendiebstahlsbuch diese Ehe nicht zu teil wurde, weiter geht es zu den Selbstmördern und damit zu Brigitte Schwaiger, hier zitiert Brandstetter einen Brief, den die Autorin von dem „Salz im Meer“ kurz vor ihrem Suizid an ihm schrieb. Ja, richtig, das Salzamt ist auch vorgekommen, Fürbitten und viele viele Kirchentexte, dessen Kenntnis eine der Spezialität des Meisters zu sein scheint.
Dann geht es weiter mit der Frage ob der Kummerkastendieb nicht vielleicht ein Einwerfer war, der seinen Brief wieder zurückhaben wollte, was Brandstetter zu der Bekenntnis führt, auch einmal einen Brief in einem Postkasten eingeworfen und vom Briefträger wieder zurückgefordert zu haben und dem, daß er mit Sechzehn mit nackten Oberkörper und ohne Führerschein Traktor gefahren ist.
Dann geht es zu den Bekenntnissen mit welchen Straftätern er bekannt war, der berühmteste war wohl Jack Unterweger, mit dem er einmal in St. Veit an der Glan gelesen hat.
Dann geht es zu der Überlegung, ob der Kummerkastendieb nicht derselbe sein könnte, der in Deutschland Büchsen, die Spenden gegen den „Hunger der Welt“, klaute, was Brandtstetter erzählen, läßt wie er einmal einem falschen Pater hineingefallen ist und Geld für Waisenäuser spendete, die dann gar nicht den Waisen zu Gute kamen.
Ja, es gibt auch unseriöse Spendensammler und Brandtsstetter meint, daß sie auch bei Tierschutzorganisationen zu finden wären, ob er da auf den Tierschützerprozeß anspielt?
Er kommt aber noch einmal auf Brigitte Schwaiger zurück, die eine große Tierschützerin war und ihm auch manchmal selbstgemachte Schweinchen-Bilder schickte und dann zu einem großen Kärtner, nämlich Josef Winkler, der offenbar bei Brandtstetter studierte, erzählt von einem Brief an ihm, den er irrtümlich zurückgeschickt bekommen hat, erzählt dann einiges von Pfarrer Reintaler, bei dem Winkler als Knabe ministrierte und dessen naive Malerei, die Brandtstetter wieder zur Frage führt, ob Kunst vom Wollen oder Können kommt?
Vom Können natürlich schließt er, denn sonst würde man sie ja als Wulst bezeichnen. Da bin ich nicht ganz dieser Ansicht und denke, daß der Weg vielleicht doch nicht ganz so zu verachten ist.
Brandtstetter zieht aber schon weiter, beziehungsweise kommt er noch einmal zu Brigitte Schwaiger und auch zu Thomas Bernhard zurück, der ja ein Meisterschimpfer war und viele Leserbriefe geschrieben haben soll.
Zu den Asylwerbern, die im Winter die Wiener Votivkirche besetzten, um auf sich aufmerksam zu machen, geht es auch und dazu, daß es Plagiatsprogramme gibt, die sofort, die abgeschriebenen Stellen bei Dissertationen und wahrscheinlich auch Manuskripten erkennen, so daß es nicht mehr vorkommen kann, daß jemand Robert Musil einsendet und keiner merkts und, daß die Foren schon Programme haben, die Kommentare mit den Worten „Neger, Juden, Pfaffen“ automatisch aussondern.
„Canceln“ heißt das, rückgängig machen“ und im „Finale“ gibt es dann den Hinweis, daß der Kummerkastendieb ein Mongole sein könnte, der in einer rumänisch-orthodoxen Kirche in Salzburg, vom Popen bei einem Diebstahl erwischt und festgehalten wurde.
Es gilt die Unschuldsvermutung, schreibt Alois Brandtstetter und endet seinen „Roman“, der meiner Meinung nach, keiner ist, mit den Sätzen „Die Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit des Diebes, die sich darin zeigen, daß er sich bei einem so plumpen Fischzug mit so geringen Ertrag von einem alten Popen erwischen und festhalten, mit der linken Hand fest halten hat lassen, bis die von diesem per Mobiltelfon mit der rechten Hand verständigte Polizei eintraf und der „Unstete“ in Gewahrsam genommen und zu einem „steten Aufenthalt“ in einer Justizvollzugsanstalt zugeführt werden konnte, sind so rührend, ja herzergreifend, daß ihm wohl jeder Christenmensch wünschen wird, die Obrigkeit möge in seinem Fall Grande vor Recht ergehen lassen. Er ist gestraft genug.“
Alois Brandstetter hat der obskure Kummerkastendiebstehl jedenfalls zu einem fulminanten Rundumschlag verholfen, der sehr amusant und lesenswert ist, so daß ich mich jetzt schon auf den Tag freue, wenn bei mir „Zu Lasten der Briefträger“ an die Reihe kommt. Ein anderes Brandstetter-Buch steht aber, glaube ich, auch noch auf meiner Leseliste.

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