Literaturgefluester

2013-08-30

Biografie eines zufälligen Wunders

Filed under: Uncategorized — jancak @ 16:51

Jetzt kommt wieder eine Neuerscheinung aus dem Herbstprogramm des „Residenz-Verlags“, nämlich „Biografie eines zufälligen Wunders“, der 1983 in der Ukraine geborenen Tanja Maljartschuk, die Philologie studierte, als Journalistin in Kiew arbeitete und seit 2011 in Wien lebt.
2009 ist ihr erster Erzählband „Neunprozentiger Haushaltsessig“ erschienen und irgendwie an mir vorbeigegangen, was ich sehr bedauerlich finde, denn die „Biografie eines zufälligen Wunders“, ist ein lustig bissig böses Buch über das Aufwachsen in der Ukraine nach der Wende und ich finde, auch wenn es vielleicht ein bißchen weniger poetisch, als der „Alexanderplatz“ geschrieben ist, schade, daß es nicht auf der „Longlist“ als frische neue Stimme steht, die uns das Leben in der Ukraine satirisch witzig näherbringt.
Da ist Lena, eigentlich heißt sie Olenka, aber das gefällt ihr nicht so gut und sie wurde in San Francisco geboren, das ist eine Ukrainische Kleinstadt „mehr im Westen als im Osten des Landes“.
Dort besucht sie den Kindergarten und „erlitt ein seelisches Trauma im Zusammenhang mit der russischen Sprache“, in der Person von Frau Dutt, die so anders als die anderen Superpatriotinnen im Kindergarten war und „nicht voller Liebe zum Vaterland“, aber Lena voraussagt, daß sie einmal „ganz groß rauskommen wird.“
Frau Dutt, von Lena so nach ihrer Frisur benannt, weigert sich den Anordnungen der Direktorin mit den Kindern nur Ukrainisch zu sprechen, zu folgen, beziehungsweise bringt sie das nicht zusammen, weil sie eine „liebe“ Russin“ ist und so kommt eines Tages der Kugelblitz in den Kindergarten und Frau Dutt löst sich in den Regenbogenfarben auf.
Dann kommt Lena zur Schule und beginnt sich mit den Außenseitern anzufreunden, mit Iwanka beispielsweise, die sie „Hund“ nennt, die ist ein geistig nicht sehr begabtes, dafür aber lebenspraktisches Mädchen. leider begeht sie den Fehler mit Fünfzehn einen religiösen Fanatiker zu heiraten, der sie unterdrückt und foltert, weil sie keine Kinder auf die Welt bringt, aber zum Kinderkriegen sagt die beschränkte Iwanka „muß man hin und wieder auch was dafür tun!“
In das Land kommt die Wende, das heißt Kirchen werden wieder gebaut und das „Business“ und so stellen sich Lenas Eltern, als der Vater nicht mehr seiner Fabrik für geheime Atom-U-Bote und die Mutter in der für Schokolade arbeiten können, auf den Markt und verkaufen Kostüme, die niemand haben will.
Der Vater baut später Buchweizen an, vergißt dabei, daß er dafür Bienen braucht und das Geld der Großeltern, das sie ihm dafür borgten, ist futsch, der Rest geht für die Bestechung der Professoren auf, denn Lena will an der Universität studieren und Philosophin werden, aber weil sie überall ihre eigene Meinung sagt, fällt sie bei der Aufnahmsprüfung durch, bekommt eine Beruhigungssspritze nach der anderen und kann nur Sport studieren.
Nach der Scheidung ihrer Eltern zieht sie ins Studentenheim und wohnt im Zimmer mit der dicken Disko-Werferin Wassylina, der alles „Wurst“ ist, die dann aber vor den Kämpfen doch immer nur auf dem Klo sitzt, tritt kurz in die nationale Freiheitsbewegung ein, wo man Straßennamen verändern und Bücher verbrennen soll, wird von der Uni exmatrikuliert und erfährt durch Zufall von Hunden, die man für einen Hrywnja fangen soll. Lena glaubt sie kämen in ein Tierheim, sie sind aber für ein China-Restaurant bestimmt, so daß Lena von Pontius zu Pilatus läuft und sich schließlich mit Transparenten auf die Straße stellt und die ausländischen Journalisten verständigt.
Sie hat auch schon vorher ein Inserat aufgegeben, um Business, wie so viele andere zu machen.
„Wunder auf Bestellung. Ggünstig. Bezahlung nach erbrachter Leistung. Bitte keine Anfragen bezüglich Schädigung anderer Personen.“
Es melden sich keine Kunden, nur ein abgetakelter Professor, der selber Geld haben will und Lena von einer fliegenden Frau erzählt, die ein altmodisches Kopftuch trägt und plötzlich auftaucht, um Personen aus brenzeligen Situationen zu retten.
Lena spürt dem ein bißchen nach, beantragt aber auch einen Pass und will sich ins Ausland absetzen. Den Bus nach Bratislava wird sie aber nie besteigen, denn plötzlich taucht die Mutter ihrer „Hund“ genannten Freundin bei ihr auf und bringt sie zu ihr, die nach dem ihr Mann wiedermal gewalttätig war, ins Frauenhaus flüchten wollte, dort aber nicht ohne ärztliches Attest hineinkonnte, so daß ihr in der Nacht die Füße abfroren und sie nun zwei Jahre schon in der ärmlichen Wohnung ihrer Eltern im Sessel sitzt.
Lena bleibt im Land und beschließt spontan Hund zu sich zu nehmen und ihr eine Invalidenrente und einen Rollstuhl zu organisieren. Dieselbe Erfahrung von früher, ohne Bestechung geht gar nichts, so daß sich Lena wieder auf die Straße stellt und die Massen organisiert. Das wirkt. Die Leiterin des Sozialamtes besucht Iwankas Eltern verspricht ihnen ein Auto, einen Rollstuhl, eine Rente, ein Telefon, etc, als aber Lena, die inzwischen als Kellnerin arbeitet, Iwanka besucht, erfährt sie der Rollstuhl, ein billiges Modell aus China, war sofort kaputt. So daß sie wütend zur Leiterin des Sozialamtes geht, auf sie einschlägt und in die Psychiatrie verlegt wird.
Dazwischen gibt es ein Kapitel, wo ein Psychologe von Lenas Helfersyndrom berichtet und eines, wo die Leiterin des Sozialamtes an den stellvertretenden Bürgermeister, um sich zu rechtfertigen, schreibt. Der Schluß wird dann von einer schizophrenen Mitpatientin erzählt. Eigentlich war Lena ganz gesund, nur in der Nacht war sie verschwunden, bzw. das Bett in dem sie selig schlief an der Decke des Zimmers gelandet und beim ersten Ausflug ins Freie flog sie fröhlich davon und ward nie mehr gesehen, nur das altmodische Kopftuch ihrer Großmutter, ließ sie der schizophrenen Mitpatientin zurück.
„Ist Lena verrückt? Ist sie eine Heilige unserer Zeit, die allen hilft, denen Unrecht geschieht? Oder ist sie einfach ein kämpferisches Mädchen, das sich mit Witz, Eigensinn und unerschöpflicher Fantasie gegen Gewalt und Machtmißbrauch zur Wehr setzt?“, steht am Buchrücken und Juri Andruchowytsch hat dazugeschrieben „Ich finde das Buch einfach genial.“
Mir hat der frische Ton dieses ukrainischen Schelmenromans, der mit der Politik, der Religion, der Wissenschaft, der Psychologie und noch vielem anderen spielt, auch sehr gut gefallen und habe schon erwähnt, daß ich es schade finde, daß das Buch über diese Lena, nicht auf der dBp Longlist steht, was aber auch nichts macht, da man es trotzdem lesen kann, was ich sehr empfehlen würde und eine Lesung in der Buchhandlung „Orlando“ Liechtensteinstraße 17, 1090 Wien, gibt es am 18. September um neunzehn Uhr auch.

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