Literaturgefluester

2013-09-09

Obdach. Los. Es.

Filed under: Uncategorized — jancak @ 23:05

Die „Wilden Worte“ einmal anders, während im Juni Erika Kronabitter höchst experimentelle aus ihrem Victor und ihrer Liza las und im Oktober Sisi Klocker eine experimentelle Performance darbieten wird, begann die Herbstsaison mit einer Lesung aus einem Buch über die Notschlafstelle der Cecily Corty in der Wilhelmsstraße 10 in Wien.
Die Juristin Martha Laufer, die schon unter dem Namen Hanna Seth ein Buch geschrieben hat und auch schon eine Menge Lesungen hatte, hat sich, wie im Einleitungstext steht, nach neunundvierzig Jahren völlig umorientiert und ein Sachbuch über die Notschlafstelle, bei der sie mehrere Monate mitgearbeitet hat, schreiben wollen.
Herausgekommen ist „Milchstraße 10“ in der Bibliothek der Provinz erschienen, Erlebnisberichte von der Schlafstellte gemischt mit Ereignissen des Reakterunfalls in Fukishima und anderen Texten, wie Martha Laufer in der Einleitung erzählte. Ein Thema das mich natürlich sehr interessierte, wenn die Lesung diesmal auch mehr soziologisch, sozialkritisch, etcetera, war. Daher vielleicht auch andere Gäste als sonst.
Margit Heumann war aber da und Erika Kronabitter mit einer Freundin und das Amerlinghaus war, wie Richard Weihs in seiner Einleitung erzählte über den Sommer frisch renoviert worden. Kein knarrender Fußboden mehr und frischgestrichene weiße Wände, auch neue Lampen und eine Ausstellung war auch gerade am Fertigwerden.
Martha Laufer begann dann etwas über die Notschlafstelle zu erzählen, ein Haus im zwölften Bezirk mit achtundvierzig Betten, das ab halb sechs betreten werden kann. Darüber gibt es Notwohnungen und Sozialberatung, Schreib- und Malgruppen und psychiatrische und andere Sprechstunden gibt es aus und ein Experiment, das aus der Unibesetzung vor ein paar Jahren entstanden ist, nämlich eine Wohngemeinschaft, wo Studenten mit Obdachlosen zusammenleben.
Es dürfen auch Alkoholiker und Menschen mit Hunden in den Notbetten übernachten, dreißig Tage lang, manche auch länger und Marthas Laufer erster Abend war eine Begegnung mit einer alten Frau, die schon vier Jahre dort täglich übernachtete und später in ein Pflegeheim übersiedelte.
Es gibt Frühstück und Abendessen, das von ehrenamtlichen Kochgruppen zubereitet wird. Alle Betreuung ist ehrenamtlich und Regeln gibt es natürlich auch.
Kinder dürfen dort nicht übernachten und auch keine Menschen im Rollstuhl, obwohl solche oft genug von Spitälern abgeliefert werden.
Polizisten bringen Männer, die aus ihren Wohnungen gewiesen wurden und die dann flüchten, weil sie es in dem Schlafsaal nicht aushalten und am Schluß erzählte Martha Laufer, wie viel sie von den Gästen gelernt hat und, daß sie während ihrer Mitarbeit ihre eigene Obdachlosigkeit erkannte und las auch noch eine Stelle aus einem Interview mit Cecily Corti vor, daß es das Wort „Erfolg“ für sie nicht gibt.
Daran spann sich eine lange Diskussion, weil natürlich viele Frage, wer wird ausgewählt und wohin gehen die Menschen, die hinausgeschmissen werden, wer entscheidet wer länger als dreißig Tage bleiben darf und und und ???
Eine sehr lange Diskussion, viel länger als sonst üblich und wahrscheinlich auch sehr viel Betroffenheit.
Dann kamen die Wunschgedichte, wo ich mir diesmal eines zum „Herbstanfang“ mit den Worten „Zwetschken“ und „Weintrauben“ wünschte und feststellte, daß ich sehr einfallslos bin, denn das letzte Mal habe ich mir eines zum Frühlingsbeginn gewünscht. Da fehlt dann nur der Sommer, da war aber Sommerpause und Gabriele Petricek, Erika Kronabitter und Sisi Klocker, die das letzte Mal da waren, haben sich alle drei sehr erotische Gedichte gewünscht, die für Richard Weihs, wie er sagte, eine gewisse Herausforderung darstellten.
Eine weitere Herausforderung war wohl auch das Wunschgedicht „Ich werde nie mehr ein Gedicht schreiben oder höchstens eins, zwei, drei…
Ein interessanter Abend also, ein bißchen anders als sonst, aber, daß die Literatur und die Gesellschaftskritik sehr dicht beieinander liegen kann, habe ich schon öfter festgestellt.
Man geht aus dem Amerlinghaus an all den Menschen, die im Beisl sitzen und ihr Schnitzel oder ihre Ethno-Speisen essen mit einem Gefühl vorbei, daß es einem vielleicht doch gut geht, weil man eine Wohnung und ein Bankkonto hat, so daß das Leben vielleicht wieder ein bißchen schön sein kann, bis einem die Depression wieder packt.

Kommentar verfassen »

Du hast noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: