Literaturgefluester

2013-09-19

Franz Kafka – Tagebücher 1910 – 1923

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:29

Dank dem offenen Bücherschrank habe ich mich jetzt in Kafkas Tagebücher eingelesen, was für die nicht Kafka- Expertin ein Weg hätte sein können, sich dem großen Dichter anzunähern, in der Realität aber wiedereinmal schwierig war, denn der Inhalt der dreizehn Quarthefte, die Kafka da seinem Freund Max Brod hinterlassen hatte und die von diesem 1950 vollständig und nur mit wenigen privaten Weglassungen herausgegeben wurden, enthalten außer „persönlichen Notizen und autobiographischen Reflexionen auch Aphorismen und Entwürfe zu zahlreichen Erzählungen“ und sind so für eine Nichtexpertin nicht leicht von einander zu unterentscheiden. Es gibt zwar ein paar Seiten Anmerkungen, um sich auszukennen, aber wieder viel zu wenig und so habe ich mich durch die vierhundertsiebzig sehr klein gedruckten Seiten, meiner Fischer TB-Ausgabe von 1981, wiedermal sehr schnell und flüchtig durchgelesen in der Hoffnung, dem Großen vor dem ja alle am Boden liegen und staunen, näherzukommen, denn bisher bin ich das nicht sehr. In der Schule habe ich, glaube ich nicht viel von ihm gehört, weil das Schuljahr mit der Matura zu Ende war, als wir bei Frau Professor Friedls Leseliste mit Max Mell und Anton Wildgans angelangt waren, zumindest kann ich mich nicht an Kafka-Texte erinnern.
Im Sommer 1973, als ich mir sehr viele Bücher kaufte, um mich in die Weltliteratur einzulesen, bin ich auch an „Amerika“ herangekommen, aber nicht wirklich weiter, weil ja keine Ahnung von Kafkas Schreiben und Literaturlexikons habe ich, glaube ich, weder gehabt noch benützt. Google hat es noch nicht gegeben. „Amerika“ habe ich viel später fertiggelesen und wieder nicht verstanden. Und als die Anna in der Schule mit der „Verwandlung“ nach Hause kam und darüber etwas schreiben mußte, habe ich auch nicht sehr viel verstanden.
Kafka der große der Unbekannte, der Surrealist und nähere mich erst jetzt ihm allmählich etwas an. Gab es da ja vor paar Jahren ein Buch über seine Beziehung mit Dora Diamant, das im ORF besprochen wurde. Von dem Briefwechsel mit Milena habe ich natürlich schon etwas gehört und vor ein zwei Jahren gab es beim Thalia-Abverkauf in St. Pölten ein „Kafka-Büchlein für Eilige“, das ich liegengelassen habe. Jetzt in Harland eine Gesamtausgabe Alfreds entdeckt und ein paar der Bücher auf meine Leseliste gesetzt, die „Verwandlung“ habe ich auch gefunden, als ich im Mai meine Bücherregale umräumte und meine Leseliste ergänzte und im Mai gab es in der Gesellschaft für Literatur auch „Kafka mit Sekt und Torte“ bzw. wurde dort das Buch „Kafkas Wien“ vorgestellt und ich habe über das große Wissen der anwesenden Kafka-Experten sehr gestaunt.
Das werde ich nun sicher nicht, habe durch die schnelle Badewannelektüre aber doch einige sehr interessante Eindrücke bekommen und einiges erfahren, was ich so nicht wußte. Denn ich habe, glaube ich, nicht einmal gewußt, daß er 1924 in Klosterneuburg gestorben ist und auch nicht, daß erst Max Brod seine Romanfragmente herausgegeben hat und zwar gegen seine ausdrückliche Anweisung, weil er die Texte vernichtet haben wollte und, daß er zu Lebzeiten nur Erzählungen veröffentlicht hatte und ihn also erst Max Brod zu dem großen Dichter machte.
Also auch einer, der zu Lebzeiten von seinem Ruhm nicht viel mitbekam und, daß sich Max Brod nicht an die Anweisungen gehalten hat, mißfällt mir, auch wenn ich schon weiß, daß wir dann um ein großes Literaturgenie gekommen wären, aber ich habe einmal Respekt vor persönliche Anweisungen.
Also sollte ich auch dieses Tagebuch nicht lesen, habe mich nach dem Kafka-Vortrag im Mai aber schon sehr darauf gefreut und da es ohnehin schon veröffentlicht ist, ist es auch egal und viele der Namen hat Max Brod ohnehin nur abgekürzt, um die Pribvatsphären zu schützen.
Es beginnt also mit 1910 und da springt der Autor gleich ganz untagebuchhaft in das Buch mit den Worten „Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbei fährt“ in das Buch hinein. Was hat das mit einem Tagebuch zu tun? Bei Kafka ist aber alles anders und in Wikipedia und auch im Buch habe ich gelesen, daß Kafka seinen Freunden Max Brod, Franz Werfel etc die Tagebücher auch vorgelesen hat, bzw. haben sich das die Freunde gegenseitig.
Kafka hat sehr lange bei seinen Eltern und seinen drei Schwestern, die alle im Holocaust umgekommen sind, gelebt, hatte ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater und hat bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung wegen seiner Lungenkrankheit im Bureau einer Versicherungsanstalt gearbeitet. Da kommen Stellen vor, daß ihm das nervt und gleich am Anfang gibt es auch eine Stelle „Oft überlege ich es, und immer muß ich dann sagen, daß mir meine Erziehung sehr geschadet hat.“
Diese Stelle wird mehrmals wiederholt und abgewandelt und einmal wird auch beschrieben, was der Vater zu dem Kind der Tochter, die diese gerade geboren hat, sagte „Als vorgestern die Mutter um ein Uhr in der Nacht von meiner Schwester zurückkam, mit der Nachricht von der Geburt des Jungen, zog mein Vater im Nachthemd durch die Wohnung, öffnete alle Zimmer, weckte mich, das Dienstmädchen und die Schwestern und verkündete, die Geburt in einer Weise, als sei das Kind nicht nur geboren worden, sondern als habe es auch ereits ein ehrenvolles Leben geführt und sein Begräbnis gehabt.“
Kafka geht viel ins Theater und liest auch viel, Goethe aber auch Otto Stoeßl und von einer Schnitzer- Auffühung wird berichtet, die aber nicht sehr gut gefallen hat.
1912 lernt er Felice Bauer kennen, im Buch F. genannt, verlobt sich 1914 mit ihr und es gibt einige Abschnitte, wo er seine Zweifeln über eine etwaige Heirat ausdrückt und überlegt, wo er mit ihr leben soll, Wien kommt, dafür nicht in Frage, „er dieses hasst und er in ihm nur unglücklich werden müßte“, die Verlobung passiert in Berlin, er löst sie aber bald wieder auf und 1914 ist überhaupt ein entscheidendes Jahr, der Krieg beginnt und Kafka beginnt auch seine wichtigsten Werke zu schreiben.
„Ich schreibe seit ein paar Tagen!“, merkt er so am 15. August 2014 an und Max Brod erläutert, daß es sich dabei um den „Prozeß“ gehandelt hat. „Das Urteil“ hat er im September 1912 in einer Nacht in nur acht Stunden hingeschrieben, Teile von „Amerika“ und die „Verwandlung“ sind auch 1912 entstanden. Es gibt auch ein paar Stellen über das Schreiben bzw. dazu, daß ihm das nicht oder nur zu wenig gelungen ist und auch eine Einladung von Robert Musil sich bei einer Zeitschrift zu beteiligen, wo er aber offenbar keine Texte dafür hatte.
Mit Felice Bauer, der er auch sehr viele Briefe geschrieben hat, die sie dann später im Exil in Amerika aus Not verkaufte, war er noch ein zweites Mal verlobt und eine sehr eindrucksvolle Reiseschilderung, als er Mitten im Krieg mit dem Zug nach Wien fährt, gibt es auch.
1917 wird bei Kafka dann die Tuberkolose diagnostiziert. Ab da werden die Tagebucheintragungen dünner. 1918 gibt es gar keines, die von 1919 und 1920 passen auf zwei Seiten.
Anfang 1920 hat er, wie Max Brod anmerkt „Milena Jensenska, die begabte tschechische Schriftstellerin kennengelernt, die 1939 in Prag ins Gefängnis geworfen wurde und in einem Konzentrationslager ermordet wurde.“
1921 und 1922 schreibt er wieder mehr, die Texte beziehen sich öfter auf seine Krankheit und seine Erholungsaufenthalte, Refelxionen auf das Leben kommen auch immer wieder vor. Mit 1923 schließen die Tagebücher.
Es sind dem Buch dann noch Reisetagebücher von drei Reisen angefügt, die Kafka zwischen 1911 und 1912 unternommen hat. Im Februar 1011 ist er offenbar in Auftrag seiner Versicherung nach Friedland und Reichenberg gefahren und hat in einem Schloß gewohnt, das laut Max Brod das Vorbild für sein „Schloß“ sein könnte, eine sehr schöne Beschreibung von einer Buchhandlung, wo er eine Zeitschrift in einer Auslage sieht und dann wegen der Umständlichkeit der alten Verkäuferin doch nicht nimmt, danach mit Max nach Paris, wo er sich mit diesen wegen etwas so Banalen wie das Waschen des Gesichtes zerstreitet und sowohl Bäckereien als auch Bordelle besucht und nach Weimar in das berühmte Goethehaus und vorher nach Leipzig, wo er Rowohlt besucht gibt es natürlich auch, zwei Kafka-Zeichnungen sind dem Buch auch noch angefügt.
Dann habe ich das Buch weggelegt, bin in das Internet gegangen und habe mir fast einen Tag lang, ich weiß auch nicht genau wieso, wahrscheinlich haben mich Kafkas Schwestern dazu angeregt, Filme über das Warschauer Ghetto angeschaut und bin dabei natürlich auf den jungen Marcel Reich-Ranicki gestoßen, der dort im Judenrat gearbeitet hat, bevor er mit seiner Frau Tosia geflohen ist und der auch ein Buch über Kafka geschrieben hat.
Als ich vorhin, was ich sehr gerne tue, http://www.buecher.at, aufrief, habe ich gelesen, daß der Kulturgewaltige gestorben ist und bin, was mir nicht sehr oft passiert, zusammengezuckt und habe sehr betroffen „Uje!“, ausgerufen.

Werbeanzeigen

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: