Literaturgefluester

2013-10-05

Jede Nacht

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:17

Nicole Makarewiczs, 2010 bei „Seifert“ erschienene dreißig Erzählungen haben es in sich und machen es der Leserin nicht leicht.
„Unbequeme Geschichten über Wende- und Endpunkte, die sich in jedem Leben ereignen können“, steht ganz harmlos auf der Buchrückseite und ist ganz schamlos untertrieben, denn eigentlich ist nichts „alltäglich“ in den dreißig Kurzgeschichten, sondern alles bis zur Extremspannung gesteigert und dann noch mit einem Schuß Phantasie zu einer unerwarteten Wende aufgeladen.
Man lernt das wahrscheinlich in den Schreibseminaren und die 1976 in Wien geborene Journalistin und Redakteurin, hat auch, glaube ich, Thomas Wollingers „Texthobel“ besucht, zumindest habe ich sie bei einer dortigen Lesung kennengelernt und so fängt es mit „Heißhunger“, der Geschichte, mit der Nicole Makarewicz, den ersten Preis bei der „Münchner Menulesung 2009“ gewonnen hat, auch mit einer „ganz harmlosen Eßstörung“ an.
So denkt sich das zumindestens die Psychologin und hat solche Geschichten auch schon gelesen, die von einer Frau handeln, die sich ihr Gewicht hinunterhungert und ihr Leben vom „Essen bestimmen“ läßt und die „Kochshows mit Ersetzen erfüllt“.
Das hat mich ein wenig erstaunt, dachte ich doch, daß die Magersüchtigen gerne für die anderen kochen und sich diese auch gern ansehen. Die Erzählerin spricht jedenfalls von „Ananas auf Kochschinken, harten Eiern und Avodados“ und fährt dann mit der U-Bahn und trifft dort auf eine „Esserin“, die mit Wonne ihren Apfel, ihr Schokocroissant und ihre Käsesemmel“ vernascht und so verliebt sie sich in sie so sehr, daß sie sie zum Essen eindlädt.
So weit noch alles nachvollziehbar, dann betäubt sie die Freundin aber mit dem „Cocktail, hievt sie in die Badewanne und bindet sich die neue Schürze um, um die neuen Pfanne und die großen Kochtöpfe einzuweihen“.
Gekonnt makaber und beklemmend und hoffentlich nicht wirklich alltäglich und so geht es weiter von Geschichte zu Geschichte, in dem uns Nicole Macarewicz, die Scheußlichkeiten des Lebens zeigt und das immer auch noch auf die makabere Spitze zu treiben weiß.
In „Unter Strom“ ist ein Mann eifersüchtig auf seine Frau und glaubt, daß sie ihn mit dem „fetten rotgesichtigen Nachbarn“ betrügt. So setzt er das Auto unter Strom, es kommt aber die Polizei und er darauf, daß er den Frauen hereingefallen ist, denn die Gattin hat ihn nicht mit dem Nachbarn, sondern mit der Nachbarin betrogen und nun sitzt er in der Gefägniszelle und hofft auf das „Mißverständis.“
In „Allein“ geht es ähnlich scheußlich weiter, obwohl hier eigentlich nur das „pure“ Leben geschildert wird, wie es in den Familien tatsächlich vorkommen kann.
Eine Dreizehnjährige gebiert auf der Schultoilette, das vom Vater gezeugte Kind und läßt es dort zurück. Sie bringt sich später um, der Bub wird adoptiert und träumt von Kinderfüßen. Seiner Tochter wird er aber nichts antun, so lange er es aushält, da wird er sich lieber auf der Toilette, wo sein Leben angefangen hat, erschießen.
„Vergissmeinicht“ auch eine preisgekrönte Geschichte, macht es wieder auf Kriminalroman. Da pflanzt eine Frau im Dorf diese Blumen an und trauert, um den Mann der sie verlassen und zum Gespött der Dorfgemeinschaft gemacht hat. Nur leider stolpert man oder sie, ähnlich, wie bei Doris Dörrie oder Christine Grän, bei denen ich solches auch schon gelesen habe, über Rattengift.
Da ist „Stillstand“ wieder harmloser oder vielleicht auch nicht? Ein Student, der sich zu Weihnachten mit seinen Eltern verkracht hat, beschließt das Fest allein im Studentenheim zu verbringen, die anderen sind, weg, der Hausmeister ist auf Urlaub, da bleibt der Lift stecken, der Aku ist leer, er gerät in Panik und als er endlich doch seine Mutter erreichen kann, hängt die aus Wut auf, weil er nicht früher gemeldet hat.
Böse böse und sehr makaber, gibt es nichts Schöneres und Normaleres auf dieser Welt?
Bei Nicole Macarewiczs Erzählband offenbar nicht, obwohl ich „Morgen“ schon in meiner Praxis erlebt haben könnte, denn da geht einer, um sich auf das morgendliche Großereignis, das endlich stattfinden kann, vorzubereiten, in einem Kosmetiksalon, läßt sich die Finger und die Zehennägel bemalen, die Beine entwachsen, geht auch zum Friseur, denn morgen hat er es geschafft, da wird er endlich in eine Frau umoperiert, worauf er schon sehr lange wartet.
„Brüderlein fein“ geht dann wieder in die psychische Extremsituation, die man auch „Wahnsinn“ nennen kann und in manchen Schauergeschichten beschrieben findet, denn da erzählt eine von ihrem Bruder, der mit ihr Sommer um Sommer Tiere zerlegt, zerschneidet und zerhackt. Frösche, Hunde, Katzen, gar nichts läßt er aus, am Ende geht es an die Mutter, die er, wie in den vorigen Geschichten, fein zerteilt und zerlegt und wir sind nicht sicher, ob es den Bruder überhaupt gegeben hat. Der Frau wird aber jedenfalls versichert, daß sie nicht zurechungsfähig ist.
Ja, es gibt solche Geschichten, wir lesen sie manchmal in „Täglich heute“.
Nicole Macarewicz hat ein ganzes Buch daraus gemacht und hastet sozusagen von Perversität zu Perversität, die immer wieder auch mal nur eine „ganz normale Eßstörung“ ist, oder eine Frau beschreibt, die sich für ein Kind aufopfert, das sie aus einem Kinderwagen gestohlen hat.
Auch das gibt es, ich habe im „Wiener Stadtroman“ darüber geschrieben.
Dann fährt eine seit ihrem vierten Lebensjahr, jährlich aufs Land zur Sommerfrische und erlebt dort das bäuerliche Schlachten bis zur Schlachtplatte mit den Bluntzn und dem Liptauer beim Heurigen mit, bevor sie selbst, aus Notwehr an das Gewehr greift und der Amokläufer, der in „siebenundvierzig Minuten, einundzwanzig Schüler, neun Lehrer und sich selber schafft“, war einmal ein unauffälliger, gemoobter pickeliger Durchschnittsschüler, ja das gibt es, wir lesen es in der Zeitung und hören es im Radio und sollten vielleicht weniger mobben oder mehr die Waffen verbieten.
Am eindruckvollsten ist wohl die Geschichte von der Frau, die einfach einmal „hier raus“ mußte, so läßt sie ihre vier Kinder, den hilfsbereiten Großen, die trotzende Dreijährige, die wunderschönen Zwillinge, erstickt zurück, nimmt ihren nie benützen Paß und geht spazieren, ißt zu Mittag eine Gulaschsuppe, muß sich übergeben und räsumiert dabei ihr Leben, in dem sie nie Kinder wollte und dennoch ohne Unterstützung viermal Mutter wurde, bis die Polizei hinter ihr steht und sie antippt.
Alpträume kommen vor und Schlaflabore und Wunschkinder, die andere Seite der Geschichte und wieder ist Micole Mackarewicz wunderbar oder grauslich makaber, da hat sich so ein Paar durch eine als „Fruchtbarkeitsklinik getarnte Geldvernichtungsmaschine“, gequält.
„Sie müßen pressen!“, mahnt die Hebamme, sie wartet auf den ersten Schrei und hört ihn nicht, nur die Hebamme betroffen „Es tut mir leid. Damit, daß soetwas geschieht, rechnet niemand. Aber es passiert“ und sie ist es, die, das „Licht sucht und nur mehr die Leere findet.“
In „Jede Nacht“, der Titelgeschichte, schleicht sich auch ganz alltäglich, der Sohn ans Bett der Mutter nur steckt er dann sein Glied in sie hinein, bevor sie ihn zurück und morgen wieder in die Schule schickt.
Und die die ihr lebenlang immer nur die zweite war, hat das Glück als erste in der Familie an Gehirntumor zu erkranken und gegen Schluß wird es noch einmal packend alltäglich und das kennen wir nun aus den Prospekten mit den Zahlscheinen, die die Sterbehospitze manchmal an uns schicken, denn da wird im Sommer für eine Achtzehnjährige noch einmal Weihnachten gefeiert, mit Christbaum, Kerzen, Kugeln, Gansl, Rotkraut, von denen sie nur mehr ein paar Bissen essen kann, bevor sie es erbricht und richtigen Schnee gibt es für eine Sekunde offenbar auch oder waren es die Tränen aus Hilflosigkeit vor der Ungerechtigkeit der Welt?
Kein Zweifel, Nicole Makarewicz ist eine sehr eindrucksvolle Schreiberin, die uns die reale und erdachte Grausamkeit wirkungsvoll servieren kann und so läßt mich das Buch, das auch ein wenig makaber ihren „Mädchen, zur Inspiration und Ablenkung. Und das jeden einzelnen Tag“ gewidmet ist, etwas ratlos zuück und daran denken, daß das ganz normale Leben zum Glück meistens doch ein wenig harmloser ist und kann der Autorin nur wünschen, daß sie vielleicht auch einmal etwas anderes erzählt.
Aber es gibt noch einen, ebenfalls bei „Seifert“ erschienenen Roman, eine Homepage, auf der genau die vorhandenen Veröffentlichungen, Preise und literarischen Erlebnisse aufgelistet sind. So hat Edith Ulla Gasse „Jede Nacht“ einmal für die ORF-Bestenliste vorgeschlagen und eine Literaturhausrezension gibt es auch, die meint, daß das Buch wirkt, als hätte die Autorin „Täglich Alles“ etc auf die grauslichsten Geschichten abgesucht und daraus Literatur gemacht.

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