Literaturgefluester

2013-10-25

Stilfibel

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:35

Als Jaqueline Vellguth oder war es jemand anderer vor Jahren einmal nach dem besten Schreiblernbuch fragte, bin ich auf Ludwig Reiners „Stilfibel“, ein 1943 erschienens Buch, das noch dazu größtenteils von Eduard Engels, 1911 gleichnamigen Buch, übernommen wurde, gestoßen.
Wie kann das sein? Klingt ein wenig seltsam in unserer schnelllebigen amerikanisierten Zeit, wo Freys „Wie man einen verdammt guten Roman“ schreibt, doch sicherlich an zweiter Stelle steht und Bücher meistens schon nach kurzer Zeit veraltet sind.
Ich habe versucht, an das Buch bei Google Books heranzukommen und dann darauf vergessen, bis ich es kürzlich im Schrank gefunden habe. Und weil ich ja die schöne Gewohnheit habe, wenn möglich vor dem Schreiben von etwas Neuen, einen Schreibratgeber zu lesen, habe ich es nach meinen Recherchetagen eingeplant und ich muß sagen die Lektüre ist wirklich interessant und auch verblüffend, wenn man noch dazu die politischen Umstände einbezieht.
„Die Stilfibel – Der sichere Weg zum guten Deutsch“, bei DTV 1999 in dreißigster Auflage erschienen, verfaßt oder übernommen, etc, von dem 1896 geborenen und 1957 gestorbenen Kaufmann und Schriftsteller Ludwig Reiners verblüfft erstmal durch das Selbstbewußtsein, wie das und das ist auch sehr interessant, in direkten Zwiegespräch verfaßte Buch geschrieben ist, verspricht es doch dem Leser, wenn er nur genügend aufmerksam liest und fleißig übt, ein viel besseres Deutsch.
Es ist kein Schreiblernbuch, das hat es im vorigen Jahrhundert wohl noch nicht gegeben, verwendet aber einiges, was in diesen dann übernommen wurde.
Vergessen habe ich noch zu erwähnen, daß der Kaufmann und Schriftsteller Mitglied der NSDAP war, was für ein immer noch aufgelegtes, verkauftes und angepriesenes Buch nicht uninteressant ist.
Bei Amazon wird es immer noch als eines der besten und nicht antiquierten Fibeln angepriesen und antiquiert ist es auch nicht oder vielleicht doch ein bißchen.
Jedenfalls verblüfft die lebendige Sprache und das Selbstbewußtsein, dann ist es aber auch ordentlich autoritär und spart nicht mit den Formulierungen „Sie müßen“, Sie dürfen nicht“, „Und wenn Sie nur genügend üben, werden Sie schon besser werden!“
Dann werden zuerst die sprachlichen Fachausdrücke erklärt.
„Die müßen sie auswendig lernen, aber keine Angst, später wird es nie mehr so trocken!“
Dann kommen die zwanzig Verbote, das was man im guten Deutsch nicht verwenden darf, nicht „derselbe“ sagen, beispielsweise. Reiners erklärt das auch und ich dachte, daß „derselbe“ eigentlich gar nicht so unlebendig klingt.
Dann muß man aber schon sagen, Reiners bringt es auf den Punkt und meint genau das, was ich inzwischen in vielen anderen Büchern auch gefunden habe, nur sagt er, der ja keine Fremdwörter mag „Verwenden Sie diese niemals nicht!“, nicht „Show not tell“, sondern „Schreiben Sie klar, lebendig und anschaulich!“
Kein Kanzleideutsch, das war vieleicht 1950 noch das Problem in den deutschen Amtstuben, sondern „So wie Sie sprechen, nur mit mehr Sorgfalt!“ und all das wird, glaube ich, bis heute übernommen, mit Ausnahme der Fremdwörterphobie vielleicht, aber Reiners verwendet auch lateinische und griechische Ausdrücke und ist da vielleicht ein bißchen inkosequent. Sonst meint er, daß die Fremdwörter die Sprache „scheckig bunt und schwammig macht und unverständlich“, so daß die Ungebildeten die Gebildeten nicht mehr verstehen, wenn diese sagen „Die astehnische Konstitution des Patienten war eine primäre Komponente für das letale Resultat“ und meinen, daß der schwächliche Körperbau den Tod verusacht hat.
Wie wahr, Reiners ist auch gegen zuviel Hauptworte, gegen Schachtelsätze und meint, was ich eigentlich sehr spannend fand, daß man sich immer um Lebendigkeit und Vielseitigkeit des Ausdrucks bemühen soll, also statt Vogel, Bachstelze oder Stieglitz schreiben und damit man das kann, Bildlexika verwenden.
Man soll auch nur über das Schreiben, was man kennt, also sich vorher bilden oder recherchieren, auch sehr wahr. Dann gibt es, was ich auch sehr anschaulich finde, immer nach den Kapiteln, „Der Schüler fragt-Einschübe“, wo der Schüler den Lehrer ein bißchen in Zweifel zieht und das Ganze wiederholt wird.
Daß Reiners meint, daß das, was der Dichter darf, dem „Esel“ noch lange nicht zusteht, mißfällt mir ein bißchen, aber ich bin ohnehin nicht sehr autoritär und mehr für die künstlerische Freiheit. Er läßt sich aber auch auf Widersprüche ein, denn wie soll man knapp und klar sein, wenn man wieder für den abwechslungsreichen Ausdruck ist?
Übungsbeispiele gibt es immer auch und Reiners hat den Schülern schon in seinem Vorwort ausgerechnet, wieviele Stunden sie brauchen werden, um ein garantiert besseres Deutsch zu schreiben.
Dazu muß man auch viel lesen, Reiners unterscheidet zwischen Belletristik und Sachbuchprosa, die zweite muß man anstreichen, bei der ersten tut das nur der Pedant und man darf nur gutes Lesen, keine Schundhefterln, also.
Beispiele gibt es auch, Thoma wird öfter zitiert und Goethe.
Reiners scheint aber auch Humor gehabt zu haben, so ersetzt er ein Schüler Lehrer Gespräch einmal mit einer Stelle aus einem Roman Paul Kellers, wo das Peterle einen Aufsatz über die „Freuden und Leiden des Winters“ schreibt, “ so wie das alle Buben im deutschen Reich im Winter schrieben“ und ihn dem Hausknecht Gottlieb vorliest, um damit den „papiereren von einem lebendigen Stil“ zu unterscheiden“.
Dann gibt es noch Ratschläge zum Schreiben von Schulaufsätzen, Liebesbriefen, etc, wo Reiners Gliederungen empfiehlt und sehr genaue Anweisungen gibt, die mir manchesmal zu pedantisch waren.
Ich hab die Übungen auch nicht gemacht, mir nur die Beispiele durchgelesen, die mich manchesmal verblüfften, weil ich sie gar nicht so knapp und klar fand.
„Führen sie zum Beispiel folgende Sätze in anschaulicher Form zu Ende „Es war so heiß, daß… ich schwitzte“, hätte ich geschrieben. Der klare, knappe Reiners empfiehlt „… daß die Fußgänger auf der Straße lieber einen kleinen Umweg machten, als den Schatten der Häuser zu verlassen.“
Ein Schreiblernbuch habe ich nicht gelesen, sondern im autoritären Gewand viel Wahres gefunden.
„Sei einfach, sei knapp und klar!“, was wirklich noch heute so empfohlen empfohlen werden kann. Man soll nicht so viele Adjektive verwenden, das habe ich auch schon wo anders gelesen. Allerdings empfiehlt Reiners statt „sagte er, sagte sie“, schrie, plätscherte, wisperte, flüsterte, brüllte, etc zu verwenden und das wird, glaube ich, nicht mehr so empfohlen.
Ob mein Sprachstil jetzt besser geworden ist, weiß ich nicht. Ich weiß aber vielleicht genauer, was ich nach Reiners falsch mache und verblüfft bin ich natürlich auch, daß so ein altes Buch eigentlich wirklich sehr lebendig ist. Der autoritäte Lehrer war also eigentlich sehr modern.
Und das mit dem Nationalsozialismus ist ein anderes Kapitel, das man vielleicht auch diskutierten und darüber nachdenken könnte.

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2 Kommentare »

  1. Liebe Eva, Deine so genaue Beschäftigung mit dem was ich in meinem Deutschunterricht von 1963 -91 vermitteln musste – laut Lehrplan – und die Wirkung auf Dich, war für mich interessant. Ich persönlich schlage mich als Autorin mit ganz anderen Problemen herum. etwas dass Sprache im Grunde Nichtwirklichkeiten abbildet, wo wir als Autoren die Leistung zu vollbringen haben, möglichst viele Ebenen der Wirklichkeit in dieser sprachgeformten Nichtwirklichkeit durchscheinen zu lassen. Morgen fahre ich paddeln an den Neusiedlersee, während in Wien viele ihre Köpfe zum 200 m Kran am Heldenplatz erheben werden. Liebe Grüße Margot PS. die Lesung mit Hilde Schmölzer und die Neuauflage von Lina Loos Buch, war sehr anregend.

    Kommentar von Margot Kolller — 2013-10-25 @ 12:58 | Antwort

  2. Na, da hatte die Hilde Schmölzer ja Publikum, sie war ja sehr besorgt, daß keiner zu ihr kommt, mich hat es ja zur Friederike Mayröcker verschlagen.
    Und was die „Stilfibel“ betrifft, ein bißchen nachdenklich machte mich das Buch schon, obwohl sicher einiges, was drin steht, stimmt und auch erstaunlich modern klingt, daß sich die Leute offenbar sehr an diese Regeln halten, so als wären sie ein Gesetz.
    So bekomme ich inzwischen regelmäßig Kommentare, die sich darüber mokieren, daß ich immer noch die alte Rechtschreibung verwende, als ob man das nicht dürfte.
    Da denke ich schon, wer bestimmt, was gutes Deutsch ist? Und denke auch, daß das nicht immer so einfach ist. Ein wenig beruhigt es mich dann, daß Friederike Mayröcker auch ihre eigenen Regeln hat.

    Kommentar von jancak — 2013-10-25 @ 18:08 | Antwort


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