Literaturgefluester

2013-11-13

Die VerkörperungEN

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:09

Die „VerkörperungEN“ – ein Bilderbuch von Valerie Fritsch ist kein weiterer Bildband mit Reisefotos der Autorin, sondern der erste, 2010 bei Leykam erschienene Roman, der 1989 in Graz geborenen Autorin, die ich das erste Mal in Angelikas Reitzers „Textvorstellungen“ hörte und von der jungen Frau, die die so unbekümmert von einer Ärztin las, die einmal Hure war und dazu selbstbewußt erzählte, daß sie selbstverständlich diesbezüglich in Bordellen recherchiert hätte, sehr beeindruckt war.
Dann kam der FM4-Preis und eine Zeitlang führte Valerie Fritsch die Suchanfragen des Literaurgeflüsters an. Bei der GAV-Aufnahme gab es Diskussionen, wahrscheinlich trauten die Juroren einer so jungen Frau einen solchen Sprachreichtum nicht zu, den ich irgendwo zwischen Andrea Winkler und Marjana Gaponeko ansiedeln würde und wenn man mit Zwanzig, Sätze, wie „In der Nacht stehen wir Modell für schlechte oder traurige Gedanken“ schreibt, kommt man vielleicht auch manchmal unter Kitschverdacht.
Valerie Fritsch kam jedenfalls mit ihrem zweiten Buch, dem wirklichen Bildband auf die „Alpha-Shortlist“ und letzte Woche habe ich sie mit dünner Stimme hastig ihre schönen Sätze, wie „Prinzessinnen sterben vor Traurigkeit, ihnen ist immer schwindlig, weil sie spüren, wie die Erde sich dreht“, bei den „Lockstoffen“ im Museumsquartier lesen gehört.
Meine Stammleser wissen es ja, ich, die unter Verdacht steht, nicht literarisch schreiben zu können, habe ein Problem mit den allzugroßen Worträuschen, wo es seitenlang, um eine Bank oder Bäume auf einer Wiese, aber um keinen Inhalt geht und habe mir immer gewünscht, daß einmal jemand kommt, der beides verbindet.
Es mag sein, daß Valerie Fritsch das kann oder in ihren späteren Büchern können wird, denn die Sprachräusche, der als sie das Buch schrieb, sicher noch nicht viel über Zwanzigjährigen, die ihre Sätze meist mit „…sind gewesen“ beginnt, sind wirklich sehr beeindruckend und einen Inhalt, einen Plot, eine Handlung gibt es, wenn man es so will, auch.
Da ist die namenlose Ich-Erzählerin, die, sie betont es immer wieder, „jetzt Ärztin ist und früher Hure war“, sie lebt in Paris, mit einem Du, ihrem Liebsten und erzählt und erzählt, schnell und hastig tut sie das und sprudelt ihre Erlebnisse, ihre Empfindungen, ihre Behauptungen über diese Welt in wahren Worträuschen aus sich heraus. Erzählt dabei von ihrem Schock über den Tod ihrer Mutter, der sie, wenn ich das recht verstanden habe, die Geschichte spielt sich natürlich nicht chronologisch ab, zu ihrem Austritt aus dem Bordell und auf die Palliativstation bzw. in die Altersheime zu den Sterbenden führt, denn sie ist Krebsspezialistin und die Mutter hat ihr vor ihrem Tod auch noch ein Stethoskop geschenkt und in das Bordell, das sinnigerweise „Fleurs du Mal“ heißt und wenn man sein Einstellungsgespräch als Prostituierte hat, wird man von dem Besitzer Monsieur Candisi in den Zoo geführt und nach Baudelaire gefragt, hat sie, wie ihr irgendwann vorgeworfen wird „den Krebs gebracht“.
Hat sie ja offensichtlich dort zwischen ihren Kunden, ihre Facharztausbildung, das scheint mir nicht ganz wirklichkeitsgetreu zu sein, durch Bücher absolviert, beziehungsweise den Mädchen dort ihren Körper erklärt und die haben dann genauso Krebsgeschwüre entwickelt, wie früher die Hamster, mit denen ihr Bruder spielte.
Später ging sie dann nach Paris, das „Fleurs du Mal“ befindet sich nicht dort, geht in die Altersheime und ärgert dort einmal, wenn sie traurig ist und an den Tod ihrer Mutter denkt, auch einen alten Mann, in dem sie ihn an sein Sterben erinnert.
In Paris ist auch Charime „die hat einen quadratischen Kopf und havannarote Lippen“ und ist die Besitzerin einer Geisterbahn, die ihr ihr Vater schenkte, dort spielt sie den Tod.
Man sieht Valerie Fritsch hat Phantasie und lebt sie ungeniert aus und viele viele Einfälle, die sie in die schönsten Worträusche zu verpacken weiß.
So liegen „in unserem Schlafzimmer die Pölster am Boden und all das Gewand, das wir besitzen, und die Bettwäsche waschen wir jeden fünften Sonntag im Monat, und wenn es keinen gibt, waschen wir sie nicht. Chaos ist bloß Revolution der Ordnung. Im Sommer: wird der Wein rot und das Vögeln ist Vogelschau und man deutet die Zukunft danach und die Trennungen voraus.“
Kanarienvögel in schönen Vogelkäfigen, wie sie schon am Umschlag zu sehen sind, spielen in dem Buch auch eine große Rolle und mit dem Liebsten gibt es auch Probleme, bekommt der doch irgendwann von einer anderen ein Kind, so daß sie mit ihm ein Restaurant besucht und ihm zu verlassen droht, aber „Seit dem Abendessen vor ein paar Wochen ist Zeit vergangen und die Zufälle haben uns eingeholt. Du hast eine andere Frau geschwängert und ich habe beschlossen zu gehen, aber ich habe beschlossen, dass es nicht weit weg sein muß. Ich schlafe in der Badewanne und die Nachtschichten haben nachdrückliche Farben.“
„Manche Geschichten erzählen sich gleichförmig und immer wieder von vorne, damit ihr Ende überraschend wird“, geht es dann weiter.
„Es ist Zufall: ich bin schwanger und jetzt: hast Du zwei Frauen, die ein Kind erwarten von Dir. Ich finde, es ist ein guter Gedanke. Es passieren komische Dinge und die Geschichten hören nicht auf.“
Wohl aber Valerie Fritsch erster Roman auf Seite 175 und eine solche Sprachvielfalt ist wahrlich nicht einfach zu lesen, wenn man sie festhalten und die Orientierung nicht verlieren will. So habe ich einige Tage in der Badewanne mit wahren Wortduschen verbracht und das Buch habe ich im Februar im Bücherschrank in der Zieglergasse gefunden.
Es war, glaube ich, ungelesen. War es ein Rezensionsexemplar, das einer, der im siebenten Bezirk lebenden Rezensenten weggab oder ein Geschenk über das man sich nicht darüber traute? Ich behaupte ja immer vorwitzig, daß sehr viele von den Büchern, die da erscheinen, weil so viele Leute schreiben, nicht gelesen werden.
Ich habe es getan und mich über den Fund sehr gefreut. Jetzt bin ich wieder sehr gespannt, wie es mit der literarischen Karriere Valerie Fritschs weitergeht und was ich von ihr noch hören oder finden werde.

Advertisements

Schreibe einen Kommentar »

Es gibt noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: