Literaturgefluester

2013-11-15

Die Liebe am Nachmittag

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:04

Mihahy ist sechsundvierzig, Schriftsteller, Kritiker, Dandy und Lebenmann, flaniert durch das Zwischenkriegs-Budapest und erzählt in dreiundvierzig Nachtstücken von der Liebe, dem Leben, dem Älterwerden und noch einiges mehr.
Die Liebe am Nachmittag war in Ungarn der Neunzehnhundertzwanziger- oder dreißigerjahre wohl die des Lebemannes zu der verheiraten Frau, die nur zu diesen Tagesstunden Zeit für ihren Liebhaber hat und auch da nicht wirklich, denn da muß sie ja auch ihre Freundinnen treffen, Verwandte besuchen etc.
Mihahy hat zwei solcher Lieben, die eine zu der „Fünfblumenfrau“, die ihn mit Zigarettenspitzen und Brieföffnern beschenkt, die er eigentlich gar nicht haben will und zu Iboly, einer Schauspielelevin, die ist nicht verheiratet, kommt aus armen Verhältnissen, so daß er ihr die Pengös für die Strumpfrepassieren und das Telefonieren aufdrängen muß. Wir sind da in der Zeit, wo man noch die Strümpfe stopfen und die Mänteln neu besetzen ließ und die Liebhaber steckten dafür offenbar den jungen Mädchen, die diesbezüglichen Geldstücke zu und diese Liebe, von der ein großer Teil des Buches erzählt ist überhaupt recht merkwürdig, denn wenn ich es recht verstanden habe, platonisch, Mihaly will Iboly ständig loswerden und unternimmt diesbezüglich einige Anstrengungen und Verrenkungen. So geht er etwa zu dem jungen Fleischer Gyula, der ihm sein hygienisch schönes Geschäft zeigt und bietet sie ihm regelrecht an, auf der anderen Seite übt er aber auch die Rolle mit ihr, die sie für die Schlußaufführung der Schauspielschule bekommen hat, geht mit ihr diesbezüglich auf den Friedhof und auch zu dem Professor der Theaterschule, damit der genügend mit ihr studiert und besticht auch die Kritiker, damit sie für ihn die gewünschten Kritiken schreiben.
Auf der anderen Seite wird er von Kritikern besucht, die über ihn schreiben sollen und da beschreibt Ernö Szep der Autor, erstaunlich scharf und genau, wie damals die Lebensbedingungen der Eleven und Praktikanten waren, sie unterscheiden sich von den heutigen Verhältnissen, glaube ich nur, daß man die Strümpfe nicht mehr repassieren läßt und mit der Sexualität etwas offener ist, sonst gibt es Zeilenhonorar und kein Geld und Mihaly ist deshalb auch ständig verschuldet und verpfändet, obwohl er auf großen Fuß zu leben scheint und für seine Frauen und seine Mäderln auch hübsch die Pengö springen läßt. Dann hat er noch eine Mutter, die ihn „Papachen“ nennt, weil er der Familienernährer ist und eine Schwester, er schreibt an Theaterstücken und anderen Auftragsarbeiten, so zum Beispiel für die Weihnachts- und Osterhausgaben der Reklamehefte verschiedener Geschäfte Gedichte und Angst vor dem Alter scheint er auch zu haben, so berichtet er genau, wie das war, als er seine erste Brille brauchte, bzw. das erste graue Haar entdeckte. Das ist vielleicht auch der Grund Iboly, die ihn sehr zu lieben scheint und auch gerne immer mit aufs Zimmer kommt, loswerden will.
Das Buch ist ein Fund, denn ich habe von dem 1884 in Huszt, ehemals Österreich Ungarn, heute Ukraine, geborenen Ernö Szep, der als Zeitgenosse Marais und Szerb beschrieben wird, noch nie etwas gehört.
Kein Wunder wahrscheinlich, scheint er eben wiederentdeckt zu werden, bzw. wurde er das vor fünf Jahren schon, denn das Buch, das ich am Samstag im „Wortschatz“ fand, ist ein Leseexemplar mit Nachrichten an die lieben Buchhändler bzw. Rezensenten, nicht vor dem 15. 11 2008 beprechen, da es erst im Dezember 2008 erschienen zu sein scheint, es war zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht fertig lektoriert, wenn man also Fehler gefunden hat, hätte man erst rückfragen sollen.
Es gibt auch am Beginn einen ausführlichen Lebenslauf des Dichters mit einigen Fotos und den Hinweis, daß der Roman in ein verlorengegangenes Budapest führt. Wie wahr.
Ernö Szep stammte als Sohn eines Lehrer aus ärmlichen Verhältnissen. Wurde in Budapest zu einem gefeierten Schriftsteller. Nach dem Sturz der Räterepublik 1919 emigrierte er nach Wien. 1944 kam er in ein Arbeitslager und wurde kurz vor der Deputation nach Auschwitz von Raoul Wallenberg gerettet, entkam nach Schweden, wo er 1953 starb.

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