Literaturgefluester

2013-11-18

Eröffnung der Lesefestwoche

Filed under: Uncategorized — jancak @ 23:25

Die Buch-Wien ist ja mit einer sogenannten „Lesefestwoche“ gekoppelt, wo an bestimmten literarischen Orten, wie das Literaturhaus, die „Alte Schmiede“, die Hauptbücherei etc besondere Veranstaltungen stattfinden, die am Montag immer feierlich eröffnet wird.
2008 und 2009 war dort, dann hatte ich zwei Lesungen und einmal ist die Eröffnung, glaube ich, auch ausgefallen oder fand anders statt so daß ich nach drei Jahren Unterbrechung diesmal in den Stadtsenatsitzungssaal, das ist der mit den Bürgermeisterbildern, ins Rathaus marschierte, um mir Ferdinand von Schirachs Eröffnungsrede und Lesung anzuhören.
2007 als es noch die Buchwoche gegeben hat, war ich auch einmal bei der feierlichen Rathauseröffnung, da haben mir sowohl die Hilde Langthaler als auch die Ruth Aspöck eine Einladung zur Verfügung gestellt, die Ruth hat mich, glaube ich, als ich Verlagsvertreterin angemeldet, die Hilde Langthaler hatte eine vom Schriftstellerverband, am Eingang wurde streng kontrolliert, der Toleranzpreis wurde vergeben, dann gabs ein Buffet und die Buchwoche wurde eröffnet und ich habe, glaube ich, den Picus-Verleger mit dem Herrn Hintermayer verwechselt, was ein wenig peinlich war, vor allem, weil ich ihn nach seinen Eltern fragte, die schon verstorben waren.
Diesmal war es nicht ganz so festlich, zumindest gab es kein Buffet, aber einen Büchertisch und auch eine Anmeldung vor dem Saaleingang und weil ich vorher ein wenig getrödelt habe, bzw. mit meinen zwei Befunden nicht fertig geworden bin, habe ich auch keinen Sitzplatz mehr gefunden und bin bei der Türe gestanden. Neben mir die Feuerwehrleute, die den Zugang bewachten und die noch späteren nicht mehr hineinließen.
Den Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach, Enkel des NS-Reichsjugendführers Baldur von Schirach, kenne ich auch durch den Blog von Leselustfrust, die mich, als es ihn noch gegeben hat, auf einige Bücher aufmerksam machte, auf die ich sonst nicht gekommen wäre.
War es „Verbrechen“ oder „Schuld“, das weiß ich gar nicht mehr so genau, das sind jedenfalls brillante Kurzgeschichtbände, wo Schirach seine Fälle verarbeitet hat.
Gelesen habe ich die Bücher nicht und auch nicht den „Fall Collini“ einen 2011 erschienenen Roman, den Wolfgang Herles in seiner ersten Blauen Sofa Sendung für mich ziemlich unvergesslich sehr verissen hat.
Mich würde auch das Buch „Tabu“ nicht so sehr interessieren, aber, daß ich die Buch-Wien, wie einen Kurzurlaub ziemlich intensiv genieße, weiß man ja und diesmal kann ich es mir auch ziemlich unbeschränkt geben, weil ja der „Nanowrimo“ schon fertig ist und auch sonst keine Ablenkungen auftreten, das heißt das „Literaturgeflüstertextebuch-Dummie“, das inzwischen gekommen ist, muß ich noch durchschauen, aber erst einmal das Lesefest, das auch gleich von einer jungen Dame eröffnet wurde.
Es kam Gerald Schantin auf die Bühne, lobte die Buch-Wien und das Lesen und der 1964 in Münschen geborene Schirach scheint auch ein sehr charmanter Mann, der seine Eröffnungsrede mit Thomas Mann begann, dann zu Hemmingway und Hoelllebecq hinüberschwankte, der bei seinen Lesungen eine Raucherlaubnis und das Mitnehmen eines Hundes verlangte, dadurch das Theater, das die Lesung veranstaltete in feuerpolizeiliche Schwierigkeiten versetzte, danach nicht rauchte und nicht redete und wieder verschwand, während Schirach zu Kafkas Tagebücher schwenkte, die er vor kurzem gelesen hat und dann die Leser pries, fǘr die er schreiben würde, nicht für die Kritiker, die ihn zerreißen, nicht für den Literaturbetrieb, sondern für die Leser und die hören das natürlich gern. Dann forderte er die Leute, die in der Türe standen, zum Näherkommen auf, was sie wegen der feuerpolizeilichen Maßnahme nicht durften und sich auch nicht neben ihm auf das rote Sofa setzen, so las er am Stehpult die Geschichte des Jungen vor, der in einem verfallenen Schloß bzw. Internat aufwächst, der Vater trinkt, die Mutter reitet, offenbar ist auch ein bißchen Autobiografie dabei, zumindest was den adeligen Namen und das Internat betrifft, in das der Junge gegeben wird, der Farben sieht und dann seinen Vater findet, nachdem er Selbstmord begangen hat, das ist wohl kein Tabu, sondern eher ein Trauma. Der Junge wird dann Pornofotograf und begeht später einen Mord, bzw. wird er dessen verdächtigt, so daß ein Strafverteidiger, wohl das Alter Ego Schirachs auftaucht, auch da las Schirach eine Stelle vor, die mir sehr gut gefallen hat, wo der Burn Out Gefährdete, in einem Südtiroler Hotel Urlaub macht, sich dort langweilt und dann wahrscheinlich auch bald auskneift, um die Verteidgung zu übernehmen.
Dazwischen gab es ein Gespräch, Schirach forderte zum Fragenstellen auf, zuerst ging es um die Strafprozesse, dann fragte einer nach der literarischen Soiree, die heute in den „Passagen“ wiederholt wurde, wo Daniel Kehlmanns „F“ und Schirachs „Tabu“ besprochen wurde.
Der große Kehlmann sehr gelobt, was ich inzwischen, da ich das Buch schon lese, nicht mehr nachvollziehen kann, der Schirach wieder verrissen und ein Herr im Publikum wollte wissen, was Herr Schirach dazu sagt?
Der sagte „Nichts, denn ich bin während der Sendung im Flugzeug gesessen, was wurde denn da gesagt?“ und trat dabei wahrscheinlich dem Programmdirektor Kaindlsdorfer auf den Schlips, denn der saß ja in der ersten Reihe und war auch der, der gemeinsam mit Petra Hartlieb und zwei anderen Damen, verrissen hat. Also eine spannende Lesefesteröffnung, die auch gleich mit einer LesARt Sendung zur Buch-Wien im Phil weitergegangen wäre. Aber da war ich nicht angemeldet und hatte auch noch meine zwei Befunde fertigzuschreiben.
Also bin ich nach Hause gegangen und habe mir beim Schreiben die „Passagen“ angehört und es wieder einmal spannend gefunden, wie und was die Literaturkritiker alles besser wissen.
Herr Schirach war jedenfalls ein sehr charmanter und offenbar auch origineller Mann, der auf die Frage, ob er sich jetzt nur mehr dem Schreiben widmen würde, das Beispiel eines berühmten Berliner Strafrechtverteidigers zitierte, der ebenfalls schrieb, von den Nazis in die Schweiz vertrieben wurde und sich dort erschoß, weil er dort zwar schreiben, aber nicht mehr verteidigen konnte, was ja eine soziale Tätigkeit ist, während das Schreiben ein einsames Geschäft darstellt.

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