Literaturgefluester

2013-11-19

F

Filed under: Uncategorized — jancak @ 08:58

Nun hatte ich doch Gelegenheit „F“ den neuen Roman von Daniel Kehlmann zu lesen, der auf der Longlist des dBp stand und es dann zur Verwunderung der Literaturwelt nicht weiterschaffte, die Anna hat ihn zusammen mit Thomas Glavinic „Das Größere Wunder“ mit nach Ungarn genommen und im Bad gelesen. Schaut her Leute, ich habe eine eher prekär bezahlte Tochter, die sich zwei Bücher von der Longlist kauft und habe das Buch auf meiner Leseliste bzw. dem Marai, den ich ja auch noch beginnen hätte können, vorgezogen, denn „F“ interessiert mich nun einmal, schreibe ich ja gerade auch über drei Brüder, so daß ich sogar schon dachte, mir das Buch vielleicht zu kaufen oder zu wünschen, aber das Wichtige kommt irgendwann von selbst. Habe es bei meinen Recherchetage bei Kuppitsch aber schon gründlich durchgeblättert und einmal eine Frau in der U-Bahn darin lesen sehen.
Die „Im Gespräch-Sendung“ vor ein paar Wochen habe ich gehört und gestern, die Besprechung bei der „Literarischen Soiree“ im Radio und gelesen habe ich es, glaube ich, genau zum richtigen Zeitpunkt, nämlich als mein Rohkonzept schon fertig war, so daß ich von dem Kehlmannschen Stil nicht mehr beeinflußt werden, aber nachschauen kann, was der große Daniel, der noch immer junge Mann mit den ehrgeizigen Blick und dem Schulbuben-Aussehen, besser kann als ich.
Er kann es natürlich insofern, daß er wahrscheinlich genauer arbeitet, andere Ansprüche und wahrscheinlich auch die Lektoren hat, die mir fehlen und außerdem Jahre daran gearbeitet hat, was ich höchstwahrscheinlich nicht zusammenbrächte, weil mir das wahrscheinlich zu langweilig wäre.
Dafür ist die Gelehrsamkeit für eine drei oder dreißigtausend Seiten Dissertation darin versteckt, wie Günter Kaindlsdorfer in der Ö1-Sendung sagte, der das Buch, im Gegensatz zu dem von Schirach lobte.
Das ist mir ein bißchen unverständlich, denn so genial habe ich es eigentlich nicht gefunden, aber natürlich gut konstruiert und ob ich die vielen Hinweise auf die Literaturgeschichte erkannt habe, wahrscheinlich nicht alle, auf das Frisch-Zitat „Mein Name sei Gantenbein oder Niemand“, hat mich der ORF gestern hingewiesen, ich weiß nicht, ob ichs sonst gemerkt hätte, aber ich bin keine Frisch Spezialistin und habe auch nicht Literaturwissenschaft studiert.
„Mein Name sei Niemand“ ist jedenfalls ein berühmter Roman von Arthur Friedland und der ist der Vater von Martin, Eric und Iwan und fährt mit ihnen im Jahr 1984 zu einer Showhypnose des großen Lindemann. Der hypnotisiert zuerst Iwan, den Zwilling von Eric, Martin hat eine andere Mutter, dann holt er Arthur auf die Bühne, obwohl der das gar nicht will und sagt, daß er auch nicht hypnotisierbar ist und veranläßt ihn sein Leben zu verändern und sich seine Träume zu erfüllen, so daß der bisher erfolglose Schriftsteller, der von dem Geld seiner zweiten Frau, einer Augenärztin lebt, die Kinder bei Martins Mutter absetzt, nach Hause fährt, Geld holt und dann das Land verläßt, um ein berühmter Schriftsteller zu werden, der eben Bestseller, wie den oben erwähnten schreibt.
Das ist das erste Kapitel. Dann geht es in das Jahr 2008 in einen Augusttag, wo es heiß ist und die Wirtschaftskrise beginnt und da geht es in die Kirche, denn Martin ist Pfarrer geworden, glaubt aber nicht an Gott und hat so bei den Gottesdiensten seine Schwierigkeiten. Er ist auch übergewichtig und nascht Schokoriegeln, während er die Beichte abnimmt und ist Meister der Rubik-Würfeln.
Ja, Kehlmann hat Einfälle und ist sicher hochbegabt, gründlich und genau. Dann kommt ein Kapitel, das ich als Lektorin wegstreichen würde, nämlich, wo es in die Urgeschichte der Familie geht, „Mein Vater war Bauer und hat die und die gevögelt“, etc.
Dann gehts zu Eric in die Luxusvilla, wir wissen ja vielleicht schon, daß das „F“ für Fälschung steht und alle drei Friedland-Brüder Fälscher sind. Eric ist Finanzmakler und hat das Geld seiner Kunden verzockt, so daß er unter Wahnvorstellungen leidet, überall Gespenster sieht, sich verfolgt fühlt, seiner Tochter Marie nicht zuhört und auch nicht recht versteht, daß sich seine Frau, eine Schauspielerin von ihm scheiden lassen will.
Die Kritikerinnen in der Sendung gestern, haben von den unverwechselbaren Ton der drei Brüder, die die Kirche, die Finanz- und die Kunstwelt darstellen, gesprochen und waren begeistert, so ganz habe ich das nicht nachvollziehen können und einige Personen, die in dem Buch vorkommen, haben mich auch verwirrt, beziehungsweise ist mir vielleicht ein bißchen zuviel Fälschung und Konstruktion dringewesen.
So wird Eric von drei Burschen verfolgt, die T-Shirts tragen, er wird auch gewarnt und die tauchen dann im Iwan Kapitel wieder auf und Iwan ist der Kunstfälscher und das ist wieder besonders kompliziert, denn eigentlich ist er Maler, aber nur ein Mittelmäßiger und das darf man ja nach Kehlmann nicht sein, nur seine kleinen Ausstellungen machen und seine kleinen Besprechungen haben, ich mache das schon vierzig Jahre so, hätte es aber, zugegeben, auch gern anders.
Der junge Iwan trifft jedenfalls den Hypnotiseur wieder, als er noch studiert und der sagt ihm auf den Kopf zu, daß er kein Maler ist, dann trifft er auf den großen Heinrich Eulenböck, bzw macht er ihn erst dazu, denn das ist ein Maler, mit dem der schwule Iwan zusammenzieht, zuerst als Spiel seine Bilder malt, später bleibt er dabei, weil der greise Künstler das nicht mehr kann.
Er hat auch ein Kunstverzeichnis angelegt und malt jetzt in einem Haus im schlechten Viertel der Stadt Bild für Bild, um es dann zu verkaufen, der Maler ist schon längst verstorben und man fragt sich oder könnte das vielleicht Herrn Schirach fragen, wo der strafrechtliche Anteil ist?
Natürlich, er gibt seine Bilder für die eines anderen aus, aber wenn ich es recht verstanden habe, hat Iwan Eulenböck erst zu dem großen Eulenböck gemacht, also hätte er die Bilder auch unter seinen Namen malen können.
Wir sehen Kehlmann ist sehr kompliziert. 2008 ist Eulenberg aber schon gestorben, Iwan geht in das Atelier in das leere Haus, malt, sieht dann die Jugendlichen vom Fenster aus, später als er zur U-Bahn geht, sieht er, wie sie einen vierten zusammenschlagen. Er geht zurück, mischt sich ein, wird auch zusammengeschlagen und verschwindet dann.
In den nächsten Kaptieln, die von der dreizehnjährigen Marie getragen werden, besucht der Großvater, die Enkeltochter, geht mit ihr in ein Spiegelkabinett und man erfährt, Eric hat sich saniert, indem er die Bilder seines verschwundenen Bruders verkauft. Er wohnt jetzt im Pfarrhaus und zieht später bei seiner Geliebten, die seine ehemalige Therapeutin war, ein und ist glücklich, daß der Börsencrash seine Geschäfte vertuschte. Er beginnt auch zu glauben und am Schluß des Buches befinden wir uns in der Kirche. Martin hält die Totenmesse für den verschwundenen Bruder und alles ist gut oder auch nicht.
Und ich bin ein bißchen erleichtert, weil ich denke, so schlecht bin ich nicht, ähnliche Konstruktionen würde ich mir auch zutrauen, obwohl ich wahrscheinlich immer weniger abgehobener bleiben werde.
Ein bißchen erschien mir das Buch konstruiert, aber dann wieder spannend und interessant. Nicht so genial, wie es die Kritikerinnen im ORF empfanden, aber das ist kein Werturteil, sondern hat wahrscheinlich damit zu tun, daß ich mir mit dem Geniekult schwer tue.
Und jetzt zurück zur Leseliste, beziehungsweise zur Korrekturarbeit der „Brüderschaft“, aber vorher kommt ja noch die Buch-Wien.

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