Literaturgefluester

2013-12-01

Der überflüssige Mensch

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:06

„Die meisten Menschen leben im Treibsand zwischen Erfolg und Überflüssigkeit. Sie kämpfen darum, nützlich zu bleiben, wesentlich zu werden – nicht abzustürzen in die spätkapitalistischen Müllhalden, aus denen es keine Rettung gibt. Es geht um alles.“, steht am Umschlag des bei „Residenz“ erschienenen Essaybandes von Ilija Trojanow, der sein etwa neunzig Seiten Buch mit dem Kapitel „Auf Sie können wir verzichten“, beginnt und dann die Scheußlichkeiten unseres globalisierten Wirtschaftskapitalismus in allen seinen Facetten in weiteren zwölf Kapiteln auszuführen versteht.
Lapidar und sachlich und im Anhang gut kommentiert tut er das und beginnt mit dem französischen Kriegsschiff „La Meduse“, das keine Rettungsboote, nur eine seeuntaugliche Fähre hatte, beschreibt, wie sich die Reichen und die Mächtigen, um zu überleben, von den Matrosen, Dienern, Waffenschmieden, Fassbindern, etc trennten, nimmt das als Beispiel, das sich auf unser heutiges, ach so schönes Wirtschaftsleben nahtlos generalisieren läßt und kommt so zu dem Konzept der „Überbevölkerung.“
Es gibt „zu viel, zu viele“ und so meinte auch Thomas Robert Malthus, britischer Nationalökonom und Sozialphilosoph „Ein Mensch, der in einer schon okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen und er ist wirklich zu viel auf dieser Erde.“
Der Hungertod als Allheilmittel bei wirtschaftlichen Engpässen wird zwar wahrscheinlich als übertrieben angesehen und im allgemeinen glücklicherweise nicht durchgeführt, dennoch sind diese Thesen in unsere Globalisierung vorgedrungen und Trojanow führt auch aus, daß nach Schätzungen der FAO, achtzehn Millionen Menschen jährlich an Unterernährung sterben, obwohl eigentlich genug für alle da wäre, wenn die Ressourcen nur richtig verteilt würden. Was aber nicht geschieht, weil die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmern werden, wie wir wissen, wenn nur regelmäßig die Nachrichten hören und die Zeitungen lesen.
Zwei Drittel des Energieweltverbrauchs geht auf Konto der OECD-Staaten führt er weiter aus und kommt im Kapitel „Mensch und Müll“ auf das „Dumping“ zu sprechen, beziehungsweise auf die Ausbreitung der sogenannten „Tafel“, wo die Bedürftigen für einen Euro und gegen Nachweis ihrer Bedürftigkeit, das kaufen können, was die Supermärkte als Abfallprodukte wegwerfen würden.
Dann kommt das Kapitel „Prekariat“, ein Wort, das ich bis vor wenigen Jahren nicht kannte, dann aber plötzlich hören konnte, daß die gut ausgebildeten Hochschulabsolventen, keine Jobs, sondern nur mehr Praktika, von denen sie nicht leben können, bekommen und, daß der reguläre abgesicherte Arbeitsplatz zunehmend gegen freie Werkverträge oder Leihfirmen ersetzt wird.
So wird man überflüßig, obwohl die zumnehmend Überflüßigen keineswegs „arbeitslos“ sind, sondern ihren kranken Vater pflegen, als Alleinerziehende Kinder aufziehen oder Ehrenarbeit betreiben.
Die Mittelschicht schrumpft, schreibt Trojanow im Kapitel der „Ein-Euro-Reservisten“ und kommt dann zu den „Abwrackprämien“ beziehungsweise dazu, daß es in den USA schon die Strafanstalten sind, die die größten Gewinne machen.
„Die Oligarchen sind unter uns“, schreibt er weiter, kommt zur Diskussion über den sogenannten Spitzensteuersatz und darauf, daß Eigentum meist Verhandlungssache ist, denn wer bestimmt, was wem gehört?
Der größte Feind des Kapitalismus ist der, schreibt Trojanow weiter, der Konsumverzicht betreibt und kommt zur Werbung, die uns täglich vermittelt, was wir alles brauchen, um schön, wertvoll glücklich etc, zu sein. Da war vor kurzem erst in Ö1 eine Sendung, wo es genau um diesen Konsum und die vielen Duschgels ging, die wir brauchen, um uns zu entspannen und um nicht überflüßig zu werden, müssen wir uns auch ständig otimieren und „unseren Körper und unseren Geist upgraden“.
Dann kommt das Kapitel „Lohnarbeit ade“, wo Trojanow ausführt, daß unsere Arbeitskraft immer mehr durch Roboter ersetzt wird, zwar noch die der Friseurin oder des Astrophysiker, aber wohl die der Supermarktkassierin und wenn dann auch die Ärzte, wie die Piloten nur mehr vor dem Computer sitzen, unmvon Fall zu Fall korrigierend eingreifen, braucht es natürlich die entsprechenden Sicherheitssysteme, um die Wut der freigewordenen Arbeitskräfte entsprechend zu überwachen und unsere Freiheit ist dahin, aber das ist schon ein anderes Trojanow-Buch.
In „Apokalypse soon“ wird Jura Sojfer „Gemma halt ein bisserl unter“, zitiert und das war auch die Frage, die man beim Ö1-Quiz auf der „Buch-Wien“ beantworten mußte, wenn man den Buchgutschein oder das Casino-Dinner gewinnen wollte. Trojanow war dort ja Ehrengast und hat sich sehr zum Leidwesen Doris Glasers kritisch gegen die Casions, die ja den Quiz sponsern, ausgesprochen. Aber Ilija Trojanow ist eben ein kritischer G4eist, der viele Fragen anspricht, Lösungen hat er gegen unser Globalisierungselend wohl auch nicht, obwohl er die Menschen, wie ich erst gestern in einem Video hören konnte, aufrief, etwas gegen den Verlust der Freiheit zu tun, bevor es zu spät sein wird.
Aber ob das Lesen des Essaybandes hilft wichtiger zu werden? Da wäre ich skeptisch, obwohl am vorigen Sonntag, das Literaturcafe so überfüllt war, als er dort sein Buch vorstellte, daß ich keinen Platz bekommen habe und wenn ich auch keine Lösung weiß, so kann das nachdenken und kritisch sein, nicht schaden, denn es ist ja wirklich ein bißcherl pervers in einer Gesellschaft zu leben, wo die Menschen ab dreißig oder vierzig keinen Arbeitsplatz mehr finden und hochbezahlte Unbernehmensberater dafür angestellt werden Jobs wegzurationalisieren, pragmatisierte Postbeamte in einen Pool ausgegliedert oder die die Pension geschickt werden, die wir uns nicht mehr leisten können, der Staat verschuldet ist, die Banken gerettet werden müßen und die Reichen immer reicher während, während unsere Schulen zunehmend mehr Analphabeten verlassen, die keine Chance mehr auf einen Arbeitsplatz haben und deshalb von der Gesellschaft überwacht werden müßen.
Wenn sich die kritischen Geister in Gruppen zusammenfinden, dagegen protesieren und Widerstand leisten, kann das vielleicht helfen oder weil wir ja auch schon bei Jura Sojfer sind, Widerstandsgruppen können auch scheitern und das hat uns sowohl die alte als auch die neuere Geschichte gelehrt.
Und die Mächtigen an der Spitze, die, wenn sie ein wenig weniger egoistischer wären, vielleicht wirklich etwas ändern könnten, kommen wahrscheinlich nicht auf diese Idee oder haben keine Ahnung von Trojanows Buch, obwohl der daraufhin ja Einreiseverbot in die USA bekommen hat, das jetzt wieder aufgehoben wurde.
Und so schließt Trojanow sein Buch mit wahren Sätzen „Darin liegt die Perversität unserer Situation. Wir verbrauchen so viel wie keine Gesellschaft vor uns und empfinden doch überwiegend Krise. Unter dem Zwang, unentwegt zu funktionieren und zu konsumieren, fällt es uns zunehmend schwer, Empathie zu spüren, Glück zu empfinden.“
Den hungernden Menschen in Afrika hilft es aber wahrscheinlich auch nicht wirklich, wenn wir aussteigen uns mehr entpannen und weniger mitzumachen versuchen. Ich probiere es ja, in dem ich sparsam lebe und beispielsweise keine teure Bücher kaufe, ob das den Buchhandel aber freut und es der Stein des Weisens ist, würde ich sehr skeptisch sein. Ein Tip wäre ja sich einfach an die zehn Gebote zu halten und schon wäre die Welt ein bißchen besser, was aber offensichtlich auch nicht zu funktionieren scheint
Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren,in Kenia aufgewachsen und lebt heute in Wien. Ich habe den „Weltensammler“ von ihm gelesen, war vor kurzem in einer Veranstaltung in der „Alten Schmiede“, wo er sein „Bulgarien-Buch“ vorstellte und habe auch sonst schon öfter über ihn geschrieben.

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