Literaturgefluester

2013-12-04

Elfriede Jelinek spielt Gameboy

Filed under: Uncategorized — jancak @ 08:48

Andrea Stifts gesammelte Geschichten von 2005 bis 2011, in der „Edition Keiper“ erschienen, in einem Vorwort erzählt die 1976 in der Steiermark geborene Autorin von den Schwierigkeiten solche Geschichten zu sammeln und herauszugeben. Wie soll man sie in einem Erzählband zusammenfassen, wenn sie nicht viel miteinander zu tun haben?
Andrea Stift entschied sich für die Dreiteilung „Dunkel“ – „Schunkel“ und „Furunkel“ und beginnt in der Abteilung „Dunkel“ mit dem Ernst des Lebens, der uns wahrscheinlich nicht nur in der Südsteiermark sondern auch überall sonst auf der Welt passieren kann.
Da sind zwei über fünfzig, haben drei Kinder, ein halbfertiges Haus und einen Kredit, der ihnen im Nacken sitzt und sie zusammenschmiedet, obwohl sie sich sonst nicht mehr riechen und auch nichts mehr miteinander zu tun haben wollen.
Das ist ist die erste Geschichte, mit „Am nächsten Morgen eine grausige Entdeckung“ geht es gleich weiter mit den Familienidyllen, denn das ist einer Exekuter und muß in die Sozialwohnungen, den Fernseher pfänden, weil die Alleinerziehenden Mamis nichts als das Bestellen aus Versandkatologen im Kopf haben. Manchmal kommt er auch in bessere Gegenden, wenn ihm da niemand öffnet, seufzt er auf, ruft die Polizei und den Schlüßeldienst und manchmal findet man dann in der teuren unbezahlten Wohnung, wo die Fliesen im Badezimmer noch nicht aufgeklebt sind drei Leichen.
Ja, Andrea Stift hat nicht eine sehr poetische, sondern auch eine sehr realistische Sprache, legt die Finger in die Wunden der Idyllen der Südsteiermark und beschäftigt sich, als „Ohrenschmaus-Jurorin“ und wahrscheinlich auch sonst sehr verständlich auch viel mit Behinderten, die in der schönen Steiermark zuerst intregriert, wenn es das Behindertenprogramm zuläßt, dann aber als unbezahlte Arbeitskräfte in den Wirtshäusern und den Weinkellern auch ordentlich ausgenützt und geschwängert werden sie obendrein auch noch oft auch.
Am Stammtisch der Kindergärten, wo sich die besser situierten und auch anderen Mamis wöchentlich treffen wird auch darüber geredet. Denn da gibt es eine Supermutter, die ihrer Petra mit Down-Syndrom, mongoloid darf man nicht mehr sagen, denn da haben sich die Mongolen dagegen aufgeregt, schon vorzeitig mit viel Mühe und Aufwand das Lesen beigebracht, immer ein bißchen am Limit voraus, hat und dann findet eine andere Mami, ehemalige Sprechstundenhilfe eines Gynäkologen, bevor er sie geschwängert und geheiratet hat und nun mit der anderen Hilfe auf Kongreße fährt, heraus, daß die Supermami ihn auf Unterhalt klagte, weil er vergessen hat, sie auf die Behinderung bzw. die entsprechende Untersuchung hinzuweisen, das ist, denke ich ein realer Fall und leider so passiert, daß Behinderung als Störfall gilt, fortan sprechen die anderen Frauen nicht mehr mit ihr.
Aber auch die Geschichte von dem „Priesteraltersheim“, wohin Schriftsteller über achtzig zwangsweise deportiert werden, weil sie vorher dem Staat für Stipendien alle ihre Werke überschrieben haben, ist zwar ein bißchen skurril überhoben, entbehrt aber wahrscheinlich nicht die Realität des Schriftstellerlebens und kann uns in der direkten Sprache das Gruseln lehren.
Weiter geht es mit dem Trinken, die eher Jungen tun es und stinken dann so stark in der U-Bahn, daß sich niemand zu ihnen setzt und der Luis der Gelegenheitsarbeiter am Land der für ein zwei Flaschen Weinbrandt für jede Arbeit zu haben ist, bis ihn dann so sehr der Krebs erwischt, daß er sich erhängt. Die Kinder entdecken ihm beim Fußballspielen, die Väter holen ihn von der Wäscheleine herunter.
„Einmal Villach -Lilienfeld, Bitte“, habe ich schon in der „Alten Schmiede“ bei den „Bedenklichen Beziehungen“ gehört, als ich dort meine „Sevim“, Andrea Stift ihren Erzählband vorstellte. Und dunkel geht es auch in den neuerbauten Häusern zu, die Lehrer für ihre Kinder bauen und die Töchter dann des Nachts in einer Kiste, die man sich wohl als Sarg vorstellen muß, wem wunderts, daß dann Verhaltensstörungen entstehen, die auch wohl „Pia“ hat, die sich schneidet und in der Psychiatrie auf Medikamente eingestellt wird, so daß man mit ihr die Hölle erlebt.
In der Abteilung „Furunkel“ beschäftigt sich Andrea Stift mit dem, das Samuel Beckett angeblich am Hintern hatte und beweist in brillant satirischer Art, daß man auch über einen Dichter einen Text schreiben kann, zu dem einer nichts einfällt.
Sonst gehts um Sex in der Abteilung, sowohl um den mit Männern, als auch mit einem Auto und in „Fremder Welt“ träumt die Mutter von einem Fick mit einem Schauspieler und bringt sich danach um, die Tochter sucht Kontakt mit dem Schauspieler, der Vater heiratet eine Feuerwehrfrau, der Sohn errät alle Träume und verschenkt sein letztes Geld und der Vater verbrennt sich in seinem Gartenhäuschen, als ihm die Tochter den Schauspieler vorstellen will.
Die beeindruckenste Gescvhichte für mich war aber „Haben wollen“, da fährt die Murschak jeden Samstag mit einem Fahrrad zu einem kleinen Haus am Waldrand, das sie unbedingt besitzen will und das einen kleinen Mann gehört. Die Murschak hat Geld, hat sie doch schon drei Männer unter die Erde, beziehungsweise zu einem Schlaganfall gebracht und offenbar Zeit, so setzt sie sich vor das Haus und jausnet und nachher fallen die Nüße und die Äpfel vom Baum, das Gras verdörrt, der Holunder geht ein, so daß der kleine Mann bei der „Hexe“ zur Selbsthilfe greifen muß, jetzt kann man die ja nicht mehr einfach anzeigen und am Scheiterhaufen verbrennen lassen, also muß der Flobert des Großvaters her, was auch gelingt, nur leider trifft der letzte Schuß ihn selbst, so daß auch er verstirbt.
„Schunkel“ sind die lustigen Geschichten, aber so lustig ist die, wo die Protagonistin, Schriftstellerin, die offensichtlich, ob der biografischen Angaben, Andrea Stift selber ist, eine Stunde zu spät von der Lesung in der „Gesellschaft für Literatur“ in Wien, nach Graz kommt, wo die zwei Söhne warten und sich außerdem noch einen tollen Titel für eine tolle Geschichte, mit der sie den nächsten Wettbewerb gewinnt, um als Schriftstellerin überleben zu können, einfallen lassen muß, nicht.
„Elfriede Jelinek spielt Gameboy“, fällt ihr dann ein und im Vorwort kann man noch lesen, daß die Nobelpreisträgerin Andrea Stift versichert hat, noch nie damit gespielt zu haben.
Dazu passt noch die „Furunkel-Geschichte“ „Nicaragua wohltemperiert“ von einer Lesereise mit Andreas Unterweger und Sonja Harter zum dortigen Poetenfestival. Wo die Leute von der Poesia sehr begeistert sind, laut „Viva!“, brüllen, die freundliche Polizei aber vor dem Eingang steht, um die bettelnden Kinder zu vertreiben und die weniger freundlichere ein paar Dörfer weiter. Da würde auch ich mich nach dem Sinn eines solches Festivals fragen, obwohl ich zu einem solchen auch gern eingeladen werden würde, aber ich schreibe ja keine Poesia.
In „Schunkel“, das ich, wie gesagt gar nicht immer so lustig empfunden habe, geht es noch einmal ums Auto, beziehungsweise ums Fahren lernen und um die Frage, warum die meisten Schriftsteller kein solches haben?
Die Geschichte von dem Vater der zum Autorennspielen zur Tochter kommt, weil die ihm, um seinen Pensionsschock zu mildern ein solches kaufte, er aber keinen Computer hat und dann in ihrer Verzweiflung, der Schwester auch ein solches schenkt, verlautet, daß es bei ihr viel bequemer ist und sich dann wundert, daß die nicht mehr mit ihr redet, würde ich aber als ganz lustig bezeichnen.
Dann gibt es noch eine über „Parcelsus“, über eine „Slowenienreise“, über den „Tomatenfisch“ und dann noch eine höchst satirische, über die Zahnspange, die den Mund der Schriftstellerin für einige Zeit entstellte und auch sonst zu Komplikationen führte.
Höchst interessante, satirische, bitter böse, aber auch sicher realistische Texte, die zum Teil schon in Zeitschriften, wie den „Mansukripten“ veröffentlicht wurden und deren Lektüre ich nur sehr empfehlen kann.

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