Literaturgefluester

2013-12-13

Nika, Weihnachtsfrau

Filed under: Uncategorized — jancak @ 05:04

„Es ist der dreizehnte Dezember!“, dachte Nika Richter, als sie in die rote Samtjacke mit dem weißen Plüschkragen schlüpfte, die dazu passende Hose hatte sie schon an und die schwarzen Stiefeln.
Jetzt nur noch die rote Weihnachtsmütze mit der weißen Kordel aufsetzen und schon war sie fertig für ihren Einsatz, als Weihnachtsfrau vor dem Kaufhaus Gerngroß auf der Wiener Mariahilferstraße. Quengeligen Kindern einen Tag lang Zuckerln in den Mund stecken und sich mit ihren hektisch nervösen Müttern, die keine Zeit hatten, noch jede Menge Geschenke kaufen mußten und Weihnachtskekse backen, fotografieren lassen.
„Mach ein freundliches Gesichterl, Dominik, gib der lieben Weihnachtsfrau brav die Hand und mach Cheese!“, forderten sie ihre Sprösslinge dann auf und sie würde ebenfalls lächeln, tat sie ja ihren Job sehr gern und schon das dritte Jahr. Denn es war ja eigentlich ganz lustig für eine Studentin an den vier Freitagen und Samstagen als Weihnachtsfrau verkleidet auf der Mariahilferstraße auf und ab zu spazieren und gelegentlich auch noch Prospekte zu verteilen, damit alles seine Ordnung und das Kind seinen Namen hat.
„Es ist der dreizehnte Dezember!“, wiederholte sie also, als sie die kleine Umkleidegarderobe, die das Kaufhaus ihr zugestanden hatte, verließ und mit dem roten Sack in dem die Weihnachtszuckerln steckten, auf die Straße hinunterging.
„Eigentlich ein Unglückstag, an dem man zu Hause bleiben und sich vor den schwarzen Katzen fürchten soll. Freitag, der dreizehnte ist ein Unglückstag, nur zum Schwarzfahren auf den Wiener Linien geeignet, der dreizehnte Dezember aber der Freitag vor dem dritten Einkaufssamstag, wo man auch schon kaufen und konsumieren soll, denn es ist ja wichtig, daß der Umsatz steigt, auch wenn manche Mütter ihre Kinder nur vom Kindergarten nach Hause schleppen und noch gar nicht einkaufslustig sind und die Obdachlosen, die Mariahilferstraße und die Kaufhäuser, als Wärmestuben und Aufenthaltsorte, um ihre Obdachlosenzeitungen zu verkaufen benützten und von der Polizei und den Securitydiensten vertrieben werden, weil sie kein Geld zum Einkaufen hatten.
„Weg, weg, mit euch, nur das Einkaufen ist wichtig, die Geschäfte sind keine Wärmestuben!“, sagten die Kaufleute und riefen nach der Polizei, aber sie steckte den Kindern der Asylwerber und denen mit Migrationshintergrund genauso gern und bereitwillig ihr Zuckerl in den Mund, auch wenn ihr Chef vielleicht den Kopf schütteln und von Sparen und Effizienzeinsatz reden würde. Aber das tat er gar nicht, sondern hatte wieder nur sehr begierlich auf ihren Busen geblickt, als sie vorhin an ihm vorbeigegangen war.
„Schon im Einsatz, Frau Magister!“, hatte er leich süffisant zu ihr gesagt, denn das war sie ja seit einem Jahr, hatte ihr Germanistikstudium abgeschlossen, arbeitete jetzt an ihrer Dissertation über Thomas Bernhard und war trotzdem prekär beschäftigt. Auf den Job in dem roten Anzug angewiesen, um zu Überleben und ihrer Schwester und ihren Eltern zu Weihnachten auch möglichst viele in Geschenkpapier verhüllte Packerln auf den Weihnachtstisch und unter dem Christbaum zu legen.
Zu Weihnachten arbeitete sie als Weihnachtsfrau und zu Ostern steckte sie sich in ein braunig pelziges Osterhasenkostüm und verteilte aus einem großen braunen Korb viele kleine bunte Ostereier an die Kinder mit und ohne Migrationshintergrund.
„Mach lieb Cheese, Jessica!“, sagte gerade eine abgehetzt wirkende junge Frau zu dem kleinen etwa dreijährigen Mäderl, das so gar nicht freundlich schaute, sondern als sie ihr das Weihnachtszuckerl entgegenstreckte, den Eindruck machte, als würde sie zu weinen beginnen.
„Geh, vor der Weihnachtsfrau fürchtet man sich nicht!“, pflegte sie in diesem Fall zu sagen und Kind und Mutter lieb anzulächeln. Da sie schon den dritten Winter mit der roten Mütze und dem roten Sackerl auf der Straße stand, hatte sie Erfahrung mit quengeligen Kindern und abgehetzten Müttern. Und Jessica hatte das Bonbon inzwischen auch genommen und die Mutter ihre Aufnahme gemacht.
„Vielen Dank, Sie sind eine ausgezeichnete Weihnachtsfrau!“, sagte sie zu ihr und Nika nickte selbstbewußt mit dem Kopf.
„Natürlich, selbstverständlich!“, das traute sie sich schon zu und war in Zeiten wie diesen gar nicht so leicht gewesen, den Job zu bekommen. Hatte sie doch hunderte Bewerber und Bewerberinnen gehabt und es war auch gar nicht sicher, ob sich die Geschäftsleitung für eine Frau entscheiden würden.
War der Weihnachtsmann ja eine männliche Domäne, nur das Christkindl weiblich, das am Christkindlmarkt unter noch mehr Bewerberinnen ausgewählt worden war, dann hatte man sich aber für die Genderfreundlichkeit entschieden und sie stand unter einigen anderen Weihnachtsmännern, die von anderen Geschäften beschäftigt worden waren, auf der Straße und teilte ihre Zuckerln aus.
„Sag schön danke zu der lieben Weihnachtsfrau, Kevin!“, forderte ein Oma ihren Sprössling auf und fragte sie, ob sie schon alle ihre Weihnachtspackerln besorgt hätte?
Hatte sie nicht und sie war auch gar nicht so konsumfreudig, ihr ganzes Weihnachtshonorar in den Geschäften zu lassen, dazu brauchte sie das Geld zu nötig für das tägliche Brot, die Miete und die Handykosten.
Ein Buch für die Schwester und Hanno ihrem Liebsten, würde sie aber besorgen, Bonbons für die Mutter und für den Vater Schnupftaback, obwohl das Rauchen ja ungesund galt und die Zigaretten, wie sie vorhin im Radio gehört hatte, mit der neuen Regierung noch teuer werden würde. Aber das kümmerte sie wenig, war sie ja eine gesund lebende Nichtraucherin, die sich auf diese Art und Weise viel Geld, das sie ohnehin nicht hatte, ersparte und brauchte nur die Frage lösen, ob sie die Bücher für die Schwester und dem Allerliebsten brav in der nächsten kleinen Buchhandlung bei der Buchhändlerin ihres Vertrauens oder beim bösen Onlinehändler bestellen sollten, den die Buchhändler so gar nicht liebten, sondern zu der Weihnachtsfrau „Buy local!“, sagen würden.
„Gibst mir auch ein Zuckerl?“, fragte der ältere Mann, der ein bißchen abgerissen wirkte und sie nickte fröhlich.
„Natürlich, selbstverständlich!“, solange der Chef es nicht bemerkte und der Securityguard, der schon ein bißchen böse schaute, sie nicht bei ihm verpetzte, waren bei der Weihnachtsfrau alle gleich und freuten sich über das Süße, obwohl man auch auf seine Zähne und die Zuckerwerte achten und zu Weihnachten gar nicht zu viel Süßes essen sollte.
Aber Kekse würde sie auch noch backen. Am Sonntag, wenn ihr Dienst zu Ende und sie nicht zu müde war. Dann sich vielleicht auch ein Kerzerl dazu anzünden und überlegen, welche Bücher sie für ihre Schwester und für Hannes auswählen sollte. Für sich würde sie auch ein solches kaufen und sich für die Strapazen auf der Straße, wenn ihr am Freitag den Dreizehnten nicht eine Katze über den Weg gelaufen, die Weihnachtsuniform zerrissen oder sich der Securityaguard über sie beswchwert hatte, belohnen, dachte sie und grinste freundlich in die Kamera, die jetzt ein offensichtlicher Großvater vor sie hielt und streckte den beiden Kindern genauso freundlich ihr Zuckerln hin, die enttäuscht schauten und sich bei ihr beschwerten, daß sie keine Schokolade zum Verteilen hatte, „Denn Zuckerln, Weihnachtsfrau, weißt du, essen wir nicht!“

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