Literaturgefluester

2013-12-24

Der 24. Dezember

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:09

„Neue Weihnachtsgeschichten von deutschsprachigen Autoren der Gegenwart“, vereint in einem, 2011 bei Suhrkamp erschienen Taschenbuch, das Ende 2012 oder war es Anfang 2013 schon auf dem Thalia-Abverkaufstoß in der Kremsergasse lag und ein schöner Kontrast zu den Weihnachtsbüchern ist, die die Geschichten von Kästner, Dickens, Dostojewski, etc, erzählen.
Ein Generalthema gibt es auch, nämlich den „24. Dezember“ und so erzählen die zwanzig Autoren von Reinhold Batberger bis Gerald Zschorsch vom Weihnachtstag, der ja, wie am Buchrücken steht „alle Jahre wieder wie das Amen in der Kirche“ kommt, in verschiedenen Abteilungen und sie tun es wirklich erstaunlich anders, als Brecht, Kästner, Dostojewski, etc, wenn auch manche Geschichten dadurch depressiver, trauriger, vielleicht auch weniger effektvoller sind.
Ungewöhnlich sind manche auch, wie die von der heurigen Büchnerpreisträgerin, Sibylle Lewitscharoff, die in der Abteilung „Param Papapam“, was heißt das wohl?, von einer Weihnachtsnacht auf einer Eisbahn erzählt, die ein ehemaliger Theaterwissenschaftler mietete, um dort seine ehemaligen Kumpels zu treffen. Es kommen auch alle, was ich eigentlich schon sehr ungewöhnlich finde und am Morgen liegen alle erfroren aber auch irgenwie selig unterm Schnee begraben.
Dann heißt es „Es ist nur ein Datum“ und da erzählt, die mir bisher unbekannte Saskia Fischer, was auch in anderen Geschichten immer wieder vorkommt, von einer Patschworkfamlie, bzw. schmückt einer für sich selber das Bäumchen, kocht sich auch die Garnelen selbst, weil ihm die Freundin verlassen hat und bei ihrer neuen Familie feiern wird. So spricht er auch mit sich selbst und am Ende packt er die Anlage für das Söhnchen aus und spielt auch damit.
Andreas Maier geht in seine Vergangenheit zurück und Doron Rabinovici läßt einen Musiker eine Pianistin treffen, nimmt sie mit sich nach Hause, wo der chinesische Untermieter alles kitschig schön hergerichtet hat und ins Kino zu einem Bollywoodschinken gehen sie dann miteinander auch.
Gerald Zschorsch macht es wieder ein bißchen konventioneller und erzählt von einem, der am 24. Dezember um zwölf Uhr aus dem Lagertor in Gießen trat, vorher wurde er aus der DDR entlassen, jetzt hat er fünfzig Mark in der Tasche und weiß nicht recht wohin, so rennt er in ein Auto und die Frau, die ihn angefahren hat, fleht „Bitte bitte sei nicht tot!“
Dann gehts zur Abteilung „Heilige Nacht“ und da wird es bei dem 1946 geborenen Reinhold Batberger futoristisch, denn „Eines unserer europäischen Ämter möchte wissen, was hinter dem Wort „Weihnachten steckt“ In die Vergangenheit geht es dabei auch, denn zu Weihnachten gehören ja die Erinnerungen, wie es damals war, als es noch kein „Programm der Anti-Information“ und kein „Web 04“ gegeben hat.
Clemens J.Setz macht es in „Zauberlehrling“ sehr bedrückend. Da gibt es eine offenbar alleinerziehende Mutter mit einem computerspielsüchtigen Sohn und die beide leben auch zu Weihnachten in einer Horrorwelt, wo sie einander hassen, sich nicht verstehen und auch nicht miteinander sprechen können. Sitzt der Sohn doch vor seinen Spielkonsolen und verläßt sein Zimmer nur um vier Uhr früh, wenn die Mutter schon schnarcht und die schlecht sich aus der Wohnung, läuft die Stiegen auf und ab, mietet sich in ein Hotelzimmer ein. Dann gibt es auch noch einen Stromausfall und die Katastrophe beginnt.
In der Abteilung „Oh du Fröhliche“, läßt die Fried-Preisträgerin, Esther Dischereit, eine ehemalige Hausangestellte von den Weihnachten bei ihrer Familie erzählen: „Für mich hat die Frau Doktor einen bunten Teller vorbereitet und eine sehr schön gefaltete Tasche aus Papier dazugelegt. Sie wußte, daß ich diese runden gehäkelten Spitzendeckchen sehr möchte. Es kann aber auch sein, daß ich in diesem Jahr ein Deckchen aus umsäumten Brokat bekam.“
Wolfgang Weit erzählt in „Mehr Mayoran“ von „Weihnachten vor fünfzig Jahren.“
Die Geschichte der 1984 in Berlin geborenen Elisabeth Rank „Das große Tier“ ist ähnlich beklemmend, wie die des 1982 in Graz begorenen Clemens J. Setz.
Urs Fass erzählt in „Urbino“ wieder von dem Patchwork-Weihnachten, beziehungsweise von einem, der es haßt und daher an diesem Vierundzwanzigsten beschließt, alleine nach Italien zu fahren und dabei doch ununderbrochen an seine Familie und Weihnachten denkt und die 1979 geborene Anna Katharina Hahn, die ich vom Bachmannlesen kenne, erzählt in „Wie ein Kaiser“, vom „Haus der Kindheit und der böhmischen Großmutter“, die sich von niemanden bei ihren Weihnachtsvorbereitungen helfen ließ.
„Do they know it Christmas time at all?“, heißt, die nächste Frage, die Kerstin und Sandra Grether zwei zwei Schwestern beantworten läßt, die in in dem hippen Berlin zusammen Weihnachten feiern. Da gibt es die Kindheitserinnerungen, wo die zwei solange spielten, bis der elterliche Streit vergessen war und jetzt suchen sie nach einem Geschenk füreinander, denn da gibt es eine Regel, es darf nicht viel kosten, muß schnell gefunden werden und was Besonderes soll es auch sein.
So kauft Greta für die Schwester zwei Katzen, denn so nennen die musikspielenden Schwestern sich und Ella hat auch etwas ganz Besonderes gefunden, nämlich einen Schlüßel für ein Studio, wo die beiden immer proben können, nur leider, leider ist das Haus dazu inzwischen abgerissen worden.
Im „Fest der Liebe“, erzählt die heurige Shortliststeherin des dBP Marion Poschmann deren Buch im nächsten Jahr auf mich wartet und „Doppelgängergeschenken“, das heißt von einem, der sich aus Vorsicht alles zweimal kauft und Susanne Fischer macht in ihren „Zwei Engel“, wiedermal betroffen, erzählt sie doch von einer, die zwei süße Zwillingsschwestern hat, zwei richtige Herzerln, die sich ihren Spaß daraus machen, der Schwester die Weihnacht zu verderben, in dem sie an diesem Tag immer ganz „zufällig“ krank werden, das heißt, die Masern, die Grippe oder die Plattern bekommen.
Dann erzählt Michael Scharang von seiner Großmutter und am Schluß gehts in die „Zwölfte Nacht“, das heißt zu zwölf experimentellen Kapiteln, des 1963 in Südtirol geborenen Oswald Egger, den ich glaube ich schon mal in der „Alten Schmiede“ hörte und nun hinein in den vierundzwanzigsten Dezember, in den Tag der Aufregung, des Wartens, der Nacht mit den Geschenken und was sonst noch dazugehören sollte.
Ich wünsche allen meinen Lesern ein frohes Fest und kann das Buch, wenn es zufällig im Schrank oder unterm Christbaum liegen sollte, sehr empfehlen!

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