Literaturgefluester

2014-01-12

Der Junge der Anne Frank liebte

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:12

Die Amerikanerin Ellen Feldman wurde, wie sie in ihrer Danksagung schrieb, zu dem Buch, das von Mirjam Pressler übersetzt wurde, im Winter 1994 durch einen Besuch im Anne Frank Haus angeregt, da sie dort herausfand, daß über Peter von Daans oder Peter von Pels, wie er offenbar wirklich hieß, van Daan ist die Film- und Theaterversion bzw. hat Anne Frank ihn in ihrem Tagebuch so genannt, weiteres Schicksal nicht viel bekannt war, so daß sie einen Roman über ihn schrieb.
In Wahrheit scheint der 1926 in Osnabrück geborene Peter van Pels, der sich mit seinen Eltern mit der Familie Frank in dem Haus in der Prinsengracht in Amsterdam versteckte, am 5. Mai 1945 beim Todesmarsch von Auschwitz nach Mauthausen umgekommen sein.
In dem Roman kommt er nach der Befreiung nach Amerika, verheiratet sich dort mit einer Jüdin, bekommt mir ihr drei Kinder und ist natürlich stark traumatisiert.
Der Roman beschäftigt sich hauptsächlich mit der möglichen Traumatisierung und wie es vielleicht sein könnte, wenn man diesem Schicksal entkommt. So leugnet Peter van Pels vor allem sein Judentum, gibt vor seiner Frau und deren Familie zwar an, daß er in Auschwitz war, aber Jude, nein Jude ist er nicht, weshalb sich auch Madeleines Schwester Susannah, in die er vorher verliebt war, weigerte, ihn zu heiraten.
Madeleine ist da toleranter und die Beschneidung und die Tätowierung ist kein Problem, da nach Ellen Feldman in den Fünfzigerjahren in den USA auch nicht jüdische Kinder aus hygienischen Gründen beschnitten wurden.
Als Peter van Pels bei seiner Frau, in den Fünfzigerjahren, wo die Handlung beginnt, das „Tagebuch der Anne Frank“ am Nachtkästchen liegen sieht, verliert er seine Stimme und geht zu einem ungarischen Psychiater, der ihn auszufragen beginnt. Die Stimme kommt erst wieder, als er das Buch auch bei dem Psychiater liegen sieht und damit beginnt sich der junge, sehr erfolgreiche Bauunternehmer, langsam mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Das heißt, er nimmt das Buch, will es zuerst einen Bahndamm hinunterschmeißen, dann holt er es wieder, beginnt zu lesen, seiner Frau erzählt er nichts davon und muß es aushalten, daß sie sich über sein merkwürdiges Verhalten ihre Gedanken macht.
So erwischt sie ihn einmal in der Nacht, als er den Kühlschrank ausräumt und sämtliche Esswaren, auch die Gläschen für die Kinder, in sich hineinstopft. In der Prinsengracht war man ständig hungrig und Hermann van Daan oder Pels wird im Theaterstück ja als einer gezeigt, der sich in der Nacht über die Brotvorräte, die auch für seinen Sohn sind, hermacht. Das beginnt Peter dann auch zu beschäftigen, da man das Theaterstück auch in New York zeigt und es Madeleine mit ihrer Schwester oder Freundin besucht und er ein Problem damit bekommt, weil sein Vater nicht gestohlen hat und der Zahnarzt Dr. Pfeffer war auch nicht der „Dussel“, wie ihn Anne in ihrem Tagebuch beschreibt.
Peter beschließt sich die Tätowierung an der Hand entfernen zu lassen, verläßt dann aber überstürzt die ärztliche Praxis, als der Arzt ihm stolz erzählt, auch schon den Totenkopf eines SS-Mannes entfernt zu haben und als es dann zu Prozessen wegen des Theaterstückes kommt, da hat eine Schauspielerin mit nicht so ganz anerkannter Vergangenheit, eine Wienerin namens Gusti Huber, die Frau Frank gespielt und andere Schwierigkeiten gibt es auch, nimmt er daran teil, lernt dort die Frau des Zahnarztes kennen und als er sich als Peter van Pels outet, wird ihn nicht geglaubt, denn da könnte ja jeder kommen und sagen er sei die Zarentochter Anastasia.
Langsam wird er mit seiner Vergangenheit fertig, so daß er zuerst allein und 2003 mit seiner Frau nach Amsterdam ins Anne Frank-Haus, die schließlich alles weiß und erleichtert ist, daß Peters Geheimnis nichts Schlimmeres zu bedeuten hat, fahren kann.
„Der Junge der Anne Frank liebte“ ist Ellen Feldmans zweiter Roman und der erste der auf Deutsch übersetzt wurde. Ich habe ihn im Bücherschrank gefunden und war natürlich an dem Thema und an dem, wie ich finde, typisch amerikanischen Fiktional interessiert und es war auch spannend das Buch zu lesen, obwohl es wahrscheinlich auch etwas problematisch ist, das Schicksal einer real gelebt habenden Person einfach weiterzuschreiben, weil man ja nicht wissen kann, wie Peter van Daan oder Pels reagiert hätte, wenn er den Todesmarsch nach Mauthausen überlebt hätte und ob, ihm das Buch gefallen würde, wenn er es lesen könnte.
„Ein starkes Buch“ schreibt die „Brigitte“ am Cover, das die Originallektüre des Tagebuchs wahrscheinlich nicht ersetzt, was ich, da ich es inzwischen ebenfalls gefunden habe, demnächst auch tun werde.
Das Theaterstück habe ich, da es meine Mutter in ihrem Kindergarten, einmal geschenkt bekommen hat, als Schülerin oder Studentin gelesen und den Film im Fernsehen habe ich auch gesehen, beziehungsweise, das Anne Frank-Haus in Amsterdam besucht, da ich ja früher öfter nach Holland gefahren bin.

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