Literaturgefluester

2014-01-25

Zoli

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:44

Das nächste Buch habe ich wieder doppelt gelesen oder eher halb halb, den Colum McCanns Roman „Zoli“ über eine slowakische Roma-Dichterin, habe ich im Bücherschrank auf Englisch gefunden und genommen, weil ich auf den 1965, in Dublin geborenen irischen Dichter, glaube ich, durch Richard Jurst, der einmal das Antiquariat „Buch und Wein“ in der Schäffergasse führte, aufmerksam gemacht wurde, der Buch und Dichter 2007 nach Wien eingeladen hat und ich gehe ja sehr auf Namen.
Dann lag mir das Buch aber ein bißchen im Magen, weil es in Englisch war und ich schon seit einem Jahr kein solches mehr gelesen habe. Ob ich es verstehe?
Dann gehe ich an dem Abend bevor ich mit dem Lesen beginnen wollte, bei „Malota“ in der Wiedner Hauptstraße vorbei und konnte mich bequem einlesen, ein Kapitel Deutsch, das andere Englisch, ohne schlechten Gewissen, denn es wird ja demnächst „Dracula“ auf Englisch folgen und dann stehen noch zwei andere englische Bücher auf meiner heurigen Leseliste, wo ich so schnell wohl nicht den deutschen Vergleichstext bekommen werde und um es gleich vorweg zu nehmen, das Buch hat mir sehr gut gefallen, denn Colum McCunn versteht es sehr spannend, die Geschichte des letzten Jahrhunderts und die Unterdrückung der slowakischen oder polnischen Roma zu erzählen, denn der hat seine Protagonistin Zoli bzw. Marienka Novotna, an das Vorbild der polnischen Roma-Dichterin Bronislawa Wajs angelehnt, die von 1908 bis 1987 gelebt hat.
Colum McCunn hat auch eine sehr eindringliche Sprache und den Plot raffiniert in verschiedene Handlungsstränge und Erzählstimmen aufgebaut.
So beginnt es 2003 in der Slowakei, als ein Journalist eine Romasiedlung besucht und sich nach Zoli Novotna bei dem Ältesten erkundigt.
Später erfährt man, daß er es deshalb tat, weil er in einem Antiquariat ihren Lyrikband aus den Fünfzigerjahren gefunden hat. Die Roma sind sehr freundlich und sehr arm, lassen sich von ihm Geld und Zigaretten gaben und erwähnen, daß es bei den Kommunisten sehr viel besser war, über Zoli Novotna wollen sie nicht reden.
Dann geht es in die Dreißigerjahre, wo die Nazis bzw. die Hlinkasoldaten, die Roma mit ihren Wagen auf das Eis des See trieben, wo sie ertranken, nur die kleine Zoli konnte mit ihrem Großvater entkommen und sich mit ihm im Wald verstecken.
Der Großvater ein Kommunist, der das „Kapital“ liest, lehrt der Kleinen lesen, obwohl das Romamädchen gar nicht dürfen, er verheiratet sie sehr jung mit dem alten Petr und im nächsten Kapitel, das von dem irischen Journalisten Stephen Swann, der einen slowakischen Vater hatte, erzählt wird, erfahren wir, daß er Zoli in den Fünfzigerjahren kennenlernte, als er für einen slowakischen Dichter die Romaliteratur studieren sollte. Sie machen die junge Sängerin schnell bekannt und veröffentlichen ihre Gedichte, der Dichter Martin Stransky warnt Swann vor einer Liebesaffaire mit Zoli und die Kommunisten, die die Roma von ihren Nomadenleben „befreien“ wollen, indem sie sie in Wohnblöcke mit Wasser und Heizung umsiedeln, mißbrauchen Zoli dafür.
Stransky fällt in politische Ungnade und wird hingerichtet, Zoli bittet Swann ihren Gedichtband nicht zu veröffentlichen, der sich aber nicht daran hält. So wird sie von ihrem Volk verstoßen, die Kommunisten verfolgen sie auch, so daß sie ins Ausland flieht.
Der letzte Teil spielt, 2003 in Paris, bei einem Romakongreß, den Francesca, Zolis Tochter organisiert und die siebzigjährige Zoli, die in Italien lebt, ist nach Paris gekommen um daran teilzunehmen, dort trifft sie dann Swann wieder, der 1968 nach Manchester gegangen ist und beginnt auch wieder zu singen, beziehungsweise geht sie im Nachthemd zu den Musikern und Stephen Swann, denn der irische Dichter verwendet für seinen Roman auch sehr starke Bilder.
Colum McCann scheint sehr sorgfältig für das Buch recherchiert zu haben. Im Anhang gibt es eine Reihe von Danksagungen, eine betrifft Valerie Besl, die ich vom „Haymon-verlag“ kenne, Richard Jurst wird auch erwähnt, Franc McCourth und Louise Doughty. Einen Aufenthalt in der Slowakei gab es auch und Zoli, das ist noch zu erwähnen, ist die Abkürzung von Zoltan und ein Bubennamen, nach dem der Großvater, die kleine Marienka rief.
Ein sehr interessantes Buch, das ich sowohl auf Englisch oder Deutsch sehr empfehlen kann.
Wir haben ja die Ceija Stojka, für dich sich, glaube ich, Christa Stippinger besonders einsetzte, die auch Mircea Lactatus Gedichtband verlegte, auf der letzten „Buch-Wien“ wurde vom PEN-Club der erste Roma-Literaturpreis an Stefan Horvath vergeben. Ich war einmal bei einer Veranstaltung über Roma-Literatur in der „Gesellschaft für Literatur“, bekomme seither die Zeitschrift vom „Romano Centro“ zugeschickt, habe ein Buch von Karl Stojka und Reihard Pohanka auf meiner Leseliste und über Roma auch schon einige Male geschrieben.
Von Colum McCann gibt es dann noch „Der Himmel unter der Stadt“ zu lesen.

Werbeanzeigen

Schreibe einen Kommentar »

Du hast noch keine Kommentare.

RSS feed for comments on this post. TrackBack URI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: