Literaturgefluester

2014-02-07

Jessica, 30

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:12

Durch den offenen Bücherschrank und der literarischen Soiree des Radio-Kulturcafe bin ich auf dem Weg eine Streeruwitz-Expertin zu werden, vorher war mir die 1950 in Baden geborene Autorin immer etwas zu theoretisch und zu abstrakt, beziehunsweise zu intellektuell, so daß ich ihre Argumente nicht immer nachvollziehen konnte.
Jetzt habe ich die „Schmerzmacherin“ gelesen, „Lisas Liebe“, „Majakowskring“ und vorher schon über das Internet den sogenannten „Wahlkampfroman“.
„Jessica,30“, 2004 erschienen, auch ein Fund aus dem „Wortschatz“ ist leichter zu lesen und verständlicher, als die „Schmerzmacherin“ beispielsweise, bei der die obigen Argumente auch zutrafen. Dieser Monolog einer jungen Frau, die durch den Prater rennt, dabei ständig ans Essen, an den Sex und auch noch an literarische Theorien denkt, die sie im Kopf hat, liest sich sehr leicht herunter und der Entstehungsprozess ist mir als politisch engagierte Wienerin auch nicht unbekannt.
Habe ich 2000 in der „Viertagebuchfrau“ ja auch einen Roman über die ersten hundert Tage von schwarz-blau geschrieben und die Monologform ist mir auch nicht unbekannt, auch wenn ich gerne zugeben, daß das Marlene Streeruwitz vielleicht etwas flotter als mir gelingt.
Jessica Sommer rennt also durch den Prater, sie joggt vor ihrem Volontariat in einer Frauenzeitschrift, die, wie mich Wilkipedia belehrte „News“ oder „Woman“ sein dürfte, ich gebe aber zu, daß ich diese Zeitschriften auch schon mal gelesen habe und ist geprägt von Schuldgefühlen, weil sie vorher eine Packung Möwenpic-Eis mit viel Schlagobers verzehrte und zwischendurch auch immer wieder resumiert, ob sie nach dem Joggen und bevor sie der Chefin Claudia ihre Konzepte unterbreiten wird, Sphagetti mit Butter und Parmesan oder doch lieber den gesünderen Salat verzehren soll?
Sie schreibt in ihrem Volontariat, Jessicia hat Germanistik und Philosophie studiert und ist in den Zeiten des Praktikums, die es offenbar schon 2004 gab, noch von ihren Eltern abhängig, Serien über Sex und an den denkt sie auch ständig.
Da gab es eine Wohngemeinschaft mit zwei Freundinnen in der Josefstädterstraße, jetzt wohnt Jessica allein und hat eine Beziehung zu einem ÖVP-Politiker, das Buch spielt in der zweiten Auflage von „schwarz blau“ und Marlene Streeuwitz ist eine sehr pointierte und politische Autorin.
Jessica rennt also und denkt, ist ständig mit sich unzufrieden, dann fährt sie mit ihrem Auto nach Hause, um schnell zu duschen, bevor sie zur Redaktionssitzung geht.
Dann ist der erste Teil des inneren Monologs vorbei und in einem zweiten Kapitel ist Jessica schon zu Hause und wartet auf Gerhard den ÖVP-Politiker, verheiratet Vater von zwei Kinder, der immer erst nach seinen Sitzung zu ihrkommt und der hatte etwas mit ihrer Freundin Mia, beziehungsweise ist die dabei ein Buch über seine Sado-Maso-Praktiken, wie er sie ans Bett fesselte, beispielsweise, zu schreiben und Jessica resumiert darüber. Dann kommt der Gerhard mit einem veganen Würstel, das sie ihm in der Mikrowelle erhitzen soll und bekommt während des Sex mit ihr einen Anruf von seiner Frau, der er etwas vorliegt, um Jessica seinen Penis in den Mund zu stopfen, worauf sie ihn nach seinen Sexualpraktiken befragt und ihn von Mias Enthüllungen erzählt.
Im dritten Teil sitzt sie im Flugzeug nach Hamburg um einem „Stern-Reporter“ ihre Recherchen zum Fall Hollitzer zu überbingen. Es gab da eine Sex-Orgie im „Panhans“ mit slowakischen Prostituierten und denkt auch da an allerhand, wie zum Beispiels ans Begräbnis ihres Oknels, dem Flötenspiel der Frau Ex-Minister Gehrer und in welchen Sitzbezügen man die Essensflecken weniger bemerkt. Kommt vom Hundersten ins Tausenste und in Hamburg vielleicht endlich mal zu einer festen Stelle, obwohl die ja auch sicher nur mehr mit Praktikanten arbeiten.
„Eine eßgestörte, modegeile dumme Tussie diese Jessica!“, könnte man vielleicht sagen und „Ach, wie dumm sind doch die modernen Frauen, da bin ich doch viel intellektueller (und ich habe einmal an Uschi Fellner einen Brief geschrieben, wo ich mich über sie vielen spitzen Schuhe, die in ihrer Zeitung gezeigt wurden aufregte und keine Antwort bekommen)!“
Man hat aber trotzdem in aller Streeruwitzischer Überhöhung und Übertreibung einen spannenden Roman über das Leben in Österreich Anfang 2000 gelesen und einen Einblick in das politische und gesellschaftliche Klima dieser Zeit bekommen, kann vergleichen, was sich seither verschlechtert oder verbessert kann und so kann ich dieses Buch sehr empfehlen und freue mich auch schon auf das nächste „Nachkommen“, das bei S. Fischer im Juni erscheinen soll und bin gespannt wann und wo es zu mir kommt.

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