Literaturgefluester

2014-03-02

Der Krieg nach dem Frieden

Filed under: Uncategorized — jancak @ 18:51

Jetzt kommt gleich die Besprechung von Ruth Aspöcks neuem Buch „Der Krieg nach dem Frieden“, das sie am Freitag in Krems vorstellte und das im April im „Stifterhaus“ in Linz präsentiert werden wird.
Das im „Löckerverlag“ erschienene Buch, zeigt eine weiße Friedenstaube auf dem roten Cover, neben den biografischen Angaben zur Autorin auf der Klappe, kann man am Buchrücken lesen, daß „aus der Sicht von fünf Personen, die Erzählerin Malwine, die Schwestern Rosa und Ursula und ihren Eltern, Anatol und Marie – dieser Roman die Lebensumstände einer Familie nach dem zweiten Weltkrieg, die Verarbeitung der Kriegserlebnisse und den mühsamen Wiederaufbau, eingebettet in die politische Zeitgeschichte“ erzählt.
Das passiert in zwanzig Kapitel, die alle einen kurzen Namen tragen: „Die Art, der Weg, Die Zeit, der Trug, der Mut, etc, etc“ und in diesen Kapitel treten die Personen in direkter Rede auf und erzählen von den Geschehnissen.
Bei Ruth Aspöcks „Kannitverstan“ hatte ich ja einmal den Eindruck, daß die Erzählweise durch den Schreibstil ein wenig abgeblockt wird, kein „Show dont tell!“, hier hatte ich das Anfangs auch.
Gibt es ja eigentlich keinen Plot, keinen Spannungsbogen, nur Monologe. Aber bald merkte ich, daß das der Ruth erstaunlich gut gelungen ist.
Vielleicht auch mit den Trick, die Eltern Anatol und Marie aus dem Totenreich erzählen zu lassen. Das, was ja auch einmal Elfriede Jelinek tat, wirkt erstaunlich lebendig und sehr originell.
Aber eigentlich gibt es eine Erzählerin. Malwine, die Freundin, die von den Schwestern Rosa und Ursula oder wahrscheinlich nur Ursulas, zwei Schuhschachteln mit Briefen ins Haus geliefert bekommt, die man beim Auflösen der mütterlichen Wohnung fand „Und jetzt mach etwas daraus!“
Da ich Ruth Aspöck ja persönlich kenne und auch mit ihr befreundet bin, habe ich ja den Vorteil, die Entstehung des Buches schon ein bißchen miterlebt zu haben.
Obwohl so viel auch nicht, denn die Ruth spricht ja nie sehr viel über ihre „ungelegten Eier“, daß sie aber in Salzburg und wahrscheinlich auch in Linz war und dort die Archive erforschte, um vom Leben nach 1945 etwas zu erfahren, hat sie mir verraten und dann erfährt man in den zwanzig Kapiteln alles von der Familie.
Anatol, da muß ich gleich an Ruths Theaterwissenschaftstudium und an Arthur Schnitzler denken, war zwei Jahre im Krieg, in Belgien und Russland, als Sanitäter und Quartierauftreiber und schreibt seiner Marie aus dem Feld, die zensuierten Briefe, aus denen Malwine, die etwas ältere Freundin Ursulas, ehemalige Sekretärin bei der „Gesellschaft der Opernfreunde“ und nach einer Kinderlähmung leicht hinkend, etwas machen soll.
Die Schwestern Rosa und Ursula sind etwa 1946 bzw. 1948 in Salzburg geboren. Der Vater war Österreicher, die Mutter Schwäbin, nach 1945 siedelte sich die Familie in Salzburg an, um dann nach zwei Jahre später nach Linz ins „Keplerhaus“ zu ziehen. Ich habe die Ruth ja bei der Präsentation gefragt, wie weit das autobiografisch ist?
„Ich schwöre nichts!“, hat sie geantwortet und dann dazugefügt, daß die Erzählerin Malwine, eine Freundin wäre. Die war, glaube ich, auch bei der Präsentation und als wir 2007 bei Ruths Radkarawane in Linz Halt machten, sind wir vor dem Keplerhaus gestanden, in dem die Ruth mit ihren Eltern und der Schwester ihre Kindheit verbrachte.
Nun gut, daß alles autobiografisch ist und alles auch gleichzeitg nicht, ist das, was ich immer sage, wenn mir jemand diese Frage stellt.
Die Rosa ist in dem Buch Pädagogin und lebt in Deutschland, Ruths ältere Schwester tut das auch und das Haus im Mühlviertel, das inzwischen nur mehr der Schwester gehört, kommt auch vor. Da fressen dann die Rehe die Obstbäume ab und die dumme Städterin wird von den Bauern deshalb ausgelacht.
Dann wird allerdings Ursulas Sohn Matteo von der Schwester, die nach Mißbrauchserfahrungen ihres Vaters, als Nonne lebt und keinen Kontakt zu Männern will, aufgezogen und das wird wohl erfunden sein.
Briefe hat es möglicherweise gegeben, denn so dichte Kriegsbeschreibungen kann man wahrscheinlich nicht nur den Archiven entnehmen.
Die Atmosphäre wird sehr dicht geschildert und ist auch in der abgehackten Art sehr spannend. Die Gewalt an den Töchtern, die Mädchen wurden, wie das früher üblich war, mit dem Pracker und dem Kochlöffel, geschlagen, Ursula, die Soziologie studierte, ist die aufmüpfige, Rosa mehr die traumatisierte und sie ist offenbar auch das Opfer einer Vergewaltigung, also nicht Maries Kind.
Man sieht schon, die Ruth hat in ihren Familienrahmen sehr viel hineingepackt und ich finde diese Gradwanderungen sehr spannend, auch wenn sie mich anfangs verwirrte und habe als 1953 geborene ja auch selber noch sehr viel von dieser Atmosphäre erfahren. Ein Tagebuch meiner Mutter gefunden, in dem sie auf die Rückkehr meines Vaters aus der Gefangenschaft wartete, als wir die Wohnung in der Wattgasse räumten und interessant ist auch, daß meine 1942 geborene und 1978 verunfallte Schwester, Ursula hieß und meine Mutter, 1915-1991, Rosa, etwas, was die Ruth bestimmt nicht weiß.
Ich habe in den Nachkriegserlebnissen also ein bißchen Ruths Familiengeschichte hineingelesen. Ihre Mutter habe ich ja einmal gesehen, der Vater ist schon früher gestorben und, daß, die in den Vierzigerjahren Geborenen kaum Zeit hatten, ihre Traumatisierungen aufzuarbeiten, kommt auch sehr gut heraus.
Beide Töchter haben studiert und sind männerlos geblieben. Ursula hatte aber einen Verlobten und ein Kind, das sie nach der Geburt zur Adoption freigab, Rosa hat es aufgezogen und jetzt eine Beziehung zu einem französischen Weinbauern zu dem sie immer weinlesen fährt und der ihr Gedichte schreibt.
Das Buch spielt ja in die Gegenwart hinein oder erzählt von dort rückwärts.
Spannend, spannend und allen, die mehr über die Zeit nach 1945 und das Aufwachsen nach dem Krieg, mit all seiner Gewalt, Armut und Enge, wissen wollen, zu empfehlen und denen, die wie ich ein bißchen in der Biografie schnuppern möchten, natürlich auch.

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2 Kommentare »

  1. Liebe Eva!
    Danke für den interessanten Kommentar zu meinem neuen Buch und danke, dass Du und Alfred bei der Lesung wart.
    Inhaltlich ist eine ganze Menge zu sagen, besonders berührt hat mich aber die Sache mit den Namen. Es ist wirklich fast mystisch, dass Deine Mutter und Schwester solche Namen haben, wie sie im Roman vorkommen. Ich bin nach folgenden Überlegungen vorgegangen: Es sollten keine „modernen“ Namen sein und keine besonderen, eher Alltägliche dieser Zeit. Und: sie sollten schöne Vokale haben, rund und voll. Deswegen Anatol, die Assoziation mit Schnitzler ist zudem genau richtig. Und „Rosa“ und „Ursula“ haben solche Vokale. Ursula sollte zuerst „Ulrike“ heissen, das klingt mir aber zu hart (Das „k“ und das kurze „i“) und so habe ich eben auf Ursula umgeändert. Anatol sollte auch ein bisschen die altösterreichische Tradition charakterisieren und den Gegensatz zu „Marie“ zeigen. (Das ist ein häufiger Name, in Österreich und in Deutschland, ich habe mit Büchner und Woyzeck assoziiert und wollte einen etwas strengeren Namen, daher Marie und nicht „Maria“)
    Schöne Grüsse
    Ruth

    Kommentar von Ruth — 2014-03-03 @ 17:56 | Antwort

    • Ebenfalls vielen Dank, liebe Ruth für deine Insiderinformationen, denn wenn man einander sehr gut kennt, sind Buchpräsentationen fast so etwas, wie eine Schreibwerkstatt und meine Leser können von den „literarischen Werkstattberichten“ profitieren.
      Ja, Namen sind wichtig, ich schau auch immer darauf, daß ich schöne, klingende, sprechende erwische und hatte da einmal mit einer meiner Stammleserinnen auch eine Diskussion, weil es vielleicht etwas schwierig werden kann, wenn man einmal einen klingenden Namen aufschnappt, wie es mir bei meiner „Sophie Hungers“ passierte und dann gibt es schon eine Künstlerin, die so heißt.
      Ich habe einmal eine Geschichte geschrieben, wo es einen Günther Grass und eine Thea Leitner gibt, die mit den realen Vorbildern natürlich nichts zu tun haben, wurde sehr gerügt und lese jetzt manchmal Romane, wo das auch passiert und so ähnlich ist das wohl auch mit der Autobiografie, da höre ich öfter die Autoren bedauern, daß das alles nichts mit iIhnen zu tun hat, denn das Roman-Ich, ist ja nicht das Autoren-Ich, wenn ich dann aber in der Biografie nachschaue, entdecke ich Ähnlichkeiten und so ist mir das auch am Freitag bei der Lesung passiert.
      Da habe ich einiges entdeckt, das sich für mich mit dem Lebenslauf deckte und war dann über den „Schwur“ erstaunt.
      „Das stimmt doch nicht!“, habe ich gedacht. Als ich das Buch gelesen habe, habe ich verstanden, daß da wohl auch viel erfunden ist und ich kenne diese Mischung von Erlebten und Erfundenen natürlich auch sehr gut, weil man sich ja leichter tut, wenn man mit der eigenen Biografie beginnt, die Erfindung passiert dann wohl automatisch. Ich wurde da auch einmal gerügt, denke, daß das aber auch bei den sehr bekannten Autoren oft so ist und würde Philip Roth da als Beispiel anführen.
      Aber natürlich muß man aufpassen, daß sich niemand erkennt und einem vielleicht eine Klage androht, wie mir das auch schon mal passierte. Insgesamt würde ich meinen, daß das wohl oft auch „Anfängerprobleme“ sind, daß man zuerst, weil es ja leichter ist, eins zu eins umsetzt, die Fragen „Ist das jetzt autobobiografisch?“, irritieren dann ein bißchen, wie es mir einmal bei unseren Autorenkollegen Milan Richter passierte, der von mir wissen wollte, ob die „Mila“ in den „Fluchtbewegungen“ mit der slowakischen Autorin Mila Haugova identisch ist? Natürlich nicht, denn das ist eine serbische Putzfrau und Analphabetin. Aber auch die Leser setzen, wie du es ja auch bei mir erlebtest, oft automatisch eins zu eins um.
      Es ist sicher nicht alles autobiografisch, was man so schreibt, aber vielleicht vieles, weil es wahrscheinlich leichter ist, von seiner Wohnung, wie ich es oft tue, zu schreiben und dann die Fiktion hineinzuvermengen und für den Leser, die Leserin sind diese Detektivspiele sicher auch sehr interessant und eine ganz private Schreibwerkstatt.
      In diesem Sinne freue ich mich auf die Schreibgruppe am Freitag, in der ich wieder an meinem „Work in Progress“ schreiben kann und da habe ich im K.M. auch ein echtes Vorbild, wo ich aufpassen muß, daß ich genügend verfremde, damit man ihn nicht erkennt.
      Und die Freundin, die ich für das Vorbild der Malwine halte, hat mir schon gemailt, daß sie die nicht ist!
      „Natürlich nicht! habe ich ihr geantwortet.
      „Denn die ist ja eine Kunstfigur!“
      Vielleicht hast du beim Schreiben trotzdem an sie oder auch an eine andere Freundin gedacht und wenn man von dir Autobiografisches wissen will, ist man bei der „Blindschleiche“, in der ich ja auch vorkomme, gut aufgehoben.

      Kommentar von Eva Jancak — 2014-03-04 @ 06:59 | Antwort


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