Literaturgefluester

2014-03-13

Schneeweißchen und Partisanenrot

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:01

Eine herrliche Politsatire, wüst, steht im Klappentext, erzählt der 1966 in Sofia geborene Alek Popov in dem bei „Residenz“ erschienenen und von Alexander Sitzmann übersetzten Roman „Schneeweißchen und Partisanenrot“, das mit einer umfangreichen Erläuterung, daß diese Geschichte wirklich und wahrhaft erfunden ist und zur Gänze ins Reich der Fantasie gehören würde, beginnt.
Dann geht es weiter mit einem Prolog, in Sofia gibt es eine kleine Straße, die Jara Palaveeva-Straße, an deren Benennuung sich nur mehr ein altes Mütterchen besinnt und die viel zu unbedeutend ist, daß man sie umbenennt. Im Jahr 1952 sah sich als kleines Mädchen ein paar Männer mit Schirmmützen und eine Frau im strengen braunen Kostüm, das war war Mayor Kara Grebenarova, die sich dafür einsetzte, daß diese Straße ihrer im Partisanenkampf gegen Faschismus und Kapitalismus gefallenen Schwester gewidmet wird.
Dann geht es richtig los in die Vierzigerjahre und ins Balkangebirge. Ein Hirtenjunge führt dort einen Studenten und zwei Zwillingsschwestern, Gymnasiastinnen vom Mädchengymnasium, die zu den Partisanen wollen, weil sie das Zarenbild verunziert hatten und auch das Innenministerium in die Luft sprengen wollten.
Der Hirte wundert sich, macht dann doch den Kuckucksruf, um die Partisanen auf ihn aufmerksam zu machen. Er macht ihn falsch und das Partisanengrüppchen das dort herumzieht, wird auch von einem angeblichen Russen Russen namens Medved regiert. Sie tragen alle Decknamen, Lenin zum Beispiel, Stalin nicht, denn was macht man, wenn einem solchen Genossen etwas Unehrenhaftes passiert? Verständigen sich durch Vogelrufe, was zwar ein wenig seltsam ist, weil die Bevölkerung sofort erkennt, daß es diese Vögel zum Beispiel in dieser Jahreszeit nicht gibt.
Es gibt auch eine Frau bei der Truppe, die Extra-Nina, die vom Klassenfeind einmal sehr vergewaltigt wurde und nun die Gewehre reinigt. Die Truppe ist sich uneins, ob sie die zwei Mädchen, noch dazu mit bürgerlichen Hintergrund, sie führen englische Sandwiches gefüllt mit feinster Salami, Schokolade und Malzbonbons mit sich, zu sich lassen sollen, wo sich doch die Truppe nur aus harten Bohnen und Zwieback ernährt.
Die Bohnen gibt es diesmal strafweise nicht, die Truppe wird auch noch von der Armee überfallen und muß flüchten, da stellt sich heraus, daß die Mannschaft schon ihre Notration gegessen hat und wahrscheinlich verhungern muß.
Es gibt aber einen Ausweg, nämlich in einen Wald zu flüchten, aber dort sollen Vampire und Geister herrschen und die antifaschistische Gruppe die gegen den Kapitalismus kämpft und ein revolutionäres wissenschaftliches Weltbild hat, entpuppt sich auf einmal als sehr abergläubisch.
Da gehen Gabriela und Monika, das sind die Decknamen der beiden Mädchen, tapfer voran. Was ihnen zuerst aber nicht gut bekommt. Denn sie werden tatsächlich überfallen und gefesselt. Allerdings nicht von Geistern und von Vampiren, sondern von drei ehemaligen Bankräubern, die die Mädchen gleich vergewaltigen wollen.
Die wehren sich aber tapfer und erschießen die drei, das Geld und sehr viel essen finden sie auch und sie bekommen noch ein bißchen Geld, beziehungsweise wird es für den Freiheitskampf gespendet, denn sie haben eine Entführung fingiert und den Eltern einen Brief geschrieben, daß sie nun für die Freiheit kämpfen und vielleicht sterben werden.
Die Partisanen essen sich inzwischen satt, erhalten politischen Unterricht und Medved erzählt ihnen auch noch von den herlichen Moskauer U-Bahnstationen und den vielen Eissorten, die man dort kaufen kann.
Dann fängt es an rund zu gehen, zuerst wird Gabrielas Spitzenunterhöschen gestohlen und in einem der Partisanenrucksäcke gefunden, die Mädchen glauben nicht den Geschichten von der Epilepsie und den anderen Krankheiten, die man durch das „Herunterholen“, ein Wort das sie nicht verstehen, bekommt und fordern, dann die Freiheit der Masturbation als sozialistische Errungenschaft. Sie werden aber trotzdem für Spioninnen gehalten und sollen erschossen werden. Extra Nina, die selber die Verräterin, mit einer brennenden Kerze im After verrät man alles, rettet sie. Die Armee erscheint wieder, alle fallen, nur die Mädchen können mit Medved entkommen, erfrieren aber fast, so ordnet er an den Schnellkurs in Leninismus zu verbrennen, die Mädchen wundern sich, dachten sie doch, das wäre sein Heiligtum. Er verrät ihnen aber die Wahrheit der SU, in deren Lager er war. Die Mädchen, die noch von Kannibalismus reden und ob es erlaubt ist sich gegeneinander aufzuessen, wenn man sonst verhungert, werden getrennt. Gabriela scheint umzukommen und zehn Jahre später geht in am Tag von Stalins Tod in der bulgarischen Botschaft in London weiter.
Da treffen wir Majorin Grebenarova im strengen brauen Kostüm, es wird um Stalin geweint, dann marschiert sie in ein Kleidergeschäft, um sich einen Hut zu kaufen, wird dort für eine Missis Finnegan gehalten und die Schwestern stehen sich wieder gegenüber.
Eine köstliche Satire, die wieder einmal zeigt, wie es im Sozialismus zugegangen sein könnte und, daß letztlich alles sinnlos ist. Andrej Kurkow hat ja etwas ähnliches mit seinem „Volkskontrolleur“ versucht, wo es jetzt eine Fortsetzung gibt.

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