Literaturgefluester

2014-03-29

Der Karren

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:45

Jetzt kommt wieder etwas aus dem Bücherkasten meiner Eltern, nämlich B. Travens „Der Karren“ aus dem „Baumeisterverlag GmbH, Berlin, 1931, dessen Identität wie ich Wikipedia entnehme, von der Literaturwissenschaft noch nicht ganz enträtselt wurde.
Der Name ist ein Pseudonym, wer dahintersteckt, scheint nicht ganz geklärt, als Lebensdaten werden 1882-1969 angegeben und dazugeschrieben, daß er in Mexiko gelebt haben soll.
Da spielt auch „Der Karren“ in den Neunzehnhundertzwanzigerjahren und der ist der erste Teil, eines sechsteiligen Zyklus, der zweite Teil „Regierung“ steht auch auf meiner Leseliste und dann habe ich, glaube ich, auch „Das Totenschiff“ und dieses alte Buch, eines inzwischen nicht mehr sehr bekannten Autors, finde ich wieder erstaunlich interessant, durch seine klare, anklagende Sprache und ebenso spannend, welche Bücher meine Eltern in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts zu Hause hatten und gelesen haben.
Die Ausbeutung der Indianer am Beispiel, des Jungen Andreu Ugaldo wird hier beschrieben und B. Traven tut das sehr eindringlich, beginnt mit der Finca in die er geboren wurde, beschreibt das Leben der Peons, was wohl so was, wie unfreie Bauern sind und tut das sehr drastisch, in dem er erwähnt, daß es Mexiko keine Sklaven sind und man in der Kirche, in die Schule sind die Indianer wohl kaum gegangen, auch lernte, daß man ein freier Bürger einer unabhängigen Nation wäre.
Dann ists aber wieder nicht so einfach mit der Freiheit, denn der Peon kann seine Waren nur bei seinem Gutsherrn kaufen und der verkauft sie ihm sehr überteuert und wenn er dann nicht bezahlen kann, kosten sie das doppelte, so daß der Peon ein lebenslanger Schuldner bleibt und seinen Herrn kaum verlassen kann.
Andreu gelingt das aber, da ihn die Tochter seines Herrn, die sich in die Stadt verheiratet hat, als Gehilfe ihres Gattens haben will und der, ein Kaufmann schickt Andreu sogar in die Abendschule, weil ein Gehilfe eines Kaufmanns ja rechen, schreiben und lesen können soll.
Lohn zahlt er ihn aber keinen und gibt ihn auch keine Decke und keine Matte zum schlafen, so daß ihm das sein Vater bei seinem Gutsherrn überteuern kaufen muß und als Don Leonardo eines Abends mit seinen Geschäftsfreunden ein Spiel beginnt, verspielt er Andreu an Don Laureano und wird so Carretero, Ochsentreiber, einer der die Waren und die Menschen über die Passhöhen bringt, das scheint sogar ein Vorteil zu sein, denn Don Laureano verspricht ihm einen Lohn von ein paar Pesos, aber den bekommt er erst, wenn er die Schuld, das Geld das Don Leonardo für ihn einsetzte, abgearbeitet hat und es überkommt einem das Schauern über der Eindringlichkeit mit der hier erzählt wird, daß der „freie“ Arbeiter“ Andreu, wie auch die Peons, ihr ganzes Leben nie von ihrer Schuld frei kommen werden, denn sie müßen sich ja Kleider und auch was für ihre kleinen Vergnügungen kaufen, sowie für die Indstandhaltung ihrer Karren sorgen und wenn sie klauen und dafür ins Gefängnis kommen, löst der Patrone sie zwar aus, weil sie noch Schulden bei ihm abzubezahlen haben, was ihre Schuld aber natürlich wieder, um ein Vielfaches vergrößert.
Bei einem Fest zum Ehren des heiligen Caralampia dessen Sitten und Unsitten, wie die Leute bei den Schießständen und auf den Routlettetischen ihr Geld für Sachen hinlegen, die sie erstens nicht gewinnen und zweitens in jedem Laden viel billiger haben könnten, genau beschreibt, ebenso wie der Chefpolizist und der Bürgermeister bestochen wird, um die Spielzeiten zu verlängern, lernt Andreu, dann ein fünfzehnjähriges Flüchtlingsmädchen kennen, das noch keine Namen hat, weil die Mutter „Kindchen“ zu ihr sagt, und der Sohn auf dem Hof dem sie aufwuchs, „Hure“ und sie haben wollte, dem er einen Kamm und Enchiladas kauft, deren Zubereitungen werden auch ganz genau beschrieben, das er dann mit auf seine Carreta nimmt und das ihm verspricht, ihm immer zu gehorchen, wenn er nur gut zu ihr ist.
Sein Kollege Manuel holt sich von der Festa auch ein entlaufenes Dienstmädchen, das, wie alle in dem Buch, von seiner Herrschaft ausgenützt wurde und die Karawane fährt mehr oder weniger zufrieden davon.
Ein sehr eindrucksvolles Buch, in dem B. Traven mit scharfen Worten die Ungerechtigkeiten und die Zustände der proletarischen Indianer, wie er es nennt schildert.
Nach den heutigen Begriffen würde wohl die spannende Handlung fehlen. In das Schicksal des Andreus ist immer wieder viel Sachlichkeit eingeschoben, so wird zum Beispiel ganz genau erzählt, wie die Indianer Reis kochen oder wie das Leben der Carreteros ist und trotzdem ist man sehr beeindruckt und betroffen von der Schärfe und des Realismus und ich persönlich habe bei der Schilderung, wie der Herr seinen Peon ausnimmt und der nie eine Chance hat, in seinem Leben aus den Schulden herauszukommen, einen Bezug zu meinem Schreiben gesehen, da bemühe ich mich und bemühe ich mich und es wird nichts, soviel ich mich auch anstrenge und das ist ja etwas, was mich sehr beschäftigt.

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2 Kommentare »

  1. Das ist ja witzig – ich hab das Buch auch gerade gelesen und auf meinem Blog besprochen:
    http://vnicornis.wordpress.com/2013/11/19/leibeigenschaft-und-freiheit-b-travens-roman-die-carreta-rezension/
    Deine Rezension gefällt mir sehr gut, ich habe das Buch auch als sehr aktuell wahrgenommen – in welchem Bereich auch immer, Ausbeutung gibt es nach wie vor …
    Beste Grüße,
    Valentino

    Kommentar von valentino — 2014-03-29 @ 17:01 | Antwort

  2. Bei mir kommt jetzt „Die Regierung“ dran, auch die anderen Bücher aus dem Zyklus scheine ich zu haben. ich muß sie nur noch auf meine Leseliste setzen.
    Die Bücher scheint es aber auch in aktuellen Auflagen zu geben, ich habe noch die alten Bücher, wo wie ich gesehen habe, auch die Namen andders geschrieben sind und mich hat vor allem die Schärfe des Tonfalls, mit denen da die Zustände angeprangert werden, beeindruckt.
    In den heutigen Büchern würde das wohl idirekter und gefälliger rüber kommen und mehr Wert auf eine trashige Handlung gelegt werden.
    Freue mich also auf die „Regierung.“ Vielleicht schaffe ich das noch dieses Wochenende. Dann wirds wieder aktueller werden. Wartet ja das neue Buch des Martin Pollak und vielleicht einiges andere auf mich. Aber vielleicht werden wir uns wieder lesen. Mich würde es freuen, ein bißchen über die Bücher diskutieren zu können.

    Kommentar von jancak — 2014-03-29 @ 17:30 | Antwort


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