Literaturgefluester

2014-04-06

Der Mann, der zu spät kam

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:17

„Der Mann, der zu spät kam“, ein Roman von Louis Begley, 1996 geschrieben, ein Buch aus dem Bücherschrank, beziehungsweise ausrangiert von den „Städtischen Büereien Gumpendorferstraße“, handelt, wie am beiliegenden Kärtchen steht von „Ben, einem voll integrierten Amerikaner und erfolgreichen Wallstreet-Banker, der an seiner verleugneten Jugend in Polen, einer Lebenslüge, die ihn beziehungsunfähig macht, leidet und am Ende in den Freitod geht“
Die Lebenslüge wird in dem zweihundertachtzig Seiten dicken „Suhrkamp-Buch“, aber nur am Rande und beiläufig erwähnt, vielleicht will Begley damit die Kunst der Verdrängung zeigen.
Vordergründig geht es um einen mir ziemlich unsympathischen Mann und etwas, was in den Romanen der großen Amerikaner, die auf den Nobelpreislisten stehen, regelmäßig vorkommt, Sex und Geld und gutes Essen, bei Philiph Roth kommen noch die Errektionsstörungen dazu, hier scheint Ben etwas jünger, im Vollbesitz seiner besten Mannesjahre zu sein, das Buch spielt in den Siebzigerjahren und wird von einem Ich-Erzähler, einem Schriftsteller mit einer Frau namens Prudence und zwei Töchtern, von denen eine zum Reitunterricht in ein Nobelcollege geschickt wird, Bens Nachlaßverwalter, erzählt.
Die Beiden haben sich in Harvard, einem Elitecollege kennengelernt. Ben hat sich aber nicht fürs Schreiben, sondern für die Bankkarriere entschieden und ist, wie gleich auf den ersten Seiten steht, eigentlich ein pünktlicher Mensch, zu spät kommt er offenbar nur, wenn es um Entscheidungen geht oder wenn er sicher selbst schadet, so hat er erst dann den besten Schneider, wenn sich dieser bereits am absteigenden Ast befindet.
Beruflich ist er aber sehr erfolgreich, schade, daß seine Eltern das nicht mehr miterleben konnten und er ist geschieden von einer älteren Frau namens Rachel, die hat er als Student kennengelernt, da nahm sie ihn auf eine Europareise mit, damit er auf ihre zwei kleinen Töchter, Zwillinge, aufpasse, während die dann schliefen, vögelten die beiden.
Ben ist ein aufopfernder Vater für die Mädchen, als die Ehe geschieden wird, will er das Sorgerecht, bekommt es aber nicht und die Mädchen wenden sich von ihm ab. So geht Ben nach Paris, um dort Bankgeschäfte zu übernehmen, mietet sich in einer Luxuswohnung ein, hat einen Diener und es werden seitenlang die Nobelrestaurants geschildert, etwas was mich eigentlich nicht so interessiert, in der sich Ben und Jack treffen.
Frauen gibt es auch eine ganze Menge, Ben nennt das „Sexualhygiene“ und es gibt eine Beziehung zu einer Veronique, die verheiratet ist und ein Söhnchen hat. Der Mann kommt auf den Ehebruch drauf, verprügelt Veronique, Ben zischt in Geschäften nach Japan und Brasilien ab und lehnt Veroniques Angebot ihren Mann seinetwegen zu verlassen ab, weil er sich ja nicht entscheiden kann.
In Brasilien trifft er auf einen „Nazi-Zahnarzt“, der ihm ein junges deutsches blondes Mädchen namens Lotte anbietet, mit der Ben sich dann vergnügt. Ich finde das eigentlich sehr widerlich und will mich da nicht wirklich auf psychologische Erklärungen und Abwehrmechanismen einlassen.
Dann kommt Ben zurück nach Europa und Amerika, reist herum, leidet weiter, schließlich besorgt er sich Schlaftabletten, nimmt sie aber nicht, sondern verläßt das Luxushotel, in dem der Freitod passieren sollte und springt ins Wasser.
So weit, so what, das Louis Begley mit diesen Roman seine eigene Biografie verarbeitet, ist klar, daß die amerikanische und europäische Gesellschaft das lesen will, vielleicht auch, aber ich ich finde diese Sexgeschichten von reichen alten oder auch jüngeren Männern, die sich in Luxushotels und Luxusrestaurants herumtreiben und wahrscheinlich nicht immer die lupenreinsten Geschäfte machen, sondern vielleicht die, die Jahre später zur Bankenkrise führten, nicht sehr befriedigend und der Umgang mit den meist sozial schwächeren Frauen gefällt mir auch nicht, auch wenn Ben natürlich was zu verdrängen und zu bewältigen hat, wenn er wie Louis Begley in Polen geboren wurde und nach Amerika kam.
Ich kenne Louis Begley recht gut, habe ihn einmal in der Hauptbücherei gesehen, dann die „Lügen in Zeiten des Krieges“ und „Schmidt“ gelesen. Einen dieser „Schmidt-Filme“ habe ich auch gesehen und „Wie Max es sah“ steht auf meiner Leseliste.
Ein sympathischer, freundlicher Mann mit einer beeindruckenden Biografie, aber mit seinen Romanen scheine ich nicht ganz klar zu kommen.

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