Literaturgefluester

2014-04-07

Wann reisst der Himmel auf

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:27

Luis Stabauer, Trainer, Coach mit eigener Beratungsfirma und Absolvent der Leondinger Akademie ist ein sehr politischer Autor, den viele aktuelle und historische, zeit- und gesellschaftlichkritische Themen beschäftigen und die er auch mit seinen Erfahrungen aus seinem Trainer- und Beratungsalltag, er scheint auch Familienaufstellungen zu machen, zu verbinden weiß.
So ist sein erster Roman „Wann reisst der Himmel auf“, soeben bei „Resisdenz“ erschienen, ein Konglomerat davon, „Reise und Entwicklungsroman“ ist die Gattungsbezeichnung. Für eine, die auch am soziale Geschehen sehr interessiert und selber die Literatur mit psychologischen Aspekten zu verbinden versucht, äußerst spannend und Luis Stabauer führt auch sehr fesselnd in das Geschehen ein, obwohl man manchmal von den vielen Dingen, Personen und Geschehnissen, die da angesprochen werden, etwas verwirrt ist, aber das Leben ist eben vielschichtig und das ein junges Mädchen, das vor siebenundzwanzig Jahren in einer Stadt wie Gmünd geboren wurde, viel erlebt, erscheint mir einsichtig, wenn sie dann noch Literaturwissenschaft studiert und sich für Politik und Geschichte interessiert, ist die Vielfalt leicht erklärt.
Julia ist also siebenundzwanzig, in Gmünd bei ihren Eltern und ihren Bruder aufgewachsen und als sie Fünfzehn ist, hat sie ein einschneidendes Erlebnis, ihr Bruder Hartwig kommt und nimmt ihr ihren Walkman und „Gruftie-Posters“ weg und als sie Siebzehn ist, fällt sie in Französisch durch, obwohl sie eine gute Schülerin ist und der Vater schleift sie an den Haaren zu der Mutter, die nicht so recht für die Tochter einstehen kann.
„Hypnosespiele“ des Bruders, die über die üblichen „Doktorspiele“, die ja freiwillig und beidseitig sind, gab es auch und so verstummt Julia in ihrer Familie, vertraut sich in der Schule aber einer jungen Lehrerin an, die sie zu einem Therapeuten vermittelt und der Bruder, der zu diesem Zeitpunkt schon die Priesterweihe hinter sich hat und Chorherr wird, wird aus dem elterlichen Haus verbannt, kommt aber doch manchmal mit einem großen Auto und dem Talar ziemlich salbungsvoll auf Besuch.
Julia flieht nach Wien, beginnt dort Komparatistik zu studieren, hat infolge ihrer Erlebnisse, Schwierigkeiten mit Männern und kann sich ihnen nicht hingeben. In der Therapiegruppe lernt sie Ernst, einen achtzigjährigen Widerstandskämpfer und Spiegelgrundopfer kennen und will seine Geschichte aufschreiben.
Er erzählt ihr von seinem Jugendtraum, sie soll für ihn nach Lateinamerika reisen, weil er das nicht mehr kann und gibt ihr fünfzehntausend Euro dafür. Das wirft einige Fragen auf, die Julia auch in der Gruppe bespricht, darf man so etwas annehmen, Ernst hat auch eine Tochter und eine Enkeltochter, die aber keinen Kontakt zu ihm wollen oder aufnehmen dürfen.
Julia reist schließlich doch nach Argentienen, Chile, Peru und Bolivien und vorher von der Mutter eingeladen auch nach Martinique zu deren Freundin.
Auf der Lateinamerikareise läßt uns Luis Stabauer nun vieles miterleben, was er wohl selbst auf seinen Recherchereisen gesehen hat. Das Buch hat auch eine Widmung: „Ich bekenne: Viele von euch in Lateinamerika, jetzt und seit mehr als fünf Jahrhunderten, litten und leiden unter der schiefen Ebene zwischen Nord und Süd. Meine Zeilen sind Teil meiner Solidarität“ und wir bekommen sehr viel von den Problemen, aber auch von den landschaftlichen Schönheiten und Touristenattraktionen mit, obwohl sich Julia gegen das allzu Touristische, wie eine Schifffahrt durch die Anden oder die, mit einem Luxusschnellzug, der gelegentlich von Cartoneros und Indios mit Steinen beworfen wird, wehrt.
Die Cartoneros sind die, die von Abfalleinsammeln leben. Julia macht da einen Tag aus Solidarität mit und lernt auf ihrer Reise durch Patagonien auch einen rotbärtigen Finnen namens Yrjänä, was Orellana ausgesprochen wird, kennen und lieben und als sich sich von ihm in Chile trennt, weil er da einen Hochschulauftrag hat und alleine weiterreist, bekommt sie von Tilla, das ist die junge Lehrerin, mit der sie inzwischen befreundet ist, eine Nachricht, die Mutter ist gestorben.
Soll sie zum Begräbnis gehen oder nicht? Es gibt da offenbar einen Schwur, nie mehr nach Gmünd zurückzukommen. Sie wäre aber ohnehin zu spät gekommen, bis sie zurückgeflogen wäre. Kann sich mit der Mutter aber aussöhnen, die sie in einem Brief um Verzeihung bittet. Von Ernst und Tilla erfährt sie dann, der Chorherr hätte sich in der Kirche oder Friedhof salbungsvoll auf den Boden geworfen.
So reist sie allein weiter, muß manchmal vor Attacken und Übergriff von Männer aufpassen, ausgeraubt wurde sie schon, als sie Yrjänä spazierenging und mit den alten Nazis, die sich in Patagonien und in Bolivien zurückzogen, wird sie auch gewarnt.
Gibt es ja die „Odessa“ und die „Ustaschi“ und Ernst, den sie danach fragt, smst sofort zurück, die Reise abzubrechen, was sie aber auch nicht tut, sondern ganz normal ihre Route weiterfährt, dazwischen einige Gedichte und Reiseberichte schreibt, die sie, als sie wieder in Wien zurück ist, als Buch veröffentlichen will.
Ernst zahlt ihr dann noch eine zweite Reise nach El Salvador und dort bekommt sie von seiner Tochter die Nachricht, daß er gestorben ist und auch die Mitteilung, daß sie von ihrem Anwalt hören wird, denn Annemarie will das Geld zurück, das ihr Vater für sie gezahlt hat.
Böse Träume gibt es auch immer wieder, die sich langsam auflösen, so daß Julia sich mit ihrem Bruder treffen und um ein Gespräch bitten kann, was ich für eine gute Lösung und eine schöne Entwicklung halte. Ein spannendes Buch und sehr eindrucksvoll beschrieben, so daß man sich nachher noch mit vielen weiterbeschäftigen möchte, sei es mit den „Madres de Piaza de Mayo“, die in dem Buch zwar keinen sehr breiten Raum einnehmen, deren Symbol, das weiße Kopftuch, aber das Buchcover schmückt oder mit der Frage, wer Erich Priebke ist und besonders schön finde ich, wie angedeutet, daß das Buch den „Himmel ein bißchen aufzureissen“ versucht und vom Lösen der Konflikten spricht, was, da sich Luis Stabauer, den ich ja im vorigen Herbst, bei der Selbstpublisher-Messe in Hietzing kennenlernte und sowohl „Der Kopf meines Vaters“, als auch die Anthologie mit Texten, die im Rahmen der „Leondinger Akademie“ entstanden sind, gelesen habe, auch Konfliktlösungstrainings anbietet, auch logisch ist.
Das Buch wird sehr passend in dem lateinamerikanischen Lokal „Andino“ in der Münzwardeingasse 2, 1060 Wien, am 24. April um 19 Uhr vorgestellt und bei den „Textvorstellungen“ in der „Alten Schmiede“ ist Luis Stabauer am 30. Juni auch zu hören.

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