Literaturgefluester

2014-04-12

Bei 30 Grad im Schatten

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:44

Wann gerät ein Mensch aus den Fugen, welche Lebenssituationen können veranlassen, daß er zum Obdachlosen, Aussteiger etcetera wird?
Bei den Hilfsorganisationen hört man immer, daß das sehr leicht geschehen kann, eine Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes, eine Delogierung und schon ist man den Weg nach unten angetreten und von den Aussteigern, die als Touristen nach Kalamata gekommen sind und dann in weiterer Folge die Touristen ausnehmen, habe ich erst vor kurzem in der „Alten Schmiede“ gehört.
Lorenz Langeneggers bei „Jung und Jung“ erschienener Roman ist offensichtlich die Fortsetzung von „Hier im Regen“ 2009, ebenfalls bei „Jung und Jung“ herausgekommen und von mir 2012 beim „Augustin Flohmarkt“ in der Reinprechtsdorferstraße samt Begleitbrief und Karte an Anna Jeller erworben und noch nicht gelesen.
Aber Jakob Walter, der Held, der des Nachts nicht schlafen kann, weil ihm seine Frau Edith nach zehn Jahren Streit und Ehe verlassen hat und offenbar doch nicht, wie erwartet vom wöchentlichen Besuch bei ihrer Mutter in Winterthur zurückkommt, hat schon nach dem Unfalltod seines Freundes Ralf, die Stadt verlassen, um nie mehr zurückzukommen, war dann nach zwei Tagen wieder da, hat geheiratet, fand eine Stelle am Steueramt und dorthin muß er nun auch zu einer Sitzung. Wenn er sich beim Duschen beeilt, kann er es noch rechtzeitig schaffen.
Er steigt stattdessen auf den Dachboden, nimmt seinen Rucksack, steckt ein paar Sachen und den Schlafsack hinein und wirft den Schlüßel in den Briefkasten. Denn die Wohnung gehört seiner Frau, die, das weiß er, erst zurückkommen wird, wenn er draußen ist und das Handy hat er abgedreht, bevor der Chef, die Sekretärin bei ihm anrufen läßt, um zu fragen, wo er bleibt?
Er fährt nach Zürich einen Freund zu besuchen, aber der ist nach der Geburt seines zweiten Kindes umgezogen. So geht er auf den Friedhof, um dort Jonas zu treffen und wenn ich mich nicht irre, ist das die Stelle, die Lorenz Langenegger 2009 beim Bachmannpreis vorgelesen hat, die mich sehr beeindruckte und mich auch für die „Sophie Hungers“ an der ich gerade schrieb, inspirierte.
Der, ein Arbeitsloser, der diesen Zustand zur Profession gemacht hat, nämlich ein Büro in seiner Wohnung, wo er seine Bewerbungen schreibt, rät ihm nach Italien zu fahren und so treffen wir Jakob Walter im nächsten Kapitel auf einer Fähre an. Er denkt öfter an Edith, mit ihr ist er einmal nach Palermo gereist und ich habe, kann ich anmerken, auf einer Reise nach Sizilien sehr viel an der „Sophie“ geschrieben. Jakob Walter tut das nicht, sondern verbringt die Nacht im Schlafsack am Deck, teilt sich das Gyros mit den Fernlastfahrern, beziehungsweise ißt er mit ihnen und landet in Griechenland in einem baufälligen Hotel, mit nur einer betriebsfähigen Toilette, das von einer Natalia geführt wird, die in der Schweiz studierte, bevor sie die Wirtschaftskrise zurückgerufen hat, das Hotel ihrer Eltern zu übernehmen.
Die Reise geht weiter, obwohl, der Chef ist noch immer nicht angerufen, zwischendurch die Idee kommt, am Wochenende zurückzufliegen, um am Montag wieder pünktlich zur Sitzung zu erscheinen. Der Chef wirds schon verzeihen. Dann will er aber auch nach Athen, die Akropolis bewundern und dort bekommt er von einem Engländer den Hinweis, unbedingt nach Kalamata zu müssen, dann steigt ein Hund noch zu ihm in den Bus und begleitet ihn bis an das Ende des Landes, wo nur noch ein einsamer Leuchtturm steht.
Da muß er nolens volens umdrehen, verdreckt, schmutzig, sonnenverbrannt ist er schon, wie wohl noch immer ein Schweizer mit Pensionsversicherung und Geld am Konto er geht an den Löchern vorbei, die Straße entlang, um stehenzubleiben, wenn ein Auto hält, daß ihn zurück in die Stadt und zum Flughafen bringen kann…
Das Buch, beziehungsweise der Klappentext endet mit einem Fragezeichen und ich bin auch schon sehr gespannt, ob ich in fünf Jahren ein weiteres Buch lesen werde, in dem sich Jakob Walter vielleicht kurz vor seiner Pension noch einmal in den Ausstieg begibt.
Spannend diese Art von Fortsetzungsgeschichten und Lorenz Langeneggers zarter feiner Ton und seine genaue Beobachtungsgabe, die sich in schönen Sätzen und dichten Bildern des Alltagslebens ausdrücken lassen weiß, haben mir schon bei seiner Bachmannpreislesung, bei der er leider nicht gut angekommen ist, sehr gefallen. John Updike hat ja, glaube ich, meit seinem „Rabitt“ etwas Ähnliches gemacht.
Bei „Buch und Wein“, konnte ich ihn dann gleich mit den „Autören“, eine Gruppe, mit der er gemeinsam auftritt, hören. Seine Lesung in der Hauptbücherei vorige Woche habe ich versäumt.
Lorenz Langenegger steht noch am Klappentext wurde 1980 in der Schweiz geboren und lebt heute in Wien und Zürich.

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