Literaturgefluester

2014-04-25

Die Undankbarkeit der Kinder

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:09

Weiter geht es mit der „Edition Keiper“ und einem Erzählband des 1954 in Graz geborenen Wolfgang Pollanz, den ich schon in der „Alten Schmiede“ hörte.
„Die Undankbarkeit der Kinder“, zwölf Geschichten mit einem Ich-Erzähler, der wie am Buchanfang und am Buchrücken steht „völlig frei erfunden ist und die Geschichten an den Haaren herbeigezogen wurden“, wurden schon in der Freitagmittagleiste in Ö1 vorgestellt, wo ich sie nicht hörte, aber neugierig auf den Erzählband wurde, der einen ähnlichen Namen, wie der von Alois Hotschnig trägt, der noch auf meiner Leseliste steht und wie das mit der Autobiografie und dem Schwören, daß das alles ganz bestimmt ganz erfunden wurde, habe ich eine eigene Meinung, da man ja vieles dann mit der Biografie des Autors, der Autorin vergleichen kann und es ist eigentlich auch egal, weil man ja nur über das schreiben wird können, was man aus irgendeiner Perspektive kennt.
Die Geschichten haben also einen Ich-Erzähler und der schlüpft in verschiedene Rollen, in „Der Himmel über Sankt Pankraz“ ist es ein in Berlin lebender Musikclubbesitzer, da scheint es einige Parallelen zu dem Musiker Wolfgang Pollanz zu geben, der einen ganz altmodischen Brief bekommt, der ihn in seine südsteirische Heimat, die er eigentlich ganz vergessen hat, heimholt und in der zweiten Geschichte, „Der Abreise“ ist es ähnlich. Da ist das namenlose Ich ein Fotograf und trübsinnig, sitzt irgendwo bei Gewitter in einer Wohnung, in dem Stadtviertel wurden schon die Keller überschwemmt, betrinkt sich mit Weißwein in den er Melonen schneidet und denkt an seine Kindheit zurück, in die er auch fahren soll, weil er den Auftrag angenommen hat, dort die Bahnlinien zu fotografieren.
Im „Haus“ kommt das Ich auch von weit her in das Dorf der Kindheit zurück, hat das Haus der Großmutter geerbt und sitzt in diesem nun im Winter, hat, wie Lorenz Langeneggers Held, das Handy abgeschaltet, so daß ihm keine Anrufe von seinem Chef erreichen können und wird, wie am Buchrücken steht, ein Gefangener seiner selbst, man kann das vielleicht auch weniger dramatisch interpretieren, aber Literatur hat eben abgehoben zu sein, um als solche zu gelten, vielleicht kommt es deshalb auch zur Entfremdung vom Ich.
Laut Klappentext soll Geschichte vier einen Hypochonder schildern, da tröpfelt Blut in die weiße Klomuschel einer Bahnhoftoilette und der Erzähler begibt sich zu einer Untersuchung, denkt an den Vater zurück, der an Darmkrebs verstarb und an eine Reise mit ihm nach Italien, wo der Großvater auf den Schlachtfeldern das Leben verloren hat.
In „Undankbarkeit nichts als Undakbarkeit“, geht es um Familientreffen, die alljährlich zum Geburtstag, der inzwischen neuzigjährigen Mutter abgehalten werden und dahin muß man kommen, ob man will oder nicht. Das Ich hat versucht es zu vermeiden und mit seiner Frau eine Reise nach den Kanadischen Inseln zu buchen.
„Undakbarkeit nichts als Undakbarkeit!“, sagte da empört die Mutter, der der Erzähler unterstellt, daß ihr eigentlich diese Familienfeste „auch fürchterlich auf die Nerven gehen würden!“
In „Mein Onkel und der Mond“ reist der Ich-Erzähler in die Kindheit zurück, wo er mit seinem Bruder, die Ferien bei den Salzburger Cousinen namens Inge und Anneliese verbrachten, die sich gerade einer Ohrenanlegeoperation unterzogen, so daß sie mit ihnen den ganzen Tag DKT spielten, obwohl sie lieber gewandert wären oder gebadet hätte. Um den Musikgeschmack der Zeit, es ist die, wo die Amerikaner gerade den Mond bereisten, geht es auch, aber die Plattensammlung der Cousinen war nur sehr fragwürdig und die Großmutter der Buben ließ das Ö3- Hören nur ganz selten zu. Der Onkel läßt die Kinder jedenfalls die Mondlandung im Fernsehen bis Mitternacht ansehen und hat, während er Furzgeräusche vrn sich gibt, seltsame Theorien, wie man am Mond überleben kann.
Dann gehts wieder in die Sechziger-Siebzigerjahre und zu den ersten Banderfahrungen. Wir treffen die Salzburger Cousinen wieder und einen Cousin der einen Job in London erwischt, so daß er den beiden Bandgründern, all die bunten Klamotten, die man dafür haben mußte, schicken kann. Für sowas brauchten sie keinen Zoll zu zahlen, nur blöd, daß der Gemischtwarenhändler die Langhaaren dann für Damen hält.
In „Hand anlegen“ geht es übers Wichsen, eine berühmte Knabenfantasie und dann wird gereist, wie das in den Sechziger- Siebzigerjahren so üblich war, zuerst nach Italien mit den Eltern, dann nach Griechenland durch ganz Jugoslawien durch vorbei an den Schlaglöchern und den bettelnden Kindern und Kroatien und den Balkankrieg gab es auch.
„Die unvollständige Aufzählung aller meiner Ängste“, ist vielleicht die am Buchrücken zitierte Hypochondergeschichte, die ich schon früher ortete, vielleicht aber auch nicht, geht es da ja eher um die allgemeinen Ängste eines bekennenden Homophobikers.
Und über Mangel an Wasserleichen kann die reale oder fiktive Biografie des Autors auch nicht klagen. Zum Schluß kommt dann die Titelgeschichte, die etwas surreal ist, wir treffen die Mutter wieder, die dem Sohn hochbetagt gesteht, daß der eigentlich der Abkömmling eines Wurstfabrikanten ist, nur blöd, daß das Konterfei, das sie ihm als Beweisstück zeigt, die Züge von Clark Gable hat. Und einen Feuerwehrkommadanten und seine Dirndl tragende Gattin als Nachbarn, die für Recht und Ordnung sorgen, gibt es in der Geschichte auch.
Spannend die zwölf nichtautobiografischen Erzählungen, in denen man viel über die wilden Sechzig- und Siebzigerjahre, ihren Musikgeschmack, die Südsteiermark und vielleicht auch über das Leben des Autors erfahren kann.

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4 Kommentare »

  1. Ein Homophobiker? Wie kommen Sie darauf?

    Kommentar von der pollanz selbst — 2014-04-30 @ 18:51 | Antwort

  2. Angst vor dem Leben und den Menschen, so habe ich es interpretiert, liege ich falsch?

    Kommentar von jancak — 2014-04-30 @ 19:22 | Antwort

  3. Das kommt leider sehr missverständlich rüber, weil die meisten Menschen unter Homophobie die Angst vor Homosexuellen verstehen. Menschenphobie wäre wohl besser. Ich äußere mich normalerweise nie zu Rezensionen, weil der Rezensent genauso wie der Autor immer recht hat; aber es war mir wichtig, dass da kein falscher Eindruck entsteht. MfG, WP

    Kommentar von der pollanz selbst — 2014-04-30 @ 19:39 | Antwort

  4. Ja natürlich, Homo heißt auch Mensch, das war gemeint und klingt ein bißchen schöner als Menschenhaß, aber Homosexualität ist kein Thema in der Geschichte, vielen Dank für das Interesse und die rasche Rückmeldung, jetzt ist es geklärt

    Kommentar von jancak — 2014-04-30 @ 19:46 | Antwort


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