Literaturgefluester

2014-05-11

Senta bremst ein

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:19

Dank Nora Edelsbachers freundliche Sendungen, kann ich mich jetzt ein bißchen auf die Neuerscheinungen der „Edition Keiper“ konzentrieren und dabei steirische Literaturtalente entdecken oder besser kennenlernen.
Die 1968 geborene Kunsthistorikerin Bettina Messner beispielsweise, die am Kulturamt der Stadt Graz und an der Franzens-Universität tätig war und jetzt ihren ersten Erzählband herausgegeben hat. An die dreißig Kurzgeschichten, über die Andrea Wolfmayr, mit der ich ja vor kurzem in der „Alten Schmiede“ gelesen habe, schreibt, daß „So die Wirklichkeit noch nie erzählt wurde!“
Und wenn ich mich auch vor Übertreibungen hüten möchte, denke ich dennoch, daß Ton und Themen sehr eindrucksvoll sind und Bettina Messner wahrscheinlich viel über das Leben rusümiert, einen scharfen, gnadenlosen, aber auch teilweise resignierten Blick darauf hat und dann darüber und die kleinen und auch größeren Dinge, die einem im Laufe desselben so passieren, dichtet, über die prekären Verhältnisse, die einen nur in befristete Dienstverhältnisse zwingt, beispielsweise, aber das kommt erst später, in der „Deadline“ sozusagen. Zuerst geht es in den „Strandkorb“ und da sitzt eine mit dem Buch einer befreundeten Autorin in der Hand und denkt über sich und die versäumten Gelegenheiten, die ja in dem ganzen Buch ihre Rolle spielen, nach.
Dann hat das Ich und da wären wir wieder bei der Frage nach der Autobiografie und wie versteckt oder offen die auftreten kann, darf und sollte, irgendein Stipendium in Ost oder Norddeutschland und geht nachts mit dem zynischen Studenten Alexei, der seinen Humor, „bei der Armee, als er am Boden lag“, erlernte, Walnusseis essen.
Danach wird eine „Vernissage“, wie wir sie wohl alle mehr oder weniger kennen, mit dem scharfen Blick gezeichnet. Die Mutter der jungen Künstlerin steht am Eingang und stellt sich allen strahlend vor, dann beginnt sie sich zu betrinken, während der Lehrer und Entdecker, die Laudatio hält, die Schnorrer nach Begünstigungen fragen und nach dem Buffet wir auch geschielt. Am Ende wurde kein einziges Bild verkauft, der Professor macht sich an die junge Künstlerin heran, die bringt die schwankende Mama nach Hause und beschließt nie mehr auszustellen.
Die versäumten Gelegenheiten und die prekären Arbeitsverhältnisse kommen auch im „Schreienden Tarzan“ vor, denn da trifft eine im Zug, eine vergangene Liebe, als sie vorübergehend zu ihrem befristeten Arbeitsplatz an den Ort, wo sie aufgewachsen ist, zurückgekommen ist und die schon erwähnte „Deadline“ ist auch so eine Geschichte, die im Gedächtnis bleibt.
Die Frau Professor ruft an, das ganze wird im Dialog erzählt, spricht von der Deadline und von Veränderungen des wunderbaren Artikels über die besagten prekären Arbeitsverhältnisse im Liberalismus, aber eine Stelle passt noch nicht und muß geändert werden. Die Erzählerin kann nicht zur Sitzung kommen, ist aber natürlich, wie erwartet ständig mailbereit und ruft ein Monat später wieder an, um zu erfahren, daß der Artikel verändert gebracht wurde, weil sie statt bei der Sitzung in der Intensivstation bei ihrem sterbenden Vater war und zehn Jahre später steht sie am Grab der Professorin, die ihre Pensionierung, wo sie endlich leiser treten wollte, doch nicht so genießen konnte.
Wie wahr und leider wahrscheinlich sehr alltäglich, aber so erzählt, daß es im Gedächtnis hängen bleibt. Genauso geht es in „Weißt du noch? oder der Lampenschirm“, weiter.
„Weißt du noch, wie ich auf den Lampenschirm geschaut habe?“, damals zu Weihnachten, als sie nicht bei den Eltern feierte, sondern zu dem offenbar russischen Professor fuhr, der stellt ihren Koffer bei sich ab und geht mit ihr Tee trinken und dann taucht eine Studentin auf, fachsimpelt mit dem Mann und sie sitzt daneben und starrt die Lampe an…
„Nackt Gänseblümchen pflücken“, ist eine Abrechnung der um 1968 geborenen, für die große Revolution zu jung, für den Neoliberalismus zu alt, also einklemmt zwischen der Generation der Älteren, die ihre Kriegstraumatisierungen an die Kinder weitergeben und die von ihren Kindern auch nicht wirklich verstanden werden und das „nackt Gänseblümchen pflücken“, bleibt ein Traum, der nur im stillen Zimmer in den Nächten ausgelebt wird.
Der Vater war wohl so ein traumatisierte Angehöriger der Kriegsgeneration, einer, der mit seiner Familie in den Fünziger- und den Sechzigerjahren, als schon alles besser wurde, nach Italien fuhr und darauf hoffte, sich auch einmal „den Teller mit den komischen Nudeln in einem Ristorante leisten zu können“.
Da hat er gemalt, später hat er es aufgegeben und die zur Pensionierung geschenkt bekommenen Farben nie mehr angerührt.
Und „Mezzo“ handelt vielleicht von den Schulerfahrungen. Da begegnen wir auch auf Seite einundsiebzig zum ersten Mal einer Senta, einem Schulmädel, das von der ehrgeizigen Musiklehrerin für den Wettbewerb in der Großstadt ausgewählt wird, dadurch die Häme ihrer Mitschüler zu spüren bekommt, nicht gewinnt und als ihre Stimme ein bißchen tiefer wird, in die zweite Reihe, zu den „Mezzos“ gestellt wird.
Sex und Crime oder das sich lustig machen darüber, gibt es in der Geschickte mit dem nackt bügelnden Minister auch und Auseinandersetzungen mit der Mutter in ihrem Fertigteilhaus, die als eine erste in der Gegend Fertigmenüs kochte und die Tochter beim Schwimmen hindern will, dann kommt der Tod und kennt die „Lebende“ noch nicht, die Eltern, die Freunde, hat er schon geholt, aber sie kann noch eine Weile schöne Muscheln in ihre Tasche packen und die Geschichte, wo die Sechzehnjährige das erste Mal mit Freunden und dem in den sie verliebt ist, auf eine Hütte geht um Silvester dort zu feiern und prompt eingeschneit wird, gibt es.
Zuletzt treffen wir die Senta wieder und es wird, was sich durch das ganze Buch ein bißchen durchzieht, schreibtechnisch, denn die Geister scheiden sich an der Frage, ob es jetzt „Senta bremst ein“ oder „Senta gibt Gas“ heißen soll, was ja „auch nicht schlecht klingt!“
„Wenn du wirklich meinst…Soll ich mir das für das nächste Buch notieren?“, fragt scheinbar zögernd die Autorin.
Der Frauenpower und um des feministischen Selbstbewußtseins wegen würde ich unbedingt dazu raten!
Und wenn man das Buch mit Wolfgang Pollanz „undankbaren Kindern“, das ja auch von dem Aufwachsen in den Sechziger-und Siebzigerjahren erzählt, kann man sehr schön den Unterschied zwischen dem weiblichen und dem männlichen Schreiben bemerken, auch wenn da oft behauptet wird, daß es den nicht gibt, was ich nicht glaube!

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