Literaturgefluester

2014-05-17

Eheliche Liebe

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:54

Literatur und Crime hatte ich vor kurzem, jetzt kommt das Schreiben und die Liebe oder ein 1947 erschienenes Schreiblehrbuch des Italiener Alberto Moravia, der, „wie keiner“, wie im Beschreibungstext steht, „das Thema Liebe so meisterlich behandelt“.
Und die Geschlechterverhältnis und das erotische Knistern in den menschlichen Schwächen, würde ich, die schon einiges von dem 1990 gestorbenen Meister, gelesen hat, hinzufügen. Die sozialen Unterschiede spielen natürlich in dem Italien von 1937 in der der Roman oder ist es vielleicht eher eine Erzählung, es hat nur hundertfünfzig Seiten, handelt, eine Rolle.
Wie immer werden Oberschichtcharaktere behandelt, bon vivants, reiche Müßiggänger, die geerbt oder reich geheiratet haben, mit Wohnung im Rom, von der Großmutter geerbtes Haus in der Toskana, Sommerferien an der Riviera, Köchin, Dienstmädchen, etc.
Silvio, der Ich-Erzähler ist ein solcher, von Beruf oder Hobby Kritiker, der gerne Schriftsteller wäre, aber ungenügend schreibt und lebensüberdrüssig ist er auch. Dann heiratet er spät in den Dreißigern Leda, die auch schon in diesem Alter ist, verheiratet war, lang alleine lebte und Liebhaber hatte.
Trotz ihres Reichtums, wie der Erzähler mehrmals betont, eine ungebildete Frau, die er erst durch Lektüre und Englischunterricht bilden muß und sie hat auch zwei Gesichter, ein schönes und ein häßliches, wie er gleich am Anfang erklärt. Die Triebhaftigkeit kommt bei ihr durch, wenn sie etwa in die Küche geht und den Hummer in das kochende Wasser wirft, was sich die Köchin nicht traut.
Die Geschichte spielt am Anfang der Ehe, später gibt es noch drei Söhne, als Silvio sie erzählt. Die eheliche Liebe hat also angehalten, auch über die Zeit, als das Paar in die Ferien fuhr und Silvio seiner Frau dort eine ungenügende Erzählung vorliest, die ihr gefällt, so daß sie ihn ermuntert weiterzuschreiben.
Für diesen Zweck ziehen sie sich in das toskanische Haus mit den vielen alten Möbeln zurück, Silvio schreib am Vormittag, am Nachmittag gehen sie spazieren und am Abend lieben sie sich. Aber das genügt nicht, um kreativ zu sein. Um das zu können, muß er sich enthalten. Leda ist einverstanden, sie haben zwei Schlafzimmer und sagt „Komm erst wieder zu mir, wenn du mir die Erzählung vorlesen kannst!“
Silvio kann nicht nur nicht gut schreiben, er kann sich auch nicht rasieren, deshalb kommt Antonio ins Haus, ein vierschröttiger Babier, der im Beschreibungstext, als „häßlicher Faun“ gezeichnet wird, was ich so nicht sagen würde.
Der kann auch Frauen ondolieren, so bestellt ihn Leda einmal zu sich und bittet dann Silvio ihn zu entlassen, weil er ihr zu Nahe gekommen und sie beleidigt hat. Silvio, der sich nicht allein rasieren will, lehnt ab, obwohl er vom Pächter erfährt, daß der Babier jedem Mädchen nachsteigt.
Die Geschichte, es geht um die eheliche Liebe der Beiden wird fertg. Silvio will sie noch auf der Schreibmaschine tippen, bevor er sie Leda vorliest und ich habe mich schon gewundert, wie man eine Arbeit, die man zwanzig Tage im Rausch vor sich hingeschrieben hat, schon vorlesen kann?
Er hält sie für vollendet und träumt schon von Verlagen und Rezensionen, bekommt aber nicht das richtige Papier und als er Leda trotzdem am Dreschboden im Mondlicht haben will, verweigert sie sich, erst wenn sie fertig ist.
Am nächsten Tag verfällt Silvio seinen Launen beziehungsweise Stimmungsschwankungen, ist ungeduldig und hungrig, als es zum Rasieren geht, merkt, daß der Zwerg, ist es überhaupt ein solcher, ihm zu nahe kommt, bewegt sich heftig, so daß er geschnitten wird und entläßt ihn schließlich. Das Leda recht gehabt hat, weiß er schon längst.
Er will nun das Manuskript abtippen, das gelingt nicht und Leda scheint sich auch unpäßlich zu fühlen, denn sie ißt nichts und geht schlafen, den Hüftgürtel trägt sie diesmal nicht unter ihrem Kleid und er erkennt beim Abtippen, das Meisterwerk ist nichts geworden.
Er will das Leda sagen, doch das Schlafzimmer ist leer. Er geht in den Garten und findet sie mit Antonio auf dem Dreschplatz, geht zurück, will sich umbringen, schreibt einen Abschiedsbrief und auch sich selber Korrekturen an den Rand, die Geschichte ist nicht lebendig, es ist kein Rhythmus darin, etc.
Da kommt Leda, zeigt sich ihm mit dem Fleck am Kleid und aufgewühlten Zustand und schüttelt den Kopf, als er vom schlechten Schreiben spricht.
„Die Geschichte gehört überarbeitet, laß dir Zeit und lies sie mir vor!“, sagt sie.
„Ich erwarte dich im Schlafzimmer“.
Er tut es und sie sagt, daß der Text deshalb mittelmäßig ist, weil er sie zu sehr idealisiert hat.
„Ich meine, daß du nach einiger Zeit, wenn wir uns besser kennen, die Erzählung wieder vornehmen solltest, wie ich dir schon gestern gesagt habe. Ich bin sicher, daß du dann etwas Schönes daraus machen wirst.“
Mit „Hörbar beschloß ich meinen Gedankengang, indem ich leise sagte. „Das wird noch lange dauern“, schließt das Buch und ich bin sehr beeindruckt, wie gut Alberto Moravia in den Neunzigerdreißigerjahren, als es wahrscheinlich noch keine Schreiblehrgänge gab, das Schreiben beschreibt. Er vermischt es mit der Erotik, der Macht und den Geschlechterverhältnisse, die sich seit damals sehr geändert haben.
Die Haltung der bornierten Männer gegenüber den ihnen unterlegenen Frauen, scheint es zum Glück so nicht mehr zu geben, wie auch die Köchinnen und die Dienstmädchen verschwunden sind oder jetzt in anderer Form, als arbeitslose Migrantinnen, beispielsweise, auftauchen.
Es mag schon sein, daß sich Moravia darüber lustig macht oder die Geschlechterverhältnisse anprangert. Die Erotik und die Dämonie in den ehelichen und außerehelichen Beziehungen spielen bei ihm eine große Rolle, obwohl die reiche ungebildete Frau, in diesem Fall gar nicht so schwach und dumm, sondern eigentlich sehr gescheit, wenn auch triebhaft ist und der ihr verfallene oder sie beherrschende Mann, eigentlich ein rechtes Ekel und so launenhaft, daß es mich wundert, daß ein starker reicher Mann so ist. Aber Moravia hat auch einen Schriftsteller oder Möchtegernschreiber beschrieben und, wie das schreiben geht, kann man aus dieser Erzählung lernen. Wenn auch die schreibende Frau in mir über die Geschlechterverhältnisse ganz anders schreibt.

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