Literaturgefluester

2014-06-06

Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt – Mein kaputtes Königreich

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:05

Über die Kinderbuchphase bin ich ja schon hinüber, als Kind die Weihnachtsgaben der „Wiener Kinderfreunde“, die Kinder der SPÖ, Vera Ferra Mikura, Friedrich Feld und, wie sie alle hießen, gelesen, in der Hauptschule die Bücherlade gestürmt und ein Jugednbuch der Erika Mitterer, wie ich mich zu erinnern glaube, auch allen Ernstes abzuschreiben versucht, ja damals gab es keine Scanner und offenbar auch noch keine Copyshops.
Dann kam die Anna und die langen Vorlesphasen mit Christine Nöstlinger, Thomas Brezina, Enid Blyton, Mickey Mouse, ja auch das alles durch einander, einige schöne DDR-Bücher waren auch immer mal dabei und zwischen Phase eins und zwei lag die Ausschreibung für ein nicht konformes Kinderbuch „Mädchen dürfen weinen, Buben dürfen pfeifen“, was auch der Grund dafür ist, daß ich mir ein kleines Scheibchen des Kinder Buch Preises abschneiden bzw. mit Christine Nöstingers „Ausstauschkind“ teilen dufte.
Jetzt lese ich keine Kinderbücher mehr und bespreche trotzdem eines. Das warum war ein Versehen oder wieder mal ein Ergebnis meiner Schlamperei, denn ich bin einmal ein bißchen flüchtig, höre etwas und renne gleich los ohne zu denken oder nachzuschauen und da habe ich auf der „Hanser-Facebook Seite“ gehört oder besser ausgedrückt gesehen, daß man da an den Autor Finn-Ole Heinrich Fragen stellen kann und von Finn Ole-Heinrich habe ich durch Cornelia Travnices Blog gehört, bzw. sie glaube ich mit ihm 2008 bei diesem „Droschl-Verlagsfest“ im Schauspielhaus gesehen und bei einer Lesung seines Romans „Räuberhände“ bin ich auch einmal gewesen.
Auf der entsprechenden Seite las ich dann etwas von einer großen Bloggeraktion, man konnte sich von mehreren Autoren ein Buch aussuchen und das bekommen, wenn sich nicht mehr als zehn Leute dafür interessieren oder es sonst per Los gewinnen.
Das neue Buch von Martin Kordic, das auf den Blogs so besprochen wurde, war auch dabei, aber ich interessiere mich ja für Finn-Ole Heinrich, also angeklickt und weggeschickt und mich erst nachher für das Buch interessiert und gesehen, daß es der erste Band einer Kinderbuchreihe mit Illustrationen der Norwegerin Ran Flygenring ist.
„Wautsch!“, reingefallen oder eigentlich nicht, denn erstens gewinne ich ohnehin meistens nichts und vielleicht ist meine Oberflächlichkeit auch schuld an meinen breiten Buchgeschmack und mein breites literarisches Wissen.
Dann habe ich doch gewonnen und setzte das Buch erst auf meine 2015-Leseliste, weil ja nicht wirklich ein Rezensionsexemplar und dann, weil mich die Schuldgefühle plagten und ich sehr gewissenhaft bin, auf die zwar schon sehr volle von 2014.
Die „Klappentexterin“ hatte auf ihrer Seite auch das Buch mit einem Interview gebracht und dann habe ich noch irgendwo gelesen, daß es um eine kranke Mutter und ein starkes Mädchen geht.
Also doch etwas für mich, denn die Probleme von Kindern mit sterbenden Müttern interessieren mich ja und da hat das Buch, wunderschön in hellblau, das mit den mit sehr vielen wunderschönen Zeichnungen, Bastelanleitungen, Rezepten und Zählaufgaben, fast ein wenig überladen ist und vielleicht, das merke ich noch an, für Kinder die in dieser heutigen Welt ohnehin oft an ADHS-Verdacht leiden, überfordern könnte, aber wir leben in einer sehr komplizierten Welt und das will uns dieses Buch auch sagen.
Da ist einmal Maulina, besser, Paulina Klara Lilith Schmitt, die freche Supergöre, in siebeneinhalb Jahren erwachsen, das Buch gilt für Kinder ab zehn und schon an dieser Namensvielzahl sieht man ein bißchen, die Überforderungen unserer Zeit, die an allem zuviel hat, in diesem Buch sind es die Probleme und Paulina von ihrer Mama auch Paule oder Keule genannt, hat jede Menge davon, aber das erfährt man erst später, denn am Anfang ist ja, wie das in den Märchen so ist, alles noch in Ordnung.
So beginnt denn auch das erste Kapitel „Es war einmal, da hatten wir noch alles:“ Das längste Frühstück der Welt, ein wunderschönes Haus mit Garten „Krümel, Fingernägel, Rosinen, speckige Lichtschalter, Gummistiefel, Schmutz, zwei Lichtschalter, 84 Topfpflanzen(die man auch ausmalen kann)“ etc und überall dem thronte Maulina, die neue Pippi Langstrumpf, die Prinzessin, die Chefin, die Generälin und Herrerschin über dieses Reich, das starke Mädchen, das über alles mault, was nicht in Ordnung ist, ihre Wutanfälle bekommt, so daß die Mama durch die Straßen laufen und den Leuten erklären muß „daß ihre kleine Paulina eine Maulia ist, ein Mauldat, ein Maultant, und daß das eben manchmal passiert, aber nicht weiter schlimm ist und es absolut unnötig sei, die Polizei zu rufen!“
Dann kommt der Bruch, der Knall, der Fall und die Möbelpacker und Maulina wird aus dieser Idylle herausgeholt und mit der Mama in ein „Plastikhausen“, in eine zwei Zimmerwohnung, in der es überall häßlich Plastikgriffe gibt, verfrachtet, während der Mann, Maulina nennt ihn nicht anders, in dieser Idylle bleiben darf.
„Das ist gemein!“, mault Maulina.
„Ja!“, sagt die sanfte Mama, die alles versteht, zu regeln versucht und den besten Trost-Kakao kocht, läßt Paulina aber trotzdem nicht auf dem Fahrrad zweimal eineinhalb Stunden täglich in die alte Schule fahren, wo es die Freunde gibt und alles, was sie schon kennt.
Maulina muß in eine neue Schule und als der Lehrer sie dort fragt, warum sie sie ausgesucht hat, hält sie eine „maulige“ Rede und fängt dann zu weinen an, was zur Folge hat, daß Paul, der eine Reihe vor ihr sitzt, sich umdreht. Der redet zwar nicht viel, holt sie aber am nächsten Morgen ab und als Paulina ihn besuchen will, kommt sie in ein Jugendwohnheim und Paul muß seinen Hund in einem Tierheim besuchen, weil man in der Jugend-WG, keine Tiere halten darf.
Paul hat Maulina, die auch die größte Detektivin ist, auch die Erklärung für die vielen Haltegriffe der Plastikwohnung gegeben, in der hat nämlich früher eine Frau mit Rollstuhl gewohnt und als Maulina ihre Mama fragt, wieso sie den Behinderten die rollstuhlgerechte Wohnung wegnehmen, erfährt sie, die Mama hat MS und hat den Papa, den Maulina nicht so nennt, verlassen, weil sie von ihm nicht schwach gesehen werden will, wenn sie gepflegt werden muß.
Der hat zwar schon eine Freundin und Paulina ist der Mama auch ein bißchen bös, daß sie ihr das erst als letzte gesagt hat und sie ist auch so stark, daß sie die Mama auf ihren Armen die Stufen hinauf ins Königreich Mauldawien tragen kann.
Das leben geht weiter, Paul lädt Maulina zu seinem Geburtstag ein, die mag zwar keine Geburtstage, backt aber dennoch einen Kuchen und erlebt dann auch eine Überraschung. Denn die Geburtstagsparty findet bei Mc Donald statt und der kam in Maulinas Welt bisher nicht vor. Die starke Mutter ist Buchhändlerin und wahrscheinlich intellektuell und alternativ und gegen Fastfood und auf der Party sind außer ihr und Paul auch keine anderen Kinder, nur Pauls Vater, zwei Wärter und ein Betreuer, weil Paul seinen Vater ohne sie nicht sehen darf….
Ja, das Leben ist hart und ungerecht, zum Glück gibt es aber immer wieder Kinderbücher, die drauf eingehen und das zu erklären wissen. So kann man den mit der heutigen Welt überforderten Kinder, nur viele Fortsetzungen wünschen. Die Bilder sind schön, man wird durch die vielen Rätselaufgaben zwar ein wenig abgelenkt, aber das ist vielleicht auch ein Bewältigungsmechanismus und nur in der Schule ungünstig und ob die heute Zehnjährigen diese rotzfreche starke Sprache (da kann sie eimerweise Kakao kochen, das ist einfach so ungerecht und gemein) mit der Finn-Ole Heinrich die Geschichte erzählt, anfangen können, weiß ich nicht, bin ich ja schon über sechzig, sie klingt aber tröstlich und so ist es gut, daß ich vielleicht ein bißchen legasthenisch, zu schnell und oberflächig bin und schon nach einem Buch greife, ohne richtig nachzuschauen, um was es dabei geht…
Einen Preis hat das Buch, entnehme ich der „Hanser-Facebook-Seite“ vor kurzem auch gewonnen.
Und jetzt werde ich das Buch in mein Kindertherapiezimmer tragen, vielleicht kann ich es da mal brauchen.

12 Kommentare »

  1. Hallo – ist in dem Buch erwähnt, dass die Krankheit der Mutter MS ist? MS ist keine tödliche Krankheit. MFG PM

    Kommentar von PM — 2020-02-27 @ 17:27 | Antworten

  2. Multiple Sklerose eigentlich schon!

    Kommentar von jancak — 2020-02-27 @ 18:56 | Antworten

  3. Die Fachliteratur sagt das „eigentlich“ nicht, das MS tödlich ist und der Autor erwähnt den Namen der Krankheit auch nicht – deshalb bin ich sehr irritiert über ihre Einlassung. Wie kommen sie drauf?

    Kommentar von PM — 2020-02-27 @ 19:20 | Antworten

  4. Das weiß ich jetzt auch nicht mehr, habe ich das Buch doch schon vor längerer Zeit gelesen! Was läßt sie so strikt dagegen sein?
    Wahrscheinlich bin ich, wenn die Krankheit in dem Buch nicht erwähnt wird, woran ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann, darauf gekommen, da ich vermutlich in dieser Zeit eine MS-Patientin als Klientin hatte und mich auch sonst sehr für dieses Krankheitsbild interessiere.
    Das was ich aber geschrieben habe, läßt mich schon vermuten, daß es erwähnt wurde!
    Und das Buch hat mich, daran kann ich mich erinnern, sehr beeindruckt!
    Wie haben Sie das Buch verstanden, wenn Sie es gelesen haben?

    Kommentar von jancak — 2020-02-27 @ 23:22 | Antworten

    • Naja, weil es ein falsches Bild über diese Krankheit vermittelt – es gibt viele Kinder, die Eltern mit dieser Krankheit haben und unberechtigte Angst entwickeln können, dass ihre Eltern daran sterben werden, was aber unbegründet ist – deshalb finde ich es angebrachter, der Krankheit keinen Namen zu geben, wie der Autor es ja auch gemacht hat, denn es geht nicht um den Namen der Krankheit, sondern um den Verlust der Mutter – (Habe nur das Theaterstück gesehen und fand es sehr gut !)

      Kommentar von PM — 2020-02-28 @ 08:17 | Antworten

  5. Glaube ich eigentlich nicht, daß ich ein falsches Bild über eine Krankheit vermittle, nur weil ich ihren Namen erwähne und wo steht eigentlich, daß MS eine tödliche Kranheit ist, an der man automatisch stirbt, nur weil vielleicht einmal eine Mutter gestorben ist, die diese Krankheit hatte, was wahrscheinlich auch irgendmal, irgendwann passiert?
    Das wäre ja diese Überinterpretation, die vielleicht Angst auslösen könnte, wenn wir jetzt seitenlang darüber diskutieren, ob die Mutter MS hatte oder nicht?
    Ich habe damals daran gedacht und es so empfunden, Sie meinen es steht nicht darin und es ist Ihnen lieber, daß das Wort nicht erwähnt wird, einverstanden!
    Und wenn jetzt vielleicht ein Kind, dessen Mutter MS hat, meine Rezension liest, was schon einmal nicht sehr wahrscheinlich ist, wird es vermutlich seine Mutter fragen, ob sie auch betroffen ist und sie wird es darüber informieren, daß das nicht so ist, weil man mit Krankheiten ja inzwischen gut umgehen kann und das ist, glaube ich, auch der Sinn von Büchern, wie dieses, das man über Probleme redet, sich mit ihnen auseinandersetzt und nicht, daß sie Angst auslösen!

    Kommentar von jancak — 2020-02-28 @ 09:15 | Antworten

  6. Warum ist Ihnen das eigentlich so wichtig, sind Sie persönlich betroffen oder ist es ein allgemeines Interesse etwas richtig zu stellen, was Sie für falsch halten?

    Kommentar von jancak — 2020-02-28 @ 22:39 | Antworten

  7. Naja, ich halte es nicht für falsch, es ist falsch – beantwortet das ihre Frage?

    Kommentar von PM — 2020-02-28 @ 23:30 | Antworten

    • Und warum ist es Ihnen so wichtig, das so oft zu betonen?

      Kommentar von jancak — 2020-02-28 @ 23:33 | Antworten

  8. Also habe ich mich doch nicht geirrt und andere Rezensenten sind auch auf diese Idee gekommen!
    https://www.jugendbuchtipps.de/2014/06/07/buchbesprechung-finn-ole-heinrich-ran-flygenring-die-erstaunlichen-abenteuer-der-maulina-schmitt-warten-auf-wunder/
    Ich habe leider nicht die Zeit das Buch nochmals zu lesen, um zu überprüfen, wie genau die Krankheit beschrieben ist, es ist auch egal und nicht wirklich wichtig und ich kann auch respektieren, wenn es jemand, wie Frau W. , nicht so offen ausgesprochen haben will, obwohl ich als Psychologin denke, daß es immer gut ist, die Dinge beim Namen zu nennen und nicht unter den Tisch zu kehren, weil ich aus meiner Praxis weiß, daß Familiengeheimnisse, die man aus Angst oder Rücksicht einführt, oft zu größeren Katastrophen führen, als wenn man offen über die Problemlage diskutiert!

    Kommentar von jancak — 2020-02-29 @ 21:26 | Antworten

  9. Zu diesem Thema MS und die Auseinandersetzung mit dem Sterben wäre für Erwachsene auch sehr das Buch des österreichischen Buchpreisträgers von 2018, Daniela Wisser „Königin der Berge“ zu empfehlen!
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/11/11/koenigin-der-berge/

    Kommentar von jancak — 2020-03-01 @ 09:23 | Antworten


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