Literaturgefluester

2014-06-07

Die Erben der Tante Jolesch

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:09

Nun kommt die Fortsetzung des berühmten Grundbuchs von Friedrich Torberg, das ich zusammen mit einem anderen, im Bücherschrank fand.
„Die Tante“ habe ich vor fast genau zwei Jahren zu Pfingsten anläßlich eines Lesemarathons im Prater und in der Straßenbahn rund um Wien, wie ich mich erinnern kann gelesen und hatte auch so etwas, wie ein Vorurteil, vielleicht weil ich Anekdoten nicht so mag und mich auch vor dem über das Lustig machen anderer scheue.
Ich war aber in der „Grundbuchveranstaltung“ in der „Alten Schmiede“, halte den wortgewaltigen Kritiker und Meinungsmacher der Sechziger- und Siebzigerjahre“ vielleicht für einen eher „durchschnittlichen“ Dichter, was vielleicht das Los, der wortgewaltigen Kritiker ist, aber vielleicht ist auch das ein Vorurteil und eine wirkliche Torberg-Expertin bin ich auch nicht, war aber 2008 in der großen Ausstellung im jüdischen Museum, wo ich meinen Schirm verloren habe, weil sie mich damit nicht hineinließen und habe den Film in der Peter Vogel Verfilmung „Hier bin ich mein Vater“ vor Jahren gesehen, einen Teil des Romans als Fortsetzungen in der sozialistischen Wochenzeitschrift „Die Frau“, die meine Mutter abonniert hatte, als es die noch gab, gelesen und war tief beeindruckt. Das Buch habe ich auch gefunden und muß es noch auf meine Leseliste stellen. Den „Schüler Gerber“ habe ich vor Jahren, wenn nicht Jahrzehnten gelesen.
Nun zu der „Jolesch-Fortsetzung“ und da muß man sagen, daß da der gewichtige Kritiker ein wahres „Schlitzohr“ ist und sicherlich sehr ausgefuchst, denn er nimmt seine möglichen Kritiken gleich im Vorwort vorweg und hat ein paar Varianten an die Autoren, Verleger, etc.
Damit erklärt er auch warum die Fortsetzung, damit es nicht verloren geht, denn der Anekdotenschatz ist reich, die Betroffenen sterben aber langsam aus und das Gedächtnis wird auch immer schlechter.
Dann führt er ein paar Berichtigungen an und holt weiter aus mit den Erinnerungen an das deutsch jüdische österreichische Leben vor dem Krieg in Wien Budapest und anderswo, das es nachher so nicht mehr gegeben hat, so daß man über die Erinnerungen des inzwischen leider lang Verstorbenen, Torberg hat von 1908 bis 1979 gelebt, dankbar sein muß.
Er berichtet „Restliches von Molnar“, so die Geschichte beispielsweise von dem alten schon ein bißchen vergeßlichen Kellner, der immer das Falsche serviert und niemand berichtet ihn außer Ferenc Molnar, der eigentlich Kaffee mit wenig Schlagobers wollte und Würstel mit zuviel Saft bekam.
Über „Alfred Polgar, Egon Friedell und Karl Krauss“ gibt es natürlich auch nie genug zu erzählen, so zum Beispiel, daß das Bonmot „Es werfelt und brodelt und kafkat und kischt“, nicht von Karl Kraus stammt, denn „So billig hat er`s nicht gegeben.“
Dann kommt ein Kapitel, es kann bei Torberg nicht anders sein, über Kommunisten und die Anekdote, daß sich ein Postbote geweigert hat, ein Telegramm an Stalin zuzustellen, weil es nicht, wie gefordert, an den „Vater des Proletariats und Steuermann der Weltrevolution!“ gerichtet war.
In Berlin wurde Torberg einmal Joachim Ringelnatz vorgestellt, der davon aber nicht sehr viel wissen wollte und nur „So! Und nun geht mal beide wieder weg!“, sagte.
Dann kommen sowohl die literarischen als auch die psychoanalytischen Anekdoten. Wien war ja vor dem Krieg ein Eldorado der berühmten Psychoanalytiker, beherbergte sowohl Freud als auch Schnitzer und der Nobelpreisträger Wagner-Jauregg war ein Gegner der Psychoanalyse und wünschte seinen psychoanalytischen Schülern anläßlich einer Preisrede, auch einen NP, aber natürlich nur den für Literatur. Dden hat in dem Jahr als Wagner Jauregg Nobelpreisträger wurde, die Italienerin Grazia Deledda bekommen und Wagner- Jauregg fühlte sich bemüßigt in ein Dutzend Buchhandlungen zu stapfen, um ein Buch von ihr zu finden, was nicht gelang.
„Man sollt`s net glauben“, brummte er kopfschüttelnd.
„Und in Rom rennt jetzt die Frau Deledda umeinand, weil`s? ein Büchel von mir lesen will – und kriegt auch nix.“
„Wahrscheinlich ein Irrtum oder eine Selbstüberschätzung!“, füge ich vermutend hinzu.
Weiter geht es Kaffeehausanekdoten, die zwar auch schon im vorigen Band vorkamen, aber Kaffeehausgeschichten gibt es ja nie nicht genug und daher auch solche, die außerhalb des Kaffeehauses, wie zum Beispiel in der Kriegsgefangenschaft entstanden sind und da manche Kaffeehäuser richtige Redaktionsstuben waren, folgen auch ein paar Geschichten von Druckfehlern, die irgendwie passierten, so hat Torberg zum Beispiel in einem „Nachrufbuch“ seinen Text „Essen war seine Lieblingsspeise nennen“ wollen, der Redakteur, Setzer oder wer auch immer hat ein „Essen war seine Lieblingsbeschäftigung daraus gemacht“.
Sachen, die mir auch schon mal passierten und mich an eine Lesung in meinen Anfangszeiten erinnerte, wo ich mit dem frischen und selbtgekauften Buch in der Hand, die „Güler“ las, der Veranstalter hat aus „Güler will kein Kopftuch mehr“, „Güler und der Pascha aus Ottakring gemacht“, was mich damals sehr empörte. Torberg schreibt nur lapidar bezüglich seiner Überschrift: „Ich will ja nicht behaupten, daß sie sich durch besondere Qualität auszeichnete, aber sie scheint mir doch um eine Kleinigkeit witziger als die korrigierte Fassung.“
Dann kommt das „Theater und Umgebung“, wo ich mir ein bißchen schwertat, weil ich viele Namen gar nicht kenne, aber zur Kenntnis nehme, daß der berühmte aus Armenien stammende Roul Aslan sehr eitel und sehr neidisch war und keinen anderen gelobt haben wollte: „Ich sage Ihnen: wenn die komische Alte in Ilglau einen Lacher hat, nimmt sie ihn mir weg!“
Die Schauspielermütter sind noch eitler und lassen niemanden anderen als ihren Sohn gelten, wie die Gattin eines Schauspielers merken konnte, als sie in der Loge mit Fritz Kortners Mutter saß.
Torberg hat auch fürs Theater geschrieben und dafür Kritik bekommen und ein Drehbuch für Anzengrubers „Pfarrer vom Kirchfeld“, unter Pseudonym mit Hilfe zweier Brüder, das dann sehr berühmt verfilmt wurde.
Das nächste Kapitel „Lieben Sie Sport?“, könnte beweisen, daß ich Torberg unterschätze, denn er gibt Eingangs gleich den Rat „Andernfalls würde es sich nämlich empfehlen, dieses Kapitel zu überschlagen.“
Ich habe zwar weitergelesen, aber nicht sehr viel verstanden, außer, daß Torberg einmal selber Spitzensporter, nämlich Wasserballer war und auch einen Roman „Die Mannschaft“ geschrieben hat.
Dann gehts zur „Zeitenwende“, nämlich „Vorher““Mittendrin“ „Zwischendurch“ und „Hernach“.
Gemeint ist der Anschluß, Torberg emigrierte über Portugal nach Amerika, war dort in Hollywood Drehbuchschreiber und wurde von den „Warner Brothers“ mit einem Vertrag und hundert Dollar pro Woche empfangen, was nicht so toll war, wie es klingt.
Und ich erinnere mich in meinen eigenen Anekdotenschatz an eine Buch-Präsentation in der „Wien-Bibliothek“, wo ein „Torberg-Dietrich-Briefwechsel“ vorgestellt wurde.
Einen Anhang gibt es auch, nämlich unter einigen Nachrufen, zum Beispiel auf Arnim Berg, Karl Farkas und Hans Moser, die berührende Geschichte des Schauspieler Leo Reuss, der nach dem Anschluß als der Tiroler Kaspar Brandhofer an die Josefstadt zurückgekommen ist. Torberg wähnt die Geschichte inzwischen vergessen. Felix Mitterer hat aber in den späten Neunzigerjahren das Theaterstück „In der Löwengrube“ daraus gemacht, das ich im Volkstheater gesehen habe und vor allem von der „Nazi-Loge“ beeindruckt war, als auf der Bühne noch der „Kaufmann von Venedig“ gegeben wurde.
Ganz am Anfang des Buches wird die Frage diskutiert, ob man die „Erben“ lesen kann, wenn man die „Tante Jolesch“ nicht kennt.
Ich habe darauf auch keine Antwort, denn ich kenne ja, muß aber im Nachheinsagen, daß ich den Folgeband spannender und interessanter fand, daß ich aber ein „Tante Jolesch-Vorurteil“ hatte, habe ich schon bekannt.

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2 Kommentare »

  1. Das „Los der wortgewaltigen Kritiker“ ist eine gelungene Formulierung und Anlass, über Literatur allgemein und „gute“ und „schlechte“ nachzudenken. Finde ich gut!

    Kommentar von Ruth — 2014-06-07 @ 10:55 | Antwort

  2. Fein, daß du dich wieder meldest, das „Literaturgeflüster“ liest und schade, daß wir uns heute auf den Markt nicht sehen konnten.
    Über Literatur und Kritik, auch die durch in Blogs geschieht wird ja derzeit viel diskutiert und da komme ich zu Erkenntnissen, die ich im realen Wiener Literaturleben eher nicht machen würde und bezüglich Literatur geschieht derzeit beim Lyrikfestival in der „Alten Schmiede“ sehr viel.

    Kommentar von jancak — 2014-06-07 @ 15:42 | Antwort


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