Literaturgefluester

2014-06-09

Wachstumsschmerz

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:04

Nach dem „Mängelexemplar“ kommt der „Wachstumsschmerz“, zwei Jahre nach dem Romanbestsellererstling geschrieben, widmet sich nun die 1979 in Ost-Berlin geborene Moderatorin dem Erwachsenwerden, beziehungsweise der „Quarterlife-Crisis“ und beides stimmt nicht wirklich, denn die Herrenschneiderin und Castingbesucherin Luise ist zweiunddreißig, also schon längst erwachsen und für die Viertelkrise müßte sie hundertrzwanzig werden, was derzeit noch nicht der realistischen Lebenserwartung der Durchschnittsfrau entspricht, wie Luise in circa der Mitte des Buches selbst erkennt.
Und im Gegensatz zum „Mängelexemplar“ ist Anfangs alles bestens, Luise und Flo, seit Jahren ein Paar, beschließen zusammenzuziehen und suchen eine gemeinsame Wohnung, weil sie ohnehin schon die meiste Zeit zusammenstecken und das zum Erwachsenwerden auch so gehört.
Sie finden auch eine und packen alles zusammen, die Umzugshelfer kommen, Luises Nachbarin eine Langzeitkunststudentin mit wenig Geld, die die Enge liebt, bereitet für die starken Männer veganes Quche, die allerdings lieber ungesunde Pizza mampfen.
Luise hat eine Schwester, die in Leipzig Psychologie studiert und gerne klettern geht. Flo ist Mangager in einer Kletterhalle. Luise klettert weniger, dafür geht sie gelegenlich zu einem Casting, weil sie einmal in einer solchen Agentur gelandet ist.
Da beginnt vielleicht das böse Ende, denn Luise kommt darauf, daß sie nicht wirklich genommen werden und in den Filmen blöde Rollen spielen will und ihre Mangagerin redet ihr ins Gewissen, sie soll sich überlegen, was sie will?
Das tut auch ihr Vater, der in zweiter Ehe eine kleine Pauli hat und in einem Verlag arbeitet. Luise arbeitet mit Kolleginnen in einer Agentur und schneidert alten Männern für tausend Euro neue Anzüge. Der Vater meint, sie soll eine eigene Kollektion kreieren.
Luise beginnt weiter nachzudenken und wird immer unzufriedener, sie bekommt Heulkkrämpfe, fragt sie Schwester um Rat, die von Sigismund Schlomo Freud zu sprechen anfängt, bei der Hochzeit eines Freundes von Flo eskaliert die Sache endgültig, weil sie und Flo den geforderten Geldbetrag in einem gewöhnlichen Kuvert, statt wie die kreativen anderen, als Selgelschiffchen gefaltet oder im Pudding versteckt mitbringen.
Luise schlägt Flo eine Auszeit vor, der zieht zu seinem Freund, der Großvater der Braut, den Luise bei beim Rauchen kennenlernte, kommt ins Atelier und will sich einen Anzug schneidern lassen, er redet ihrins Gewissen, so daß sie daraufkommt zu Flo zurückzuwollen und ihm schon nach zwei, statt der vereinbarten sechs Wochen eine E-Mail schreibt, jetzt will aber er nicht mehr und Luise bleibt allein in ihrer großen Betthälfte zurück, schreibt Memos und trägt auch zu große Schuhe, die ihr ihre Freundin Ricke borgt, denn das Erwachsenwerden ist schwer, wie in den Klappentexten steht, in Berlin und wahrscheinlich auch anderswo…
„Sarah Kuttner greift den Geist der Zeit auf!“, lese ich in einer Rezensionen, ich denke die liebe Luise hat sich in ihre Krise hineingedacht, beziehungsweise Sarah Kuttner ihre Prota in ihren gewohnten Schnodderton, dorthin gebracht und erinnere mich an die Ratlosigkeit, die vor einem dreiviertel Jahr ihr erstes Buch bei mir auslöste, in das ich erst langsam langsam hineinkam.
Jetzt war es umgekehrt. Das Hineinkommen war nicht das Schwierige. Denn da klappte ja noch alles, klang einfach und verständlich und war auch spannend zu lesen. Nur nachher wurde es schwer, denn so ganz kann ich nicht verstehen, daß zwei Menschen die lange und gut zusammenleben, wirklich durch das Zusammenziehen plötzlich nicht mehr miteinander können und Luise durch die Fragen ihres Vaters und der Agenturfrau den Boden unter den Füßen verliert und hoffe wirklich, daß das ein Reißbrettplot und nicht das das Problem der gesamte Generation Dreißig darstellt.
Irgendwo resumiert Luise einmal, daß sie ihre ersten Male nun schon vorbei hätte. Aber das stimmt ja nicht, das erste Kind, die erste Eheschließung, schließlich der erste Zahnausfall, vielleicht die erste Operation, das Klimakterium, der Haarausfall und zuletzt das Sterben fehlen bestimmt. Das Leben geht weiter, wenn man dreißig ist und bisher alles irgendwie klappte, denn da hat es erst angefangen und ist wahrscheinlich ein knappes Drittel vorbei.

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