Literaturgefluester

2014-07-08

Was vom Tage übrigblieb

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:50

Ein hochherrschaftlicher Butler fährt im Jahre 1956 im Auto seines Dienstherns, jetzt ist es der Amerikaner Mister Farraday, früher war es Lord Darlington, auf dessen Herrschaftssitz Geschichte geschrieben wurde, nach Cornwall, um die frühere Haushälterin Miss Kenton, jetzt viellmehr Missis Benn zu besuchen und sie vielleicht wieder, wenn es geht nach Darlington Hall zurückzubringen.
Denn dort gibt es verschiedene Probleme, beziehungsweise, passieren dem jetzt schon angegrauten Butler Mister Stevens mehrere kleinere Mißgeschkicklichkeiten, die Gabeln sind beispielsweise nicht mehr so geputzt, wie sie es eigentlich sollten und er muß sich jetzt auch mit drei Personen Dienstpersonal begnügen, in den glorreichen Dreißigerjahren als ein Mister Ribbentrop und andere Persönlichkeiten zum Dinner kamen und Weltgeschichte geprobt wurde, war das anders.
Der Amerikaner, der den Sitz im Sommer sperrt, hat Stevens angeboten mit seinem Auto und seinem Benzin durch England zu reisen, denn ein Butler sollte sein Heimatland kennen, der überlegt lange und bedächtigt, rechnet seine Ersparnisse nach, kauft sich einen neuen Reiseanzug und braust dann mit dem Auto sechs Tage lang nach Cornwall zu Miss Kenton, wie er sie beharrlich nennt, obwohl sie, wie sich herausstellen wird, schon bald Großmutter wird.
Das heißt das Wort brausen ist ein wenig übertrieben, er fährt in Wahrheit sehr langsam, bleibt vor den Enten und den Gänsen, die in den Dörfern schnattern stehen. Mal geht ihm das Benzin aus, mal fehlt das Wasser in der Motorhaube und so hat er Zeit über sein Leben zu resumieren und der 1954 in Nagasaki geborene Kazuo Ishuguro, der im Alter von sechs Jahren nach England kam, dort mit seiner Familie lebt und mit „Was vom Tage übrigblieb“ den Booker-Preis bekam, macht sich damit wohl auch ein bißchen über die englische Butlerphilosophie lustig.
Denn Mister Stevens ist ein Sir und wird als solcher auch so angesprochen und resumiert, über die Würde der Butler und was ein guter ist nach, überlegt, ob er zu den besten seines Standes gehört? Inzwischen ist das Butlerwesen ja schon niedergefahren, Lord Darlington drei Jahre tot, Mister Farraday macht sich über ihn lustig, beziehungsweise verwickelt er ihn in Gespräche, wo er nicht recht weiß, was er antworten soll und die anderen hochherrschaftlichen Butler, die früher mit ihren Herrschaften zu Besuch kamen, mit denen man sich beraten konnte, heute nennt man sowas Supervision und ist für manche Berufsgruppen vorgeschrieben, gibt es nicht mehr.
Sein Vater war aber auch herrschaftlicher Diener, vielleicht ein nicht so ganz vornehmer, kam aber als Hilfsbutler, als er schon älter war, in das Haus wo sein Sohn residierte und da gab es auch Miss Kenton, die Haushälterin, eine Dreißigjährige, die am ersten Tag im Dienerzimmer erscheint und Mister Stevens Blumen hinstellt, damit es nicht so düster aussieht.
Der verbietet sich das, ersucht die Haushälterin seinen Vater aber auch mit Mister anzureden, was einer Hilfskraft nicht zusteht, die tut das zwar, weißt aber auf verschiedene Vergehen des Älteren hin, so sind die Bilder falsch aufgehängt, die Gabeln nicht so blank und ein Tablett ist ihm bei einem Sturz auch aus der Hand gefallen. So darf er nicht mehr an der Herrschaftstafel servieren, behilft sich mit einem Servierwagen, den er fortan durch die Gänge schiebt, bricht damit aber auch zusammen, erleidet einen Schlaganfall und als es an das Sterben kommt, hat der Sohn keine Zeit an seinem Bett zu verweilen, denn 1923 wird in Schloß Darlington Weltgeschichte geschrieben. So macht die Haushälterin die Augen des Vaters zu, macht dem Butler dann noch weitere Avancen, erkundigt sich zum Beispiel, was er gerade liest? Der weist das auch zurück, denn ein Butler ist ja immer in Amt und Würde, außer wenn er allein ist, so will er das am Abend in seinem Dienstzimmer sein. Er trinkt zwar täglich eine Stunde Kakao mit Miss Kenton, um mit ihr die dienstlichen Ereignisse zu besprechen. Aber irgendwann gibt die die Hoffnung auf, nimmt sich fortan ihre freie Tage, verbringt sie mit einem Mann im Dorf, den sie später heiratet und nach Cornwall zieht.
Zu ihrer Verlobung gratuliert Herr Stevens, als sie ihm vom Tod ihrer Tante erzählt, vergißt er zu kondulieren, denn oben in den Herrschaftsräumen, passiert die Weltgeschichte, obwohl die auch nicht die wahre ist, denn jemand steckt ihm, daß der Lord, der sehr antisemitisch ist und die beiden jüdischen Hausmädchen durch seinen Butler entlassen ließ, von den Nazis mißbraucht und hingehalten wird.
Der Tag, beziehungsweise die Weltgeschichte geht weiter, der Krieg ist verloren oder gewonnen, je nachdem von welcher Seite man das sieht, der Lord gestorben und die Herrschaftshäuser haben kein Dienstpersonal mehr oder werden von amerikanischen Millionären, den sogenannten Neureichen, wo die richtigen Butler sich immer bedankten, bewohnt.
Irgendwann am sechsten Tag erreicht Stevens sein Ziel, trinkt Tee mit Missis Benn, die ihn auffordert ihre Tochter zu besuchen und diskutiert dann mit einem Fremden auf einer Bank über den Sinne des Lebens, beziehungsweise über das, was vom Tage überbleibt, nachdem alles den Bach hinuntergegangen ist, die Liebe versäumt und er jetzt auch die Gabeln nicht mehr so blank zu putzen vermag.
Spannend, spannend, schreibe ich jetzt wieder, ein Buch aus dem Schrank, wie das von Sophie Kinsella, das ich vor kurzem gelesen habe und Zufall, das beide in England spielen und beide von Haushälterinnen handeln.
Das von Kazuro Ishiguro erschien im Original 1989, wurde verfilmt und ein Welterfolg.

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