Literaturgefluester

2014-07-17

Durch die Gleitsichtbrille

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:08

Bevor es nach Slowenien geht, kommen wir nach Kärnten, hat der „Mahorjeva-Hermagoras-Verlag“ seinen Sitz in Klagenfurt und der 1958 geborene Gerard Kanduth ist Richter am dortigen Landesgericht und seit 2002 Präsident des Kärntner Schriftstellerverbandes.
„Durch die Gleitsichtbrille“ – „Ein heiter-ironisches Panoptikum“ ist in vier Teile aufgegliedert.
„Ländliche Perspektiven“ heißt die erste und da geht es zuerst zur „Aufnahmsprüfung“ in ein wahrscheinlich Klagenfurter Gymnasium mit den hoffnungsvollen Buben eines Kärntner Dörfchens samt deren aufgeregten Mütter, die dem routinierten Schulpsychologen die Vorteile der Hauptschule nicht glauben wollten und die junge Lehrerin „keinen intellektuellen Unterschied zwischen Landschädel und Stadkopf gelten ließ“. Das ist wahrscheinlich immer noch sehr realistisch, obwohl es Peter Handke vor mehr als fünfzig Jahren auch nicht besser gegangen ist.
In der zweiten Geschichte „Nächtigungen“ geht es in die schlaflosen Stunden eines Bürgermeisters, denn morgen ist Gemeinderatsitzung und der Tourismus, für den er verantwortlich ist, ging zurück. Die Touristen kommen trotz Ehrenurkunden und Sektgeschenken nicht mehr und sogar die importierten Braunbären begeben sich auf Flucht.
„Im Grenzstein“ bekriegen sich zwei oder ein Sturschädel wegen eines Grenzsteins, den zwar die eigenen Söhne ausgegraben haben, den Vater aber in den finanziellen Ruin und in die psychiatrische Anstalt brachte.
Der Herr Richter wird es wissen und schon einigen Sturschädeln vor seinem Richtertisch begegnet sein und beteuert im Vorwort, daß seiner Geschichte nicht Gottfried Kellers „Romeo und Julia dem Lande“ als Vorbild diente.
Dann geht es in „Strandgeschichten“, zum Sommer passend, in den Urlaub und zwar zuerst auf Pauschalreise nach Griechenland. Vater, Mutter und zwei Kinder in ein Zweisterne-Paradies auf Kreta, das von einem grantigen Ehepaar samt Tochter geführt wird. Der Vater säubert den Pool um Mitternacht, ist auf den „Doughnut-Verkäufer“ der am Strand seine Krapfen verkaufen will, böse, am Schluß wird aber trotzdem niemand erschossen, obwohl die Griechen ihre Gewehre, wie die Schweizer im Kleiderschrank haben sollen und es geht mit dem Bus zum Flughafen zurück.
„Nachmitags am Strand von Cavallino“ erzählt die Geschichte eines illegalen arabischen Souvenierverkäufers, der seine Waren zu einem „Good prize“ verkaufen will.
Dann wirds besonders zynisch, wird da doch, wenn ich mich nicht irre, Donna Leon und ihr Commissario Brunetti aufs Korn genommen. Denn es wird von einer Lady gesprochen und „Commissario Brancino“, der in Ungnade fällt, wird in Band siebzehn der Serie, die schließlich nie erscheinen wird, plötzlich von Meran nach Jesolo versetzt, soll einen Mord an einer blonden Frau aufklären und geht mit gepunkteten Unterhosen schwimmen, womit er den Unmut eineiger älterer Damen erregt.
Böse, böse, dabei ist der Brunetti eigentlich eine ganz sympathische Figur mit einer sympathischen Familie und sozialen Touch und die Serie, die, glaube ich, schon an die Zahl dreißig geht, einige davon habe ich gelesen, einige stehen noch auf meiner Liste, wird von den Lesern wahrscheinlich nicht nur im Sommer heiß begehrt.
In den „Kulturellen Streifzügen durch Kärtnen“ geht es zuerst mit den eingeladenen Künstlern und Intellektuellen den Lendway-Kanal hinunter, die anderen müßen draußenbleiben und dann zum Interview ins Parkhotel nach Villach, um zuletzt dem Lesachtaler Dichter Engelbert Obernosterer zu huldigen, mit dem ich einmal ein Buch tauschte und ihn während unserer Schiwoche in Obergail, besuchen wollte, was aber nicht zustande kam.
In der „Angewandten Rhetorik“ geht es um das Dies und Das des Lebens, der Frühpensionierung eines wirklichen Hofrats beispielsweise, die dann doch nicht möglich ist, weil man wegen des Staatsbankrotts, leider bis achtzig arbeiten muß.
„Eine kleine juristische Vogelkunde“ gibt es auch und der Papa ißt sich während des Ansehens einer Wahlübertragung mit Nougat und Marzipanpralinen, wahrscheinlich einen Diabetes an.
Um Fußball geht es natürlich auch und um einen Volkshochschulkurs für „Kosmische Anfänger“ und am Schluß wird es bei der „Jahresbilanz“ wieder politisch grauslich, denn da haben wir das Nulldefizit erreicht, die Krankenstände reduziert und alle müßen arbeiten bis sie umfallen oder sich vorher freundlicherweise selbst entsorgen und der „billig Prosecco und der unecht-Lachs“ wird auch noch eingespart.
Köstlich das heitere Panoptikum eines Klagenfurter Richters und Dichterpräsidenten und man hat von der Welt und Kärtnens politischen Situation und seiner Kulturschaffenden beim Lesen des kleinen Büchleins viel erfahren.

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