Literaturgefluester

2014-07-18

Das fünfzigste Jahr

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:04

Weiter geht es mit der Kärntner intellektuellen Prominenz, denn es geht ums „Fünfzigste Jahr“ oder zu den „Bekenntnisses eines Priesters“, des 1963 in Wien geborenen Peter Deiblers, der Deutsch-und Biologielehrer an Wiener Hauptschulen war, Theologie studierte und seit 2011 Pfarrer in Klagenfurt-Welzenegg, sowie Gefangenen und Flüchtlingsseelsorger der Diözese Gurk ist, Kurzfilme, Bilder und Skulpturen aus und herstellte und auch das Libretto zu Bruno Strobls Kirchenoper „Sara und ihre Männer“ schrieb, die 2012 beim Carinthischen Sommer aufgeführt wurde.
Ein beachtliches Werk für einen Fünfzigjährigen, der im 2014 bei „Hermagoras“ erschienen „Fünfzigstenjahr“ seinen privaten und beruflichen Jahreserlebnissen in Gedankensplittern, die mal in Ich,-mal in Er Form geschrieben werden, Ausdruck gibt.
„Zwischensumme eines Reisenden“ heißt es in der Buchbeschreibung.
„Der Versuch einer Rechtfertigung in einer Sprache, die oft ironisch, bissig, poetisch oder philosphisch ist. Erzählte Spiritualität oder eigentlich die Geschichte der Zeit selbst…“
Los geht es in den sechsundsiebzig Stücken im August mit einer Sizilienreise, das Ich oder der Erzähler erlebt Lampedusa, bekommt von seiner Nachbarin, die nach Wien zum Studium fährt, erzählt, daß sie nicht nach Sizilien möchte, weil ihr das zu gefährlich ist, kommt mit drogenkonsumierenden Afrikanern, die drei Herkunftsländer und viele Sprachen haben, ins Gespräch und hofft, daß die große Romafamilie sich während der Schiffsüberfahrt nicht zu dicht neben ihm plaziert.
Danach geht es zum Freundesbesuch nach Istambul und wieder heim in die Gemeinde, in den Schulunterricht, wo sich die Klassen Unterricht zur „Demokratischen Meinungsbildung und zu den Sakramenten“ wünschen. Eine Geburtstagsfeier eines Achtundziebzigjährigen wird geschildert, ein Brief an den Bischof geschrieben und an den Dissidenten, den kritischen Priester, der dann doch nur wegen der Frauen, nicht wegen seiner Kritik aus der Kirche ausgetreten ist, erinnert.
Über das Asylanten- oder korrekter Asylwerberheim auf der Saumalm, das berühmt-berüchtigte, wird berichtet, vom Besuch beim Zahnarzt erzählt und die Führung einer Pfarre mit einem Radiosender, sprich Ö1 mit dem Radiokolleg, Wolfgang Kos und Alfred Treiber, verglichen.
Von den Kindern die zur Beichte gehen wird berichtet und vom Spaß zu Ostern, wenn der Priester alle mit dem Weihwasser naß spritzen darf und im Pfarrcafe die Milch vergesser hat, so daß der Kaffee schwarz getrunken werden muß.
Iraner und Afrikaner werden getauft, die Schüler melden sich zu Matura an und die Einsamkeit des des Priesters, wenn dann alle bei den Weihnachts- und Osterfeiern bei ihren Familien sitzen, wird erwähnt. Dazwischen werden Priesterkollegen geschildert und Vorträge in Buchhandlungen über die philosophischen Lektüreerlebnisse, gehalten.
Über Ulrich Seidls „Paradies:Liebe, Paradies:Glaube und Paradies Hoffnung“ schreibt der Autor in der Kirchenzeitung und erläutert seinen Lesern, daß die Filmtrilogie nicht dem Theaterstück von Ödon von Horvath, sondern dem Korintherbrief nachempfunden wurde, Horvath hatte seine Inspiration aber wohl auch daher.
Wir begleiten den Priester zur Gesundenuntersuchung und zum Optiker, können seine Gedichte lesen und reisen mit ihn am Ende seines Jahres nach Spanien und Marrakesch, wo „der Tag mit dem Hanenruf beginnt, der den Muezzin weckt.“
Haben so einen interessanten Einblick in das Leben eines Pfarrers mit allen seinen Herausforderungen, kreativer Schaffenskraft bekommen und erfahren, was sowohl privat als auch beruflich in einem Jahr passiert, was ich sehr interessant fand, da ich mich mit dem Alltag eines katholischen Pfarrers bisher nicht sehr beschäftigt habe, sondern durch die Workcamps, die ich als Studentin machte, eher nur mit evangelischen Pfarrern zusammenkam, die sich nicht mit dem Zölibat auseinandersetzen müßen und Familien haben. Die sozialen Heraus-und Anforderungen von Kirche, Schule und Gemeinde bleiben wohl bei beiden Priestergruppen gleich und auf den letzten siebzig Seiten des Buches, dem schon in der Beschreibung und im Klappentext erwähnten Essay „Bürger- und Messianische Kirche“, zeigt uns Pfarrer Deibler sein philosophisches Können, in dem er vom „Gleichnis über die Pharisäer“ zur Medienkritik kommt und hier die unterschiedlichen Bewertungen, die er zwischen Kirche und Gesellschaft sieht, anprangert.
So meint er etwa, daß der Berichterstattung über den Mißbrauch in den kirchlichen Institutionen in der Presse ein viel höherer Stellenwert eingeräumt wurde, während man bei den Mißständen in den Heim am Wiener Wilhelminenberg sehr schnell zur Tagesordnung überging.
„Sind öffentliche Kinderheime weniger interessant? Oder hat die Wiener Stadtregierung stärker eingegriffen in die Berichterstattung als zuvor die Kirche?“, fragt er listig pfiffig auf Seite 212.
Er spricht auch vom Massenkonsumenten, der bis zur öffentlichen Meinung geht, was man am Gebrauch von Twitter, Facebook, sowie an den Computerspielen sehen kann, erwähnt Julian Assange und kommt dann zu Papst Benedikts Warnung vor den Präservativen auf seiner Reise in das aidsverseuchte Afrika, die die Presse seiner Meinung nach unverhältnismäßig breit und aus dem Zusammenhang gerissen, dargestellt hat, denn was soll man von einem Papst in Fragen der Empfängisverhütung schon erwarten?
Das gleich sieht man, füge ich hinzu, nachdem ich mir in den letzten Tagen einige Margot Honeckder Videos angesehen habe, auch an der Empörung über die über achtzigjährige alte Dame, die sich am 7. Oktober 2009 in ihrem Haus in Chile mit Freunden zusammensetzte, die DDR-Fahne hißte, einen den DDR-Song über Rosa Luxemburg sang und den „sechzigsten Jahrestag der DDR“ feierte.
Ein Video das im Internet landete und höchstwahrscheinlich nicht von ihr hineingestellt wurde.
Ein höchst interessantes Buch also „Das fünfzigste Jahr“ mit der privaten und der öffentlichen Meinung eines kulturell interessierten katholischen Priester, das man wahrscheinlich nicht nur im Shop des Behelfsdienst der Diözöse Gurk ,sondern auch im Buchhandel kaufen kann.
Die Präsentation hat am 12. Juni im Diözesanhaus Klagenfurt stattgefunden, Bilder lassen sich dazu im Internet ansehen und wenn ich etwas kritisieren darf, so fehlt ein Anfang mit einem ausführlichen Verzeichnis der zitierten Bücher und sollte vielleicht noch hinzugefügt werden.

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