Literaturgefluester

2014-09-09

Unbarmherziges Glück

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:51

Wie sagte schon die Tante Rosa zu dem Helden von Max Blauelichs neuen Roman „Das Leben ist unbarmherzig. Das Glück auch. Das Unglück ist die einzige Barmherzigkeit! Merk dir das Bubchen“.
Es ist ein herrlich altmodischer Roman, der da dem 1952 in Salzburg Geborenen, der bei „Literatur und Kritik“ Redakteur war oder ist und mir in dieser Eigenschaft einmal eines meiner Manuskripte zurückschickte, wahrscheinlich, weil es ihm zu wenig hintergründig war, gelungen ist.
Das „Unbarmherzige Glück“ ist das aber und hat es, könnte man so sagen, faustdick hinter den Ohren, so daß einer das Gruseln und vielleicht, wenn man genügend hintergründigen Humor besitzt, auch das Lachen kommen könnte.
An Canettis „Blendung“, hat es mich zeitweilig erinnert, einige Passagen an „Angela `s Ashes“, nämlich die, wo das Aufwachsen der Frau Berta in dem rumänischen Städtchen, das Rum holen müssen für den Vater, während der die Mutter prügelt, geschildert werden.
Thomas Bernhard Stimme ist, auch ein paar Mal zu vernehmen und um die „Scherzhauser-Siedlung, wo der ja wohnte oder arbeitete, geht es auch.
Es ist mein erstes Blaeulich-Buch, das mir, da ich ja gerade selber über das Sterben und Sterbehilfe schreiben will und mich das Leben in Altersheimen sehr interessiert, in die Hände gefallen ist, aber bei ihm heißen die Seniorenresidenzen ja Asyle, sehr hintergründig und das Bubchen, der Geschichtenerzähler bzw. Archivar von Frau Bertas Lebenserinnerungen, beginnt diese mit den verkrüppelten Händen, der alten, in Rumänien geborenen Frau, die er kennenlernte, als er seine Tante Rosa in dem Asyl besuchte.
„Lainz schau her!“, könnte man da sagen, aber das ehemalige Versorgungsheim, das später „Geriatriezentrum Wienerwald“ hieß, gibt es, glaube ich, ja auch nicht mehr.
Die Geschichte spielt jedenfalls in Salzburg und da hatte die Tante Rosa eine Repassieranstalt, da wurden die Nylons repariert, bis sich das Maschenauffangen nicht mehr lohnte und alles weggeworfen wurde.
Das Bubchen wuchs jedenfalls in ihrem Geschäft auf und wurde im Gegensatz zum Onkel Adi, dem Lebensgefährten der Tante, nicht weggeschickt, wenn die Damen ihre Hüllen fallen ließen…
Die Tante ist jedenfalls gestorben und Bubchen, der ein verkrachter Schriftsteller ist, übernimmt die Aufgabe, Frau Bertas, die an Einsamkeit leidet, Lebensgeschichte aufzuzeichnen.
Dazu quartiert er sich in der „Adlerischen Pension“ ein, die mich auch sehr an Canetti erinnerte. Da gibt es die Frau Niederle und den einarmigen Gottlieb, vor allem aber, die schwedischen Hausmädchen Olli und Puppi, die immer die Betten der Zimmerherren aufwärmen, ja die Männer haben eben Phantasien und schreiben auch davon, weil sie zu glauben scheinen, daß die die Leserinnen, die ihre Bücher bevorzugt kaufen oder sich schicken lassen, interessieren und in dem Asyl gibt es den Herrn Giacomuzzi als Pfleger und Karli den Großen, einen ehemaligen Boxer und Giacomuzzi hat hochfliegende Wünsche. Er will nämlich eine Fliegerschule besuchen und so heuert er das Bubchen an, für ihn die Nachtdienste zu übernehmen.
Er verschwindet dann nach und nach und das Bubchen schlupft mehr oder weniger nahtlos in seine Rolle, ärgert sich zwar ein wenig, daß er sein Zimmer in der Pension, wenn er vom Nachtdient zurückkommt, aufgewärmt vorfindet. Beginnt aber genauso gut mit den Tabletten, wie der Pfleger zu hantieren und sie den Asylanten, wenn sie zu unruhig werden in den Mund zu stopfen. Er beginnt sie auch mit Alkohol ruhigzustellen und übt vor dem Spiegel Drohgrimassen und in der Direktion weit oben, werden Wetten abgeschlossen, wer von Asylanten als nächstens voranggehen wird.
Dazu stellt die Sekretärin Christin das Belladonnafläschen vorsorglich bereit und ein hundert Jahre Fest des Asyls wird auch gefeiert. Das wird natürlich, man ahnt es schon, eine Farce und ein Glanzstück des Galgenhumors und Frau Berta, die immer vergesslicher und dementer wird und am Schluß auch noch einen künstlichen Ausgang bekommt, den sie nicht haben will, so daß sie alles mit Kot verschmiert, erzählt dem Bubchen, nach und nach aus ihrem Leben, in dem wirklich nicht sehr viel barmherzig war.
In Rumänien wurde sie geboren, die Mutter wurde bald von dem Vater in den Tod geprügelt, der war ein Trinker und die zweijährige Schwester Mela, weigerte sich von der Muttermilch zu trinken, dafür sagte sie aber zur Stiefmutter „Mama“, was Frau Berta verweigerte, wofür sie auch verprügelt wurde.
Vergewaltigt wurde sie auch recht bald und nach 1945 siedelte sich der Vater mit seinen Kindern in Salzburg an.
Mela kam zu einer Tante in die Schneiderlehre, die sie zur Prostitution verwendete, Frau Berta wurde Putzfrau, aber vorher noch als Pflegekind und deutsches Mädel ausgenützt und öfter vergewaltigt. Das tat dann auch ihr Mann, der eine entsprechende Kriegsvergangenheit hatte und die Schwester, die nach Amerika auswanderte, fand auch dort nicht ihren Frieden, nur ihr Sohn, der von ihrem Ehemann verprügelt wurde, flüchtete sich in den Vietnamkrieg und sandte über dort Berichte in das Asyl, das das Bubchen von einem alten Shakespeare-Forscher, der im Krieg Dolmetscher war, übersetzen läßt.
In dem Asyl gibt es noch andere merkwürdige Bewohner, so zum Beispiel, die die sich über Esparanto oder den wahren Kommunismus streiten. Einen Kegelklub gibt es auch und am Schluß sitzen die ruhiggestellten Veteranen im Aufenthaltsraum und trauern ihren Kriegserlebnissen nach.
Wie schon erwähnt, ein herrlich altmodischer Roman, denn bald werden die, die in den heutigen Seniorenresidenzen ruhiggestellt werden, den Krieg nicht mehr erlebt haben und daher von etwas anderes schwärmen und das Bubchen, das sollte ich noch erwähnen, hat von der Direktion, als der alte Direktor längst schon in einem der Pflegezimmer verschwunden ist, die Zusicherung bekommen, daß er nach dem Ableben der Frau Berta, ihr Stübchen übernehmen kann, denn das Leben und das Sterben geht ja weiter und Barmherzigkeit, das denke ich mir manchmal auch, gibt es nicht sehr viel…

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