Literaturgefluester

2014-09-19

Papa, ich bin für dich da

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:46

Ich habe mich ja kürzlich mit dem Thema „Alzheimer“ beschäftigt und da bin ich bei den Recherchen auf den Namen „Assauer“ gestoßen, dem Fußballspieler und Trainer, der daran erkrankte und das der Öffentlichkeit meldete und sich ein Jahr lang von einem Reporterteam begleiten ließ.
Das heißt das stimmt nicht ganz, auf diese Videos bin ich schon 2012 gestoßen, als ich für die „Paula Nebel“ recherchierte, dann habe ich darauf vergessen und bin im Frühjahr auf die Fortsetzungen gekommen und jetzt hat die Assauer Tochter Bettina Michel ein Buch geschrieben, das mir der „mvgverlag“ angeboten hat.
„Papa, ich bin für dich da“, zusammen mit Eva Mohr geschrieben und das ist, glaube ich, die ideale und sehr gekonnte Mischung, das Leben eines Prominenten mit der Information für Betroffene und Interessierte, denn es kann uns ja alle treffen, zusammenzubringen.
Ich habe mich, wahrscheinlich, weil ich ältere Eltern hatte, immer schon für das Älterwerden interessiert. Als ich studierte und in den Klub logischer Denker ging, habe ich mich mit der Hansi Berger befreundet, die ein Geheimnis um ihr Alter machte und Anfang der Neunzigerjahre gestorben ist. Dann habe ich meinen Vater betreut und zeitgleich Gerontopsychologie und Kommunikation, bzw. Sterbeseminare für Pflegehelferinnen unterrichtet und gemacht und in meinem Schreiben beschäftige ich mich auch immer wieder mit diesen Themen.
Im Bevölkerungsdurchschnitt ist das, glaube ich, anders, da herrscht sehr viel Angst und Verdrängung, die Pflegehelferinnen fürchten sich vor den Sterbeseminaren und in der Schreibgruppe haben wir einmal diskutiert, ob es eine Zumutung für die anderen ist, wenn man als über Achtzigjährige liest und dabei zittert, seine Seiten nicht so findet, etc und genau darum geht es in diesem Buch, das ich jeden, den Fußballinteressierten und denen, die ihre Mutter oder Frau betreuen, sehr empfehlen kann.
Ich bin ja eine, die sich für Fußball überhaupt nicht interessiert und so war mir der Name Assauer vor 2012 kein Begriff und jetzt habe ich mich ein bißchen in seine Biografie eingelesen, denn das Buch ist eine geglückte Mischung zwischen Prominentenschauen und Information.
Zuerst erzählt also Bettina Michel ein bißchen was über das Leben ihres Vaters, bei dem sie nicht aufgewachsen ist, sondern ihn erst als Erwachsene kennenlernte, denn der war mehrmals verheiratet, ein „Macho“ wie sie ihn beschreibt, der im Saarland 1944 geboren wurde, also gar noch nicht einmal so alt ist, mit Sechzig ist die Krankheit bei ihm ausgebrochen. Er machte eine Stahlschlosserlehre, widmete sein Leben aber bald dem Fußball und hat da einen Konzern aufgebaut und dann begann er Fehler zu machen, so daß die Gerüchteküche zu brodeln begann und fragte „Sag mal Rudi, trinkst du vielleicht zu viel?“
Aber das hat Rudi Assauer aufgegeben, als ihm der erste Neurologe den Demenzverdacht nahelegte, nach der zweiten Untersuchung ging er nicht mehr hin, sondern wurde unsicher und blickte in allem seine Sekretärin an, um sich von ihr bestätigen zu lassen, daß seine Entscheidungen richtig sind, was meiner Meinung nach ein sehr gutes Hilfsmittel sind, denn die Tabletten, die ja immer empfohlen werden, helfen später nicht mehr, es gibt auch Fehlschläge in der Entwicklung, also sollte man sich vielleicht doch eigene Strategien für den Wegfall der kognitiven Fähigkeiten überlegen und vielleicht auch daran denken, daß das Leben möglicherweise ein Kreislauf ist und die Babies, wenn sie auf die Welt kommen auch nicht sprechen und gehen können und in die Windel machen und kein Mensch würde sie als krank bezeichnen. Sie brauchen aber sehr viel Pflege und jemanden der für sie da sind, deshalb haben die Frauen das Muttersein früher auch als Lebensaufgabe betrachtet.
Rudi Assauers Sekretärin Sabine, die sich mit Bettina Michels heute in der Betreuung abwechselt, ist aber eine sehr energische Frau und so sprach sie ihren „Chef“ darauf an und als der einmal einen Autounfall hatte, weil er seine Reaktionen nicht mehr einschätzen konnte, gab er das Autofahren auf und engagierte sich einen Chauffeur, eine sehr richtige Entscheidung, die sich allerdings nicht jeder leisten kann, aber jeder Siebzigjährige muß vielleicht auch nicht Autofahren, vor allem wenn er in einer Großstadt lebt.
Rudi Assauer hat sich dann geoutet und das Buch schwenkt über in die Erklärung, was die Krankheit Alzheimer eigentlich ist und dazu verwenden Bettina Michel oder Eva Mohr das schönes Beispiel, von einem Kartenhaus, wo eine Karte nach der anderen einstürzt und am Schluß ist nicht mehr viel da, bei Alzheimer sind es ja die Eiweißplaques, die das verursachen sollen.
Rudi Assauer hat immer gegen seine Krankheit angekämpft „Ich laß mich nicht unterkriegen!“, was ich auch empfehlen würde und das „Realitätsorientierungstraining“, die „Validation“ und die „Basale Stimulation“ werden sehr empfohlen.
Bettina Michel hat ihren Vater zu sich genommen. Als er sich geoutet hat, war er, glaube ich, noch verheiratet und diese Frau hatte mit der Sekretärin die Vollmacht, was nach der Scheidung zu Streitigkeiten führte, man sieht das Vertrauen mit den Vollmachten ist auch nicht immer ganz einfach. Die Tochter hat aber ihren Beruf aufgegeben und betreut den Vater rund um die Uhr, mit Freunden und Familienmitgliedern. Das Loslassen fällt ihr so schwer, wie mir wahrscheinlich und da kommt dann noch der Status der Prominenz hinzu, denn der Pflegehelfer könnte ja ein Paparazzi von einer Zeitung sein, den Vater beim Pinkeln fotografieren und das Foto in der Bildzeitung posten.
Die meisten anderen, haben dieses Problem wohl nicht und es ist ein ohnehin ein halb gelöstes, weil Bettina Michels mit ihren Vater weiter ins Theater, auf den Fußballplatz,ins Restaurant, also in die Öffentlichkeit geht, auch etwas, was ich sehr empfehlen würde und zu meinen Erstaunen auch meine Schwiegermutter bei meinen Schwiegervater so praktizierte und die Kellnerin im Donaugasthaus in Traismauer sagte, die Küche kenne sich aus mit dem Pürieren, denn sie haben noch einen anderen Stammgast, der das braucht.
Alle Menschen sind aber noch nicht so weit, siehe oben und das Thema „Alzheimer“ in der Gesellschaft macht sicher Angst und so konnten Bettina Michel und Sekretärin Sabine auf dem Klo in einem Theater auch mithören, wie sich die Leute empörten, daß sie den armen Mann so in die Öffentlichkeit zerren, das habe ich auch schon erlebt. Deshalb sind Bücher wie dieses ja so wichtig, weil uns das ja wirklich alle betreffen kann und sehr gut finde ich auch den ausführlichen zweiten Teil wo Alzheimer-Organisationsadressen seitenweise angegeben werden und erklärt wird, wie das mit den Pflegevollmachten, dem Uhrentest, dem Demtect und dem MMSE so ist und auch die drei Stadien der Krankheit erklärt werden, das leichte, mittlere und schwere und man erfährt auch sehr genau, wo sich Rudi Assauer gerade befindet.
Ein, ich wiederhole es, sehr sehr interessantes Buch, für Fußballfans, für Pflegehelfer, Angehörige oder auch nur für die, die sich ein Bild über das Leben mit Alzheimer und seinen Betreuern machen wollen.

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