Literaturgefluester

2014-10-19

Die große Liebe

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:05

Jetzt kommt ein Roman von den großen älteren Herren der deutschen Literatur, von denen ich in der Zeitschrift „Volltext“ lese, die in Frankfurt und in Leipzig bei Dennis Scheck oder auf dem blauen Sofa auftreten, die in Hildesheim unterrichten und die Romane über die großen Lieben der alten Männer schreiben. Wilhelm Genazino ist ein solcher, Hans-Ulrich Treichl, Hanns-Josef Ortheil, vom letzteren stammt der 2003 erschiene Roman „Die große Liebe“ und erzählt in einer sehr präzisen genauen Schilderung, langsam und bedächtig eine wahrscheinlich ganz alltägliche Geschichte, die jeden von uns passieren kann, die mal schiefgeht und mal klappt, hier scheint sie zu klappen und darüber war ich mir, im Gegensatz zu anderen Rezensenten am Anfang gar nicht so sicher.
Einer der auf Italienisch Giovanni heißt, ein Fernsehjournalist, fährt mit dem Zug nach Italien „Plötzlich das Meer“, sind die ersten Worte des Buchs und die finden sich später wieder in dem schwarzen Notizbuch des Protagonisten, der Italienisch spricht und deshalb von den Leuten in San Benedetto auch sehr herzlich und gar nicht wie ein Tourist empfangen wird und das ist er auch nicht. Er soll für einen Film recherchieren, deshalb hat ihm sein Kameramann Rudolf seine Kamera mitgegeben und deshalb besucht er am nächsten Tag auch das Meeresbiologische Intitut des Städtchen, gerät dort mit dem Wärter Antonio aneinander, der ihm nicht glaubt, daß er angemeldet ist, holt dann aber doch die Dottoressa, die Direktorin des Instituts und die große Liebe beginnt.
Sie beginnt nicht gleich, die Dottoressa, eine wunderschöne Frau in einem grünen Kleid, namens Franca führt ihm zuerst in dem Museum herum und empfiehlt ihm an Dottore Alberti, der ihm am nächsten Tag das Weitere zeigen soll.
Die Dottoressa empfiehlt ihm auch ein Restaurant, dort begegnen sich die beiden im Laufe des Tages, geraten aber nicht aneinander und der Vortrag von Dottore Alberti am nächsten Morgen ist sehr langweilig. Die Dottoressa kommt dazu, geht mit ihm Essen und entführt ihn aufs Land und am nächsten Tag ist der Hotelier Carlo, der seinen Gast schon mal auf Austern und Muscheln einlädt, sehr besorgt und warnt, denn die Dottoressa ist mit Dottore Alberti verlobt und dringt man in Italien in eine solche Beziehung, hat man das ganze Dorf gegen sich.
Die Beziehung geht aber weiter, nimmt die schöne Franca doch sehr energisch die Zügeln in die Hand, es kommt zu Sex in einer Badekabine und zu einer Übernachtung in einem ländlichen Hotel, auch hier wird der Held von einem freundlichen Wirt zu einem Festessen eingeladen. Ich bin in Italien über das übliche Touristengeschehen nie hinausgekommen, ich spreche aber nicht Italienisch.
Und als der Held am nächsten Tag am Markt filmt, kommt es zu einer grotesken Begegnung mit Gianni Alberti, der Held beginnt ihn wie wild zu filmen und der verfolgt ihn auch, muß aber nach Ascona, um dort die Leitung eines Instituts zu übernehmen, wohin ihn Franca eigentlich folgen sollte.
Die fährt mit ihrem Giovanni aber noch einmal aufs Land und in ein Hotel, der Wirt Carlo schaltet sich ein, Alberto hätte Giovanni im Hotel gesucht, wo schon die Feigen, die er am Markt kaufte, langsam vor sich hinfaulen. Eine schöne Metapher, in diesem metaphernreichen Stimmungsbild. Franca bestellt ihren Verlobten zu sich, um ihm alles zu offenbaren, der Held geht inzwischen essen, bestellt dort Kutteln und als er bei der Nachspeise ist, ruft Franca an, Gianni will mit ihm sprechen und so kommt der in das Restaurant, teilt mit ihm die Nachspeise und fragt ihm was er von Franca will?
„Sie ist die große Liebe!“, antwortet der schlicht und der Rivale schleicht von dannen, während der Held einkaufen geht, um der hungrigen Franca in ihrem Hotelzimmer essen zu bringen.
Die Bedrohung geht aber weiter, der Museumswärter Antonio hat auch noch gewarnt, Franca zu nahe zu kommen und als er wieder in San Benedetto ist und die Fischer filmen will, bedrohen ihn die auch und zerren ihn auf ein Boot, wo er gerade noch im letzten Moment flüchten kann.
Franca hat aber schon einen Plan, wie es mit der großen Liebe weitergehen soll. Den verrät sie erst ihren Vater, mit dem sie sich am Abend trifft und am nächsten Tag, dem Tag der Abreise des Helden, in ihrer Wohnung.
Sie wird nächste Woche einen Monat Urlaub nehmen und ihm nach München folgen. So etwas hatte ich kürzlich schon bei Francoise Sagan gelesen und hier geht es schief, in der „Großen Liebe“ von Hanns-Josef Ortheil scheint es zu klappen. Denn die beiden treffen sich tasächlich am übernächsten Freitag in einer kleinen Münchner Trattoria. Das heißt er ist schon ein Stunde vorher da und bestellt die Flasche Wein für sie.
„Sind Sie ganz sicher, oder wollen wir nicht lieber warten?“, fragt der Kellner.
„Nein!“, sagte ich, „ich bin ganz sicher“ und dann bewegte sich der Kellner zum Eingang hin „Buona sera Signora! Sie werden bereits erwartet!“
Ein kleiner Eindruck von dem schlichten lakonischen Ton in dem diese Liebesgeschichte erzählt wird. Irgendwo in den Rezensionen habe ich auch etwas von der „Toskana-Fraktion“ gelesen, die befriedigt werden muß und, daß es in dem Buch, um eindringliche Beschreibungen vom guten Essen und einer schönen Landschaft geht.
Ein Buch für den Italien Urlaub vielleicht. Ich habe es an einigen warmen Oktobertagen in Wien gelesen und vor ziemlich genau einem Jahr im Bücherschrank gefunden.
„Hecke“, habe ich schon gelesen und der 1951 in Köln geborene Schriftsteller ist in seiner Jugend, wie er Dennis Scheck einmal in Leipzig oder Frankfurt erzählte und auch in „Wikipedia“ steht, für einige Jahre verstummt.
Jetzt scheint er nicht nur wieder zu sprechen, sondern es auch zu verstehen, vielleicht ganz banale Liebesgeschichten in einer sehr sehr eindrucksvollen Art und Weise zu erzählen.

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