Literaturgefluester

2014-10-26

Die Glasglocke

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:41

Eine Geschichte einer Depression, Psychose aus dem Jahr 1953, dem Sommer wo ich geboren wurde, wahrscheinlich auch die Geschichte, der 1932 geborenen amerikanischen Lyrikerin Sylvia Plath, die den halbautobiografischen Roman, 1963 unter dem Pseudonym Victoria Lucas veröffentlichte und sich kurz darauf das Leben nahm.
Mit dem Roman hat sie die Frauenbewegung posthum berühmt gemacht, ich habe ihn vor einem Jahr im Schrank gefunden, da gab es auch eine Neuübersetzung. Ich habe die „Suhrkamp Ausgabe“ von von 1997 gelesen und bin wieder in das Amerika der Fünfzigerjahre hineingekippt.
Richard Ford hat in „Kanada“ von dem Kleinstadtleben um 1960 geschrieben.
Die bislang sehr erfolgreiche College Studentin Esther Greenwood, gewinnt 1953 zusammen mit elf anderen Studentinnen ein Stipendium einer Modezeitschrift, wo sie ein Monat lang dort, in New York hospitieren, in einem Frauenhotel wohnen darf und von Party zu Party, Empfang zu Empfang herumgereicht wird.
So beginnt die Ich-Erzählung und Sylvia Plath ist, kann man in „Wikipedia“ nachlesen, etwas Ähnliches passiert.
Im Klappentext steht von einem Mißgeschick nach dem anderen, das dann sehr komisch wäre und als schwarzer Humor interpretiert werden könnte.
Das habe ich, glaube ich, anders gelesen. Die Neunzehnjährige ist noch sehr unsicher, müht sich ab mit ihrer Sexualität, bemüht sich, sich entjunfgern zu lassen. Das ist aber nicht ganz so einfach in einer Zeit, wo es keine Empfängnisverhütung gibt und man wahrscheinlich auch nicht so genau weiß, wie und wann man jetzt schwanger werden kann, man aber nachher sicher als gefallenes Mädchen gilt.
Es gibt aber auch einen fast Verlobten einen Buddy, einen an TBC erkrankten Medizinstudentin, aber den mag Ester nicht mehr, seit sie erfahren, hat, daß er kein „Jungmann“ mehr ist, Männer dürfen das zwar eher als die Mädchen, sie will aber keinen Heuchler.
In New York werden die begabten jungen Mädchen von Empfang zu Empfang herumchauffiert, posieren dort zwischen den Buffets und als sie dann die Avocados mit den Krabbensalat essen, erleiden sie eine Lebensmittelvergiftung, müssen am Klo kotzend von der Hotelkrankenschwester eingesammelt werden und bekommen vom Verlag als Entschädigung, damit sie nicht klagen, einen Band der besten amerikanischen Kurzgeschichten geschenkt.
Das ist vielleicht komisch. Esther füllt sich aber sicher nicht so, sondern wird immer verwirrter, gleitet in eine Depression oder Psychose ab, weiß, als man sie beim Abschiedsfoto fragt, was sie werden will, das nicht mehr so genau, obwohl sie ja Dichterin oder Lektorin oder Universitätsprofessorin werden wollte und wenn sie heimkommt in ihr Nest schon ein Schreibworkshop auf sie wartet.
So wirft sie all ihre schöne New-York Garderobe, die Abendkleider, die Handtaschen und die Schühchen aus dem Fenster und fährt mit einem geborgten Dirndlrock und einer weißer Bluse einer Freundin heim, die Mutter, eine Stenografielehrerin, erwartet sie am Bahnhof und sagt „Leider ist es mit dem Workshop nichts geworden!“
Das ist offenbar das amerikanische System, wo die Studenten im Sommer Sommerkurse machten oder Ferienjobs, damit sie fürs nächste Jahr ein Stipenddium bekommen. Ester hat auch eine prominente Förderin, eine bekannte Dichterin, die ihr das Studium bezahlt. Sie sitzt aber die nächste Zeit zu Hause, will nicht Deutsch oder Steno lernen und auch nicht in einen anderen Kurs. Sie will zwar einen Roman schreiben, aber da fällt ihr nichts ein, und so verbringt sie die nächste Zeit, ohne sich anzuziehen und sich zu waschen, weil das ja sinnlos ist und schlafen kann sie ebenfalls nicht, bis sie die Mutter zu einer verwandten Ärztin und die sie zu einem Psychiater schickt.
Der macht natürlich Elektroschocks, Ester ist entsetzt und flieht und so geht es noch einige Zeit dahin, bis sie sich versucht sich umzubringen und dann zuerst auf die normale städitische Psychiatrie kommt, danach auf Vermittlung ihrer Mentorin in eine bessere Privatklinik. Dort hat sie zwar eine verständisvolle Ärztin, bekommt aber auch Schocks und wird dann entlassen.
So endet das Buch, Sylvia Plath ist das 1953 ebenfalls passiert, dann hat sie einen Schriftsteller geheiratet, zwei Kinder bekommen, war dann noch noch einmal in der Psychiatrie, bevor sie die „Glasglocke“, der Titel kommt vom sich abkapseln von der Umwelt und das sich zurückziehen in sein Kokon, schrieb und sich im Februar 1963 mit Schlaftabletten unter den Gashahn legte, während die Kinder im Nebenzimmer schliefen.
Das Buch ist jetzt ein Kultbuch, an dem ich bisher ehrfürchtig vorbeigegangen bin und wohl auch falsche Vorstellungen von abgehobenen Experimentalstil ala Joyce oder so hatte, jetzt hat es mich sehr beeindruckt, denn so habe ich auch die Psychosen meiner Freundinnen und Bekannten in den Siebzigerjahren erlebt, bzw. war ich da auch öfter bei den Psychiatrievorlesungen der Klinik, wo Patienten vorgestellt wurden.
Es erinnert mich ein wenig an Grace Metalious die ja vielleicht eine ähnliche Karriere hatte und die Bachmann fällt mir ein, ist ja 1953 auch am Titelbild des „Spiegels“ gestanden und als Fräuleinwunder berühmt geworden. Sie wurde 1973 ein Opfer des öffentlichen Druck oder ihres Medikamentenkonsums, wenn man das so sagen will, Grace Metalious hat ihren Erfolg auch nicht ausgehalten und Sylvia PlatH hat von ihren, ähnlich wie Kafka wohl nicht mitbekommen. Hertha Kräftner könnte man als österreichisches Vergleichschicksal, einer jugendlichen Begabung mit frühen Selbstmord, auch noch anführen.
Ein interessanter Roman auf jeden Fall, den ich empfehlen kann und bezüglich der Neuübersetzung, zu der jetzt wahrscheinlich alle greifen und die alte Ausgabe in den Mistkübel oder Bücherschrank werfen ist zu sagen, daß ich einmal über die Veränderungen diskutierte.
Die englische Ausgabe bleibt immer gleich, nur in den anderen Sprachen lesen wir alle zwanzig Jahre etwas anderes, was irgendwie auch ein wenig seltsam ist und ich bin sicher, daß das Wort „Neger“ dem Ester auf der Klinik begegnet, inzwischen durch Afro-oder Schwarzafrikaner ersetzt wurde, weil man so etwas nicht mehr sagen darf, in Sylvia Plaths Sprachgebrauch war es aber völlig normal.
Dafür dürfte nicht mehr soviel mit Elektroschocks behandelt werden und wie man die Empfängnis verhütet ist wahrscheinlich auch allgemeiner bekannt, dafür haben die amerikanische Jugendlichen, wie ich kürzlich gelesen habe, andere Probleme. Sie dürfen nicht mehr auf die Straße und müßen sich mit ihren Freunden über Tweets und Twitter austauschen. Schreibakademien wird es aber geben. Die begabtesten Studenten und Studentinnen werden Stipendien bekommen, und die anderen so beim Nanowrimo mitmachen und ihre Romae, Gedichte, etc bei „Amazon“ verlegen.

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