Literaturgefluester

2014-11-01

Die Sonnenposition

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:59

Kann man über den Zusammenbruch der DDR, den zweiten Weltkrieg und den Vertreibungen aus dem Osten einen poetischen Roman schreiben, heißt die Eingangsfrage und die Antwort lautet, die 1969 in Essen geborene Marion Poschmann hat es versucht und ist damit im Vorjahr auf Shortlist des dBP gekommen und damit auf meine Leseliste, denn die im Longlistlesebüchlein abgedruckten Eingangszeilen von der in einem zerbröckelnden Barockschloß untergebrachten Psychiatrie, wo von der Stuckdecke, die Mauerteile im Speisesaal hinunterrieseln, so daß die Tische von der Mitte des Raumes weggeräumt wurden, damit sie den Patienten nicht in die Suppenschüßeln fallen, haben mich so beeindruckt, daß ich mir das Buch im Vorjahr zum Geburtstag wünschte.
Jetzt habe ich es gelesen und bleibe ein wenig ratlos zurück oder vielleicht nicht so beglückt, wie ein Buch, das die „Sonnenposition“ in die ehemalige DDR bzw. zu den Wendeopfern, die dort wohnen, bringen soll, beanspruchen will, aber andererseits, das wissen wir wahrscheinlich, ist das nicht möglich und Marion Poschmann hat das vielleicht auch gar nicht versucht oder doch vielleicht mit vielen schönen Worten, Phrasen und Metaphern…?
Ich bin ja, wie meine Leser vielleicht wissen, als realistische, viel zu wenig abgehoben schreibende Autorin, eine, die mit den bloßen Worträuschen eines Richard Obermayrs oder Andrea Winklers vordergründig nichts am Hut hat und dann doch zu ihren Lesungen geht, die sich das Poschmann Buch zum Geburtstag wünschte und nach dem Lesen natürlich sagt, Psychiatrie ist anders und der Alltag in der Ex-DDR wahrscheinlich auch, aber eigentlich und genau genommen war in dem Poschmann Buch, alles drin was ich mir wünsche, die Realität verpackt in wunderschönen Worten, wie ich sie vielleicht nicht zusammenbringe und darin ist Marion Poschmann ohne jeden Zweifel eine Meisterin und sie läßt ihren Protagonisten den einunddreißigjährigen dicklichen allergischen Altfried Janich mit seinem Freund Erlenkönige jagen, das sind, wenn ich es richtig verstanden habe, nächtliche Autofahrten, wo man seltene Automarken fotografiert, er ist aber auch Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, wow, sage ich in Zeiten, wo ich den Autoren immer noch erklären muß, daß ein Schulpsychologe nicht gleich ein Psychiater ist und eine Psychologin keine Medikamente verschreibt.
Altfried Janich also, der Name spricht schon Bände, obwohl ich anfangs Alfred gelesen habe, ist vom Rheinland in die schöne EX-DDr, in das zerbröckelnde Barockschloß gegangen, um dort den Psychiatriepatienten die Sonne zu bringen, vielleicht auch, weil dort ein Posten frei war und man Psychiater suchte und nun haust er dort, in dem zerfallenden Schlößchen, für die Sanierung ist kein Geld vorhanden, erzählt davon, daß es in der DDR Usus war, die Gefangenen, die Kinder und die Verrückten in ehemalige Schlößer unterzubringen, lebt im Schloß, weil es für ihnim Dörfchen noch keine Wohnung gibt. Seine Chefin, die Frau Dr. Z. hat dort eine und läßt sich vom Zivi ins Schloß und am Abend wieder zurückchauffieren, es gibt eine Ergotherapeutin und eine Küche, die frühmorgens Eierspeise brät, so daß Altfried, der Empfindliche, der seinen Patienten im Sprechzimmer immer einen Extrakugelschreiber hinlegt, damit sie sich daran klammern können, nicht schlafen kann.
Das tut er, seit sein Freund Odilo, der Biologe, der mit ihm die Nachtfahrten machte, der mit Mäusen gentechnische Versuche macht und sie damit zum Leuchten bringt, einen Unfall hatte, ohnehin nicht mehr. Seine Unruhe hat sich auf Altfried übertragen, steht im Klappentext, so geistert er in der Nacht, wie ein Schloßgespenst durch die Räume, holt sich von der Küche tiefgefrorene Reibekuchen und taut sie auf seiner Heizung auf. Er ist ja dicklich, das Apfelmus holt er sich dazu aus dem Dorfladen und im Schloßpark gibt es Schwäne, die die Patienten leidenschaftlich füttern, obwohl das eigentlich verboten ist.
Es beginnt mit dem Begräbnis Odilos, da erfährt man noch einiges von Altfrieds Jugend, der sich durch sein Studium sparte, in dem er die Teebeutel mehrmals verwendete, was mir sehr bekannt erscheint.
Auf dem Begräbnis ist auch seine Schwester, die sich selbstherrlich von ihm, von Köln in ihre Wohnung nach Berlin chauffieren läßt, obwohl seine Eltern auf ihn warten. Der gute Psychiater scheint ein wenig schwach im Durchsetzen. Er erfährt da auch, daß Mila, eine Modeschöpferin, die in einer originaleingerichten Plattenbauwohnung lebt und sich die alten Kleider ihrer Tante umschneidert, ein Verhältnis zu Odilo hatte, was bei ihm zu Eifersucht, vielleicht sogar zu einer Traumatisierung führt.
Die Nachkriegsgeschichte gibt es in dem Buch, wie ich den Rezensionen lesen konnte auch, denn Altfrieds Ahnen, dessen Vater natürlich entsetzt war, als er hörte, daß sein Sohn Psychiater werden will, stammen aus dem Osten. Wahrscheinlich aus Ostpreußen, die Großeltern wurden dort ermordet und im eigenen Garten verscharrt, die Kinder, Altfrieds Vater und seine Tante, werden über Umwegen nach Köln gebracht, die Tante fährt mit den Kindern später mit einer dieser „Heimwehreisen“ zurück, um ein Kreuz in dem Garten aufzustellen, was auch nicht so einfach ist und wenn wir uns durch die IV Teilen mit Pro- und Epilog, die Namen wie „Sol invictus“, „Furor“, „Patientia oder das Ostschoß“, „Memoria“ oder „Splendor“ tragen, gelesen haben, haben wir nicht nur einen realistischen Einblick in das heutige Ex-DDR Leben und seine Vergangenheit, sondern auch sehr viel Wortschöpfungen, bizarre Einfälle, skurrile Ideen, etc mitbekommen und können uns sowohl das Nacht als auch das Tagesleben unserer Welt ein bißchen besser vorstellen und ich, die ich mit dem allzu Abstrakten bekanntlich nicht viel anfangen kann, finde es schön, ein so poetisches Buch auf der vorigen Shortlist zu finden, auch wenn sich die Realistin in mir natürlich fragt, wieviele Leser diesen poetische Roman gefunden hat?
Uwe Tellkamps „Turm“ hat sich ja vor Jahren, wie ich hörte, sehr erfolgreich verkauft, ich habe mich mehrere Wochen durch ihn gelesen und von anderen gehört, er wäre unlesbar, das Poschmann Buch läßt sich viel schneller lesen.
Wieviel der schönen Worte haften bleiben, weiß ich nicht, wohl aber, daß ich das Buch vor ein paar Monaten um einen Euro in der etwas verstaubt wirkenden Buchhandlung in der Lerchenfelderstraße in der Wühlkiste kaufen hätte können und mich ärgerte, daß ich schon hatte.
Kann man über die DDR und die Vertreibungen aus den Osten mit den damit verbundenen Traumatisierungen einen poetisch schönen Roman schreiben? frage ich wieder.
Marion Poschmann, die schon viele Preise gewonnen hat, ist es gelungen, die Sonnenposition in die Nachkriegs- und Nach-DDR- Literatur zu bringen und das ist in Zeiten wie diesen, wo alles auch ein wenig hoffnungslos ist, obwohl es, wie auch Poschmann schreibt, den Teufel nicht mehr gibt, eigentlich sehr schön.

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2 Kommentare »

  1. Ich habe das Buch nun schon über ein Jahr lang hier liegen, aber immer noch nicht gelesen. Ich werde es sicherlich noch mal in die Hand nehmen, aber irgendwie sind andere Bücher bisher dann doch immer spannender oder wichtiger gewesen.

    Kommentar von buzzaldrinsblog — 2014-11-01 @ 08:59 | Antwort

    • Das ist das Problem mit den Bücherbergen, das ich sehr gut kenne und mit meinen Leselisten zu lösen oder in den Griff zu bekommen suche. Wenn die aber auch zu groß werden, wird auch das schwierig. So schleppe ich ja die Geburtstagsbücher von 2013 schon das ganze Jahr vor mich her, wollte sie nicht gleich, sondern schön der Reihe nach lesen und jetzt muß ich mich anstrengen sie noch zu schaffen und spannend finde ich auch, ein Shortlistbuch von 2013 zu lesen, wenn man wahrscheinlich schon längst vergessen hat, daß das im Vorjahr auf der dBp Liste stand und heißt diskutiert wurde, während man es inzwischen schon um einen Euro kaufen konnte.
      Schade oder traurig und auch nicht zu ändern, so schiele ich, während bald die neuen Geburtstagsbücher kommen werden, auf meine Liste, um die Marjana Gaponenko und Margarita Kinstner noch zu lesen und werde einiges überlassen müssen, weil das Neue, daß dann schnell ein Altes wurde, doch sehr lockte.

      Kommentar von jancak — 2014-11-01 @ 09:07 | Antwort


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