Literaturgefluester

2014-11-02

Meßmers Gedanken

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:03

Ein kleines feines Büchlein des großen Meisters Martin Walser „Meßmers Gedanken“, 1985 bei Suhrkamp erschienen, ausgeschieden aus einer städtischen Büchereifiliale, gefunden wahrscheinlich im Grünraum, anläßlich des Osterspazierganges des ersten Wiener Lesetheaters durch den Bezirk Wieden. Und jetzt erst gelesen, wo es ja schon „Meßmers Reisen“, „Meßmers Momente“ und sehr sehr viel anderes von dem 1927 in Wasserburg am Bodensee geborenen deutschen Schriftstellers gibt.
Jetzt wo Sigrid Lenz gestorben ist, ist er wohl der größte und bedeutenste neben Günther Grass und einer der mit seinen scharfen Gedanken, das ganze Jahrhundert durchfasste.
Ich höre meistens beim Buchmessen Surfing von ihm, wo er auf dem blauen Sofa sitzt. Da habe ich auch von einem der Meßner Nachfahren gehört und zuletzt vor ein paar Wochen hat mich der siebenundachtzigjährige Mann, der da seine Tagebücher vorstellte, wieder mit seinen scharfen Gedanken und, wie er den Kritikern kontern konnte, beeindruckt.
Er ist ja nicht unumstritten der Dojen der deutschen Literatur. Seine Rede zum deutschen Friedenspreis hat, hörte ich die Gemüter erregt und sein Buch „Tod eines Kritikers“, wo er sich über MRR mokierte und dann die Antisemitismuskeule geschwungen wurde, tat das auch.
Ich habe das Buch und einige andere auch gelesen.
„Ein fliehendes Pferd“ „Ein springender Brunnen“, etc, andere stehen noch auf meiner Leseliste und über „Meßmers Gedanken“ habe ich etwas von einer vierten Dimensios des autobiografischen Schreiben gelesen. Es sind Aphorismen und sie haben mich ein bißchen wegen ihrer Widersprüchigkeit und ihres Lebensüberdrußes, man könnte auch Kommunikationsschwierigkeiten sagen, verwirrt oder verwundert und manches konnte ich nicht nachvollziehen, auch wenn es schön und geschliffen klingt.
Auf etwas über hundert Seiten viele schöne kurze oder auch längere Sätze bzw. Abschnitte über das Leben. „Tassilio Herbert Messner, der von seinem 54. bis 63 Lebensjahr ruhig in seinem Zimmer sitzt“, etwas das ich schon nicht nachvollziehen kann, das Alter Ego des großen Meisters?
Die Sätze, Abschnitte werden in drei Abteilungen gegliedert, kommentarlos hingeworfen, manchmal steht noch „denkt Messmer dabei.
Manches scheint Banal, wie „Wenn sie vernichten können, vernichten sie“ oder „Ich bin gesund bzw. krank“, vieles sehr erhöht und einiges widersprüchlich.
Um den Tod und das Sterben geht es natürlich auch und Scardanlelli, wie sich Hölerlin ja nannte, kommt vor und Rilke und dann die Widersprüchlichkeiten, die Weisheiten aber auch nur Sprödigkeiten sein könnten, die mehrmals kommen.
Auf Seite sechs die Stelle, wo einer, Meßmer, Walser, keinen Besuch haben, möchte, wenn der dann kommt, läßt er ihn bis drei Uhr morgens nicht weg und weint vor Freude, wenn er geht, könnte man das nicht einfacher haben?
Die großen Dichter wahrscheinlich nicht und die Leser erwarten wohl auch diese Widersprüchigkeit, denn „Meßmers Gedanken sind die Gedanken einer dicken Frau. Das weiß er so sicher, daß ihn an Beweisen nichts liegt!“
Die Widersprüchlichkeiten kommen noch öfter, man könnte es wahrscheinlich auch Kommunikationsprobleme nenne, wenn Meßmer, in einem Hotel eigentlich mit Dr. N. frühstücken will, ihm das aber nicht sagt, sondern ihn stattdessen beleidigt und dann alleine am Frühstückstisch verharrt, während sich der N. mit den anderen vergnügt. Geht es nicht einfacher? Natürlich. Aber das Leben ist widersprüchig und kompliziert, wer weiß das besser, als eine Psychologin?
Den Kampf des Menschen gegen sich selbst könnte man interpretieren, des Misantrophen, der vom Leben und den anderen schon längst genug hat, das aber dennoch wie besessen in vielen schönen Sätze beschreibt.
„Er kann nicht so gut kämpfen, wie sein Gegner, weil er gegen das Gute kämpft, sein Gegner aber gegen ihn“ oder „Ich nütze euch nichts. Ich erwartet euren Bescheid!“ und dann kommt die Erkenntnis „Wahrscheinlich muß man, will man geliebt werden, lieben.“
Ja, natürlich aber das Leben ist kompliziert und widersprüchig, endet mit dem Tod und dem Sterben und vorher kommt der Schmerz mit dem sich Meßner bzw. Martin Walser auch sehr intensiv beschäftigt.
„Ich wohne günstig. Bei kleinen Schmerz.“ „Von meinem Schmerz kann ich nicht reden, er ist zu klein. Aber schweigen kann ich von ihm.“ „Wenn der Schmerz nachließe, würdest du dann gefälligst glücklich sein? Ja“
Es ist zu bezweifeln, ob das dem Skeptiker gelingt, aber einige wunderschöne Aphorismen, die in einem nachklingen, die man mitnehmen möchte, auch wenn sie nicht sofort eins zu ein logisch scheinen, gibt es natürlich auch.
„Wenn er das nächste Mal stirbt, wird er Kopfhörer aufsetzen und die 3. Symphonie Bruckners laufen lassen. Dadurch könnte sein eigener Tod ein bißchen größer werden, er würde nicht nur mehr ihn angehen. Einem allgemeinen Tod zuhörend, würde er in den eingehen.“ oder „Als er soweit war, daß er nur noch die Geräuschfolge beschreiben konnte. Jede andere Erlebnisfähigkeit hatte er eingebüßt“
Eigentlich sehr traurig diese Sätze und weder Meßmer, noch Martin Walser, dem Schreibbesessenen und vielleicht Gedankengeplagten zu wünschen, aber er wird und hat weitergeschrieben. Romane, Tagebücher, Aphorismen, die wir lesen und ein bißchen darüber nachdenken können, was wir mitnehmen oder stehenlassen wollen.
„Wenn ich meine Mütze aufsetze bin ich, denkt Messmer“
Vielleicht sind wir das auch ohne Kopfbedeckung und vielleicht ist das Leben nicht so kompliziert, wie es Meßmer oder Walser scheint, der ja auch geschrieben hat „Ich bin ein Säufer, der nicht trinkt“
Wie bitte soll das gehen?, fragt die Realistin, aber man kann natürlich auch Gedanken trinken und sich an Ideen berauschen und um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit Gedichte zu schreiben, geht es irgendwo auch…

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