Literaturgefluester

2014-11-14

Die Gruppe 47

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:54

Jetzt kommt die Besprechung des Sachpuchpreises der Leipziger Buchmesser von 2013 des 1956 geborenen Literaturkritikers Helmut Böttgers, der schon mal in der Jury des deutschen Buchpreises war und das ich mir im Vorjahr zum Geburtstag wünschte. Denn, wie es war, als, wie der Untertitel lautet „Die deutsche Literatur Geschichte“ schrieb, interessiert mich ja sehr und als ich Ende der Siebzigerjahre in den „Arbeitskreis schreibender Frauen“ kam, habe ich gedacht, das wäre jetzt das Pendant dazu, denn die berühmte Gruppe hat es ja nur bis 1967, also zwanzig Jahre gegeben. Ein Wideraufnahmeversuch wurde 1977 von Marcel Reich Ranicky mit dem „Bachmannmann-Preis“ gestartet.
Daß ich nicht sehr viel darüber wußte, wurde mir beim Lesen klar, obwohl ich die meisten Namen kannte, die da herumschwirrten. Aber die Geschichte, wo und wie das stattfand, wer und von wem man eingeladen wurde und was dann geschah, wird zum Glück von Helmut Böttiger mit einer Einleitung, einem Vorspiel, einundzwanzig Kapitel und einem Anhang ausführlich dargestellt.
Der Name kommt von einer anderen spanischen Autorengruupe, die sich „Generacion del 98“ nannte und gegründet wurde sie von dem 1908 geborenen Hans Werner Richter, einem Organisationstalent und Pädagogen, der die Gruppe zusammenhielt, wie Böttiger schreibt, er war auch Schriftsteller und hat einige Male bei den Treffen gelesen, aber dann herrschte eisiges Schweigen, bevor sich der erste mit „Klischee, ein Klischee nach dem anderen!“, meldete, weshalb er auch mit dem Vorlesen hörte, obwohl er auch einige Preise für seine Nachkriegsromane bekommen hat.
„Linus Fleck“ habe ich gelesen, ein paar seiner Bücher stehen noch auf meiner Liste.
Man sieht, es wurde auch dort kritisiert und das sehr scharf und verwerfend, Marcel Reich Ranicki hat es dann auch nach Klagenfurt gebracht und die Treffen fanden zuerst mehrmals, dann nur noch einmal im Jahr an unterschiedlichen Orten an.
Das erste, war, wie im „Vorspiel“ beschrieben wird, in einem Haus am See, das heute zu einem Campingplatz gehört und damals eine etwas excentrische Frau besaß, Ilse Schneider Lengyel, die Böttiger „Die Hexe vom Bannwaldsee“ nennt.
Zu Essen gab es damals wenig, die Nachkriegsdichter waren ständig hungrig und wenn einmal, was später geschah, ein Bürgermeister ein Faß Wein stiftete, so betranken die Dichter sich und fingen an einander wüst zu beschimpfen.
Hans Werner Richter mußte vermitteln, war aber vielleicht auch ein wenig kriegsgeschädigt, antisemitisch, konservativ oder was auch immer, jedenfalls verglich er Celans Vortragsweise der „Todesfuge mit Goebels und von der „Emigrantensprache“ hat er auch nichts wissen wollen.
Auch das geschah erst bei späteren Treffen. Jetzt waren einmal vorwiegend Männer eingeladen, neben Richter schien auch Alfred Andersch eine Rolle zu spielen.
Sie gaben auch Literaturzeitschriften, wie den „Ruf“ oder den „Skorpion“ heraus und einen „Preis der Gruppe 47“ gab es auch.
Den ersten hat Günter Eich, der Ehemann von Ilse Aichinger mit seinem Gedicht „Inventur“ gewonnen.
Der zweite Preisträger war der katholische Dichter Heinrich Böll, damals noch nicht sehr bekannt, späterer Nobelpreisträger und jetzt, wie ich fürchte wieder in die Vergessenheit versinkend.
Wolfgang Borchert und sein Kriegsheimkehrerdrama „Draußen vor der Tür“ spielte natürlich auch eine Rolle, das, wie Böttiger meint, vielleicht auch deshalb so berühmt wurde, weil der Autor kurz darauf an den Kriegsfolgen verstarb.
Die Treffen fanden dann an anderen Orten statt, Richter dürfte die Autoren dazu eingeladen haben und hat versucht, eher noch unbekannte Talente dafür auszuwählen und der Grund für die Treffen, dürfte, genau, wie die GAV-Gründung ein Abgrenzen von der Naziliteratur gewesen sein.
Die jungen Talente wollte nach vorn, ein paar hatten vielleicht schon ein paar Gedichte in der NS-Zeit publiziert, es kamen aber bald die neuen Stimmen.
1951 in Bad Dürkheim, etwa, wie Böttiger in dem Kapitel „Fräulein Kafka“ aufführt.
Denn da tauchten neben Ilse Aichinger, auch Paul Celan und Ingeborg Bachmann auf und Fräulein Ilse, die dritte Preisträgerin, hat, die vierte war dann schon die Bachmann, die Geschichte „Der Gefesselte“ gelesen, die offenbar so dem damals modernen „Kafka Sound“ verbunden war, daß man sie als „Fräulein Kafka!“, titulierte.
Sie ist aber mit ihrer „Größeren Hoffnung“ bekannt geworden und hat wahrscheinlich auch Günter Eich bei diesen Treffen kennengelernt.
Jedenfalls ist das Hochzeitsfoto im Buch abgebildet. Hans Werner Richter war der Trauzeuge.
Die Bachmann hat Richter in Wien kennengelernt, als er dorthin kam, um Hans Weigel für den „Sender Rot weiß rot“ zu interviewen, dort war die Bachmann Redakteurin, ließ ihn eine halbe Stunde vor einem leeren Schreibtisch warten, auf dem nichts, als ihre Gedichte lagen.
Das schon zu der Mischung von Raffinesse und Naivität, wie sie oft empfunden wurde.
Das Vorlesen ihrer Gedichte mit zerbrechender Stimme, Tränen dabei und das Verlieren von Taschentüchern oder anderen Gegenständen, die dann die Männer aufheben mußten.
Aber doch auf ihren Erfolg, ihre Karriere interessiert, so schrieb Paul Celan, den sie zu ihrem ersten Treffen bei der Gruppe mitgenommen hat, einem Freund wütend, daß sie ihn mit ihrem „Getue“ in den Schatten stellte, dann kam noch Richter mit dem „Goebbels-Vergleich“ und die Damen baten ihn mit Tränen sich zu entschuldigen.
In einer zweiten Generation werden Uwe Johnsson, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass mit seiner „Blechtromme“, Martin Walser, der sich sehr für den Außenseiter Arno Schmidt, der nie zu den Gruppentreffen kommen wollte, obwohl er einmal für einen Preis vorgesehen war angegeben. Ein weiterer Außenseiter ist Wolfgang Koeppen, mit seiner Trilogie „Tauben im Gras“, das ich einmal gelesen habe, „Das Treibhaus“ und „Tod in Rom“.
Im April 1954 fand die Tagung auf Intitative Ingeborg Bachmanns, die schon in Rom lebte, in Cap Circeo, an einem geschichtsträchtigen Ort statt, wo der Sage nach „Männer in Schweine“ verwandelt wurden.
Die Bachmann hatte in den Fünfzigerjahren zuerst eine Verhältnis mit dem Komponisten Hans Werner Henze, den sie bei den Tagungen kennenlernte, später eines mit Max Frisch und auch anderen Gruppenmitglieder hatten damals eine Italiensehnsucht, wollten nicht mehr in Deutschland leben, sondern siedelten sich in bella Italia an.
Einen Streit zwischen „Realisten und Sehern“ gab es auch. Helmut Heißenbüttel der zu den zweiteren gehörte, wurde nicht verstanden, ebenso wie das Bachmann Gedicht „Liebe: dunkler Erdteil“ von dem es einen unerlaubten Mitschnitt gab.
Dann stieß Günter Grass in die Gruppe, der in den fünfziger Jahren, ein etwas schlampig aussehender Bohemien war, in Paris lebte, per Autostop zu seinen Verlegern fuhr, aber hauptsächlich Zeichner und Zeichnerer war.
Von Richter wurde er „desperat wie ein bettelnder Zigeuner“, gesehen.
Er trat zuerst, von Walter Höllerer gefördert, als Lyriker auf. Dann las er 1958 im Gasthof Adler in Großholzleute plötzlich zwei Kapitel aus einem Roman, Marcel Reich Ranicki hörte zu schreiben auf, alle blickten auf und flüsterten Richter ins Ohr, daß er den schon lange nicht mehr vergebenen Preis bekommen müße.
Es war aber kein Geld vorhanden, wohl einige Verleger und Lektoren im Saal, die telefonierten und rasch waren fünftausend Mark beisammen. Grass stand derweil bei einem Schnaps, während ihm Richter mitteilte „Schon wieder fünfhundert mehr!“
Ja, so kanns gehen und für die „Blechtrommel“ sollte Gras sogar den „Bremer Literaturpreis“ bekommen. Allein der Senat war dagegen, zuviel Pornografie, da müßte man den Text ja in den Schulbüchern verbieten. Es gab Proteste von Bachmann, Celan und Uwe Johnson, aber Reich Ranicki schrieb in der „Zeit“ einen üblen Veriß, den er später revidierte.
Trotzdem fand die Tagung 1957 in einem viel feudaleren Rahmen, nämlich in Schloss Elmau statt und alle wollten hin, obwohl sich schon wieder die Generationen zu spalten begannen.
Ein Kapitel ist dem jungen Ehepaar Gisela Elsner und Klaus Roehler, ihrer tragischen Liebes- und Lebensgeschichte gewidmet und dann geht es zu den Kritikern, die allmählich kamen, die Gruppe dominierten und Hans Werner Richter das Leben schwer machten.
Walter Jens, der später an Demenz erkrankte und im Vorjahr starb, Walter Höllerer, der Lyriker, „Akzente-Herausgeber“ und Universitätsprofessor, Joachim Kaiser, später kamen dann noch Marcel Reich Ranicky und aus der DDR Hans Mayer hinzu. Es gibt einen Text von Martin Walser, wo einem jungen Autor erzählt, was alles passieren wird, wenn er seinen großartigen Text endlich bei der Gruppe 47 lesen darf.
Günter Eich und Ilse Aichinger drohten, wenn Reich-Ranicky nicht ausgeladen wird, nicht mehr zu lesen, nahmen das dann wieder zurück und so wurde der Großkritiker mit seiner berühmten Art weiter eingeladen.
Das Fernsehen kam irgendwann auch dazu und Walter Höllerer begann Eventlesungen zu inszenieren zu denen bis zweitausend Leute kamen, die dann teilweise im Regen standen und „West-Berlin wurde plötzlich die Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur.
Das fünfzehnjährige Bestehen der Gruppe wurde gefeiert und machte Richter wieder Sorgen, hatten sich doch soviele Kritiker, Störer oder andere Stimmen angesagt, daß er Walter Höllerer in einem Brief, um Studenten bat, die für Eingangskontrollen sorgen und von den „105 Eingeladenen haben bis jetzt 93 zugesagt“, er brauchte also Betten, Betten und vielleicht noch ein weiteres Hotel.
Neue Stimmen, wie der aus Schweden zurückgegkommene Peter Weiss und Johannes Bobrowski aus der DDR tauchten auf und ein Preis sollte nach dem legendären von Günter Grass gewonnenen, auch wieder vergeben, wo Johannes Bobrowski, der 1962 an einer verschleppten Blinddarmentzündung bzw. Peniclinunverträglichkeit verstarb, Weiss besiegte.
Politische Troubles bzw. einen Vergleich mit der Reichsschriftstellerkammer gab es auch und immer wieder Proteste gegen die Alleinherrschaft von Hans Werner Richter, der dann die Tagum in Schweden in Situna organisierte, zu der Ilse Aichinger, Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann, Heinrich, Böll, Wolfgang Hildesheimer, Uwe Johnson, Siegfried Lenz, Günter Eich und Martin Walser absagten.
Andere kamen und posierten, es hatte sich überhaupt schon die dritte Generation gebildet, so las das Wiener Gruppen Mitglied Konrad Bayer, dem ein „blendender Vortrag, irgendwo zwischen Karl Valentin, Helmut Qualtinger und konkrete Poesie“ attestiert wurde. Später wurde er verrissen, kurz darauf brachte er sich, allerdings aus familiären Gründen, um.
Erich Fried trat auf und war Hans Werner Richter zuerst gar nicht so willkommen und das Multitalent Hans Magnus Enzensberger entfaltete sich, ebenso wie der der heurige Büchner-Preisträger Jürgen Becker, von dem schon einige Bücher auf meiner Liste warten, Nicolas Born trat auf, der damals neben Handke als der berühmteste Sprachveränderer galt und wurde verrissen, den ich erst kennenlernte, als seine Tochter beim Bachmannpreis gelesen hat.
Es wurden aber auch Seminare im Literarischen Colloquium Berlin organisiert, an denen Elfriede Gerstl, die damals dort lebte, teilnahm und Publikationen wo sie über ihre Sexualität befragt wurde gab auch.
1966 fuhr die Gruppe nach Princeton, USA und da tauchte ein „schwarzhaariges schüchternes Mädchen mit einem schwarzen Hemd und einer Beatle-Frisur“ auf, der junge Peter Handke, der die Literaten beschimpfte, den amerikanischen Jungfrauen „I want to fuck you“, nachrief und schlagartig die deutsche Beat-Generation gründete.
1967 wurde Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschoßen und das langsame Ende der Gruppe nahte, 1967 in der „Pulvermühle“.
Zwar hätte es 1968 eine Tagung in der CSSR geben sollte, aber der „Prager Frühling“ war am 21. August schlagartig zu Ende und es gab einen Entschluß erst wieder dort zu tagen, wenn Prag frei sei.
Das wurde dann 1990 getan, wo Günter Grass, der inzwischen für die SPD Wahlwerbung macht, Hans Werner Richter im Rollstuhl durch die Gegend fuhr.
1977 hat Marcel Reich Ranicki sozusagen als Nachfolgeveranstaltung, den „Bachmannpreis“ gegründet, als er die Jury verließ, gründete er das „Literarische Quartett“, das es glaube ich, bis 2000 gab.
Nachfolgerin war dann Elke Heidenreich mit ihrer Sendung „Lesen“ gibt es auch nicht mehr, seit sie sich über das Fernsehen beschwerte, als Reich-Ranicki vor lautender Kamera einen Fernsehpreis ablehnte. Marcel Reich Ranicki ist im vorigen Jahr gestorben, viele andere der berühmten Mitglieder auch, manche setzen und setzen sich noch zusammen, wie etwa Günter Grass und Martin Walser und halten Nachreden und Helmut Böttiger, der für das Buch“ einen Preis auf der „Leipziger Buchmesse“ bekommen hat und auch in der Jury des DBp war, der vielleicht auch soetwas, wie eine Nachfolgerveranstaltung ist, schreibt auf den letzten Seiten:
„Was von der Gruppe 47 geblieben ist, ist nicht ihre gesellschaftspolitische Stoßrichtung oder ihr Selbstverständnis von der Verantwortung des Schriftstellers. Es ist vielmehr die mit ihr einhergehende „Eventisierung“ des literarischen Geschehens, es sind die unumgänglichen Marketingkonzepte für die Verbreitung von Literatur, für ihre Vermittlung und Rezeption.“
Das alles gibt es inzwischen viel mehr und viel öfter als einmal im Jahr, die Leser bleiben vielleicht ein wenig auf der Strecke oder wissen nicht, ob sie jetzt digital oder analog, Verlaggedrucktes oder Selfpublischprodukte konsumieren sollen und mein literarischen Wissen wurde durch das Buch sehr aufgefrischt, obwohl, wie ich bei einem Blick in „Wikepedia“ feststellte, auch hier, einiges davon steht, was vielleicht auch ein wenig die Veränderungen zeigt.

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