Literaturgefluester

2014-12-13

Die Welt, die Rätsel bleibt

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:43

Nach den vielen verlangten und unverlangten Rezensionsexemplare, die meine 2014 Leseliste gehörig ins Wanken bringt, kommt es jetzt wieder zu einem Geburtstagsbuch von 2013, ein Geschenk, der lieben Trude Kloiber, die in der Nebengasse wohnt und mit mir in die Straßergasse ging und die mein literarisches Interesse, immer sehr trifft. Ein Stück Literaturgeschichte von Anna Migutsch, das zum anderen Geburtstagsbuch über die „Gruppe 47“ passt und sehr interessant ist.

Den Namen Anna Mitgutsch oder auch die Dichterin selber, kenne ich schon sehr lange, seit den Siebzigerjahren  oder Achtzigerjahren wahrscheinlich, wo ihre drei ersten Romane erschienen sind, sie hatte, glaube ich, auch ein Portrait in dem Frauenbuch der Hilde Schmölzer, war bei den Grundbüchern, einiges habe ich von ihr gelesen, etwas steht vielleicht noch auf meiner Liste. Die Literaturwissenschaftlerin hat der „Residenz-Verlag“ in seiner Essayreihe mir nahegebracht, als ihr Buch über „Melville“ vor ein paar Jahren erschienen ist, war sie in aller Munde und und und…

Jetzt also „Die Welt, die Rätsel bleibt“, bei „Luchterhand“ erschienen und wieder Essays über den Literaturbetrieb beziehungsweise Portraits von berühmten Literaten.

Anna Mitgutsch, die glaube ich, zeitweise in Amerika lebt und lehrt, ist wahrscheinlich eine Expertin der amerikanischen Literaturgeschichte und so beginnt es auch mit einem Brief an Sylvia Plath, die als Name und berühmte Ikone in meiner autodidaktischen Literaturgeschichte schon länger Platz hatte, die „Glasglocke“ habe ich erst im letzten Jahr im Schrank gefunden und vor ein paar Wochen gelesen.

Ein sehr berührender Brief, in dem die 1948 in Linz geborene Fragen an die 1932 bei Boston geborene Dichterin, Wunderkind und Musterschülerin, die sich 1963 in London das Leben nahm, stellte und dabei ihr Leben, das mir durch die „Glasglocke“ ein wenig präsent war, aufrollt und beleuchtet.

Dann geht es mit Herman Melville, dem Schöpfer von „Mobby Dick“ weiter und da komme ich nicht umhin, meine literarische Unbedarftheit zu erwähnen, denn ich weiß sehr wenig über ihn, „Mobby Dick“ steht aber auf der Leseliste und vielleicht kommt auch noch Anna Migutschs Roman über ihn dazu.

Jetzt also die „Melville-Monoeloge“ literarisch sehr geschickt und raffiniert, die ein bißchen Einblick in das Leben des 1819 geborenen und 1891 in New York Verstorbenen geben, der früh seinen Vater verlor, der Tod scheint bei vielen Schriftstellern und daher auch in vielen Portraits eine große Rolle zu spielen, jedenfalls dürfte sie die Schulausbildung des Knaben unterbrochen haben, der dann zum Matrosen wurde, sein berühmtes Buch schrieb und sich auf diese Art und Weise durch das Leben kämpfte.

Dann kommt Elias Canetti, der Nobelpreisträger an die Reihe und auch in seinem Portrait spielt der Tod eine große Rolle.

Laut Anna Mitgutsch scheint er ihn nicht als natürliches Ende des Lebens, sondern als große Bedrohung erlebt haben und prägte die interessante These, daß er unverzeihlicher ist, je älter man schon geworden ist, etwas, was man sonst eher andersrum hört.

Er hat aber auch seinen Vater früh verloren, mußte seine Erfahrungen mit dem zweiten Weltkrieg machen, hat in der „Blendung“ einen sehr beeindruckenden Roman geschrieben, den ich, glaube ich, zweimal gelesen habe und in „Masse und Macht“, etc sehr beeindruckende Essays, es gibt auch einige Biografienbände, wie die „Gerettete Zunge“, die ich gelesen habe und noch lesen werde.

Interessant ist auch sein Verhältnis zu seiner Frau Veza, gibt es ja jetzt einen „Veza Canetti Preis“ und verschiedene Frauen, wie beispielsweise Judith Gruber-Rizy, die meinen, daß er sie und ihr Werk immer eher in den Schatten stellte.

Dann geht es zu den Kibbuz-Romanen „Der perfekte Frieden“ und „Ein anderer Ort“ von Amos Oz, der einige Zeit in einem solchen lebte und eine „Frau am Fenster“ gibt es auch. Marlen Haushofer und ihre Frauengestalten, der Fünfzigerjahre, die als Hausfrauenliteratur abgeschmettert wurden, sind damit gemeint. Anna Migutsch erwähnt die frühen Romane, aber auch die anderen, die berühmten.

„Die Wand“ habe ich inzwischen gelesen und war bei der Grundbuch-Veranstaltung. „Die Tapetentür“ habe ich mir in den Siebzigerjahren, ich glaube, in der berühmten Buchhandlung Herzog gekauft, „Wir töten Stella“ steht mit einigen Erzählungen auf meiner Leseliste. „Die Mansarde“ müßte noch zu mir kommen.

Dann kommt ein weiterer oberösterreichischer Lokalautor, der mir auch seit den Siebzigerjahren und wahrscheinlich durch die Zeitschrift „Rampe“ ein Begriff ist, das „Ullstein-Büchlein“, der „Kalfaktor“ habe ich mir auch in den Siebziger oder Achtizerjahren gekauft, vielleicht steht es aber auch auf meiner Leseliste, nämlich der 1923 geborene und 2005 verstorbene Franz  Rieger, den Anna Mitgutsch als einen vom Literaturbetrieb Ausgespiebenen, inzwischen Vergessenen schildert.

Der Portraitteil wird durch zwei Figuren von Melville und dem jiddischen Autor Jizchok Lejb Perez und einer amerikanischen Sammlerin namens Isabella Stewart Gardner, die offenbar etwas exzentrisch war, abgerundet.

Im „Literarischen Teil“ geht es zuerst um Fragen Autobiografie, bzw. um das Erfinden oder Erinnern, Fragen mit denen ich mich auch des öfteren beschäftige und hier auch beispielsweise mit JuSophie diskutiert wurden.

Früher hat es mich manchesmal verwirrt, wenn ich einen Text gelesen habe und  gefragt wurde, ob ich das bin und ob ich das so erlebt hätte? So fragte mich zum Beispiel beim Fest in Margareten, wo ich aus der „Anna“ las, ob ich Buchhändlerin wäre, bin ich nicht und die „Lesetheateraufführung“, die im „Novembernebel“ beschrieben wird, hat es so auch nicht gegeben.

Ich antworte jetzt meistens auf diese Frage „Alles ist autobiografisch und alles gleichzeitig nicht!“ und bin überhaupt der Meinung, daß in den meisten Romanen, die ich lese, mehr autobiografisch ist, als die Autoren zugeben. Die sagen immer „Alles erfunden!“ und dann finde ich in der Biografie Parallele um Parallele.

Geht mir auch so, aber ich gebe das zu und Anna Mitgutsch erwähnt auch, was zum Beispiel in der Ju Sophie- Diskussion deutlich wurde, daß das Erfundene und die Ich-Erzähler oft als nicht so literarisch gelten.

Natürlich ist nicht jede Ich-Erzählung gleich ein Memoir und nicht nicht alles, was ich schreibe ist autobiografisch. Ich glaube aber auch, das ich nur schreiben kann und werde, was ich in irgendeiner Form kenne, alles andere macht auch nicht, wie Anna Migutsch ebenfalls erwähnt, wirklich Sinn.

Dann geht es zu „Grenzen der Integrität“ bzw. zu „Überlegungen zur Situation der Künstler und Schriftsteller in totalitären Diktaturen“, ein Thema, das mich, wie das, was zwischen 1933 und 1945 geschrieben wurde, sehr interessiert.

Anna Mitgutsch, wie die Germanistin Karin Gradewohl-Schlacher, die dazu forschte, unterscheiden da zwischen den „Aktiven Nazis“, wie Richard Billinger, Bruno Brehm, Friedrich Schreyvogel, Karl Heinrich Waggerl, Mirko Jelusisch, den „Gutgläubigen“, wie Arnolt Bronnen, den Indifferenten und Hilflosen, die ihres Berufs und ihrer Existenz wegen dableiben und das Maul halten mußten“, wie Erich Kästner, Hans Fallada, Ernst Jünger und die „Indifferenten, Undurchsichtigen“, wie Ina Seidel oder Agnes Miegel, Autoren von denen ich Bücher auf meiner Liste habe und interessiert lesen werde oder schon gelesen habe. Ein Beispiels aus dem Kommunismus ist Imre Kertesz, der Nobelpreisträger von 2002, der heute in Berlin lebt und von dem ich kürzlich drei sehr interessante Geschichten gelesen habe, die wie Anna Migutsch schreibt, sogar zur Nobelpreisvergabe von seinen Landleuten, als ein „Fremder“ gesehen wurde.

Dann wird es „Transzendend“ in den Kapiteln „Die Welt, die Rätsel bleibt“ , ein Zitat aus einem Emily Dickson Gedicht, „Weltinnenraum“ und „Der Abgrund“ wird an vielen literarischen Beispiele, die Geheimnisse, dieses Lebens erklärt und noch einmal Imre Kertesz zitiert, für den „Auschwitz und Gott nicht zu trennen“ sind.

Im vierten und letzten Teil beschäftigt sich Anna Mitgutsch mit dem „Fremdsein“, stellt traszendente Überlegungen an, ob auch Gott ein Fremder ist, denn auch die „Patriarchengeschichte beginnt mit einer Emigration“ und fragt, wie man „In zwei Sprachen leben“, kann, eine Erfahrung, die nicht nur die jüdischen Emigranten vor siebzig Jahren, sondern auch bei uns jede Menge Kinde und Erwachsene machen müßen und wenn man schon die erste Sprache vielleicht nicht elaboriert genug gelernt hat, hat man es auch in der neuen schwer, wie Anna Mitgutsch höchstwahrscheinlich sehr richtig erkennt.

Dann kehrt sie aber wieder die Literaturwissenschaftlerin hervor und kommt zum Übersetzen, was sie vielleicht aus und ins Englische macht und kommt mit Silvia Plaths Gedichten auch wieder an den Beginn.

Die wurden von Erich Fried übersetzt, Anna Mitgutsch gibt aber ein eigenes Beispiel und so habe ich von dem Buch, das ich anfangs gar nicht so gern gelesen habe, weil es mir zu abstrakt erschien, wieder einmal sehr viel gelernt.

Denn Anna Mitgutsch hat  viele Themen, die sie mal gut verständlich, mal ein wenig abgehobener, sie ist aber eine Dichterin, behandelt und so geht es von der Literatur, in die jüdische Geschichte, in die Philosophie, an die Grenzen des Lebens, der Sprache, der Welt und noch viel viel mehr.

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