Literaturgefluester

2014-12-17

Mittelstadtrauschen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:33

Weiter geht es mit den Geburtstagsbüchern des vergangenen Jahres. Margarita Kinstners „Mittelstadtrauschen“ vor einem Jahr bei „Deuticke“ als Deburoman, der 1976 in Wien geborenen, die ich auf Thomas Wollingers Blog als Namen und persönlich bei der „Texthobellesung“ im Cafe Anno kennenlernte und der von der Wiener Kritik hochgelobt und als Ereignis des Literaturjahres gefeiert wurde.

In Deutschland sieht das dann  anders aus, da wirkt das „Wienerische“ dann leicht morbide oder langweilig und man kennt sich mit dem Reigen, der die Marie von Joe zu Jakob und dann zuletzt noch zum Gery bringt nicht aus und es passiert  auch noch soviel anderes in dieser Stadt und dann noch in der kleineren Schwester Graz dazu, daß man schon ordentlich mitdenken muß, um den Faden nicht zu verlieren und dann wird das den heutigen Leser, der vielleicht nicht mehr so geduldig ist, bald zu viel und vielleicht muß man auch die Wiener Sprache und die Orte, wo das alles spielt, kennen, um sich nicht verwirren zu lassen und dann ist das Ganze noch so herrlich schön kitschig, daß einer die Tränen hinunterrinen und sie sich denkt, „Wow, das hätte ich auch gern geschrieben und es auch versucht, aber soviel pathetische Schönheit zuzulassen, das hätte ich mich nicht getraut!“

Man sieht, ich bin restlos begeistert von einem Buch, was mir, die ich schon sehr viel gelesen habe und sehr viel schreibe, nicht so leicht passiert und dabei war ich als ich das Anfangsfilmchen gesehehen habe, auch nicht so begeistert und habe mir vielleicht auch gedacht, das ist mir  zu viel.

Jedenfalls habe ich das Buch nicht gleich gelesen, sondern auf meine Leseliste gesetzt und komme erst  Ende 2014 dazu, wo es schon auf der „Shortlist des Alphas“ stand, Margarita Kinstner längst am zweiten Roman schreibt und der Literaturbetrieb das Buch vielleicheicht auch schon vergessen hat oder es in seine Abverkaufskisten legt.

Da gibt es also Marie, eine neunundzwanzigjährige Lehrerin und die trifft in einem Cafe, Jakob, das ist ein Physiker der an seiner Dissertation oder Diplomarbeit schreibt und so steht es auch im Klappentext und wird von den Bloggern gern zitiert, aber das ist nur der Anfang, denn wie schon gesagt, hat das Buch einen Schwung und ein Treiben von Ort zu Ort, ein „Mittelstadtrauschen“ eben, wie Joe das gern so nannte.

Joe, wer ist Joe? Das ist ein junger Mann, der an der Schmelzbrücke stand, nichts recht Ordentliches aus seinem Leben machte, sondern auf Gläsern den Donauwalzer und mit Marionetten spielte, der springt im Sommer von der Brücke und sein bester Freund Gery, ein Filmer denkt sich nichts dabei, denn das tat der gute Joe immer und hieß ihn ihn dabei auch noch filmen. Nur diesmal erwischt es ihn und er wird tot aus dem Wasser gefischt.

Joe war auch der Freund von Marie, konnte ihr aber seine Liebe nicht zeigen, so geht sie zu seinem Begräbnis und freundet sich aus halben Herzen, würde ich mal sagen, mit Jakob an, denn Marie, die eigentlich Laetitia heißt, hat andere Sorgen, ihren Vater und ihre Mutter, die war Sizilianerin und ihr Vater, damals schon Professor, holte sie von dort als Dreizehnhährige nach Graz, es war die große Liebe „Sechs Wochen zuvor war er allein nach Sizilien aufgebrochen, jetzt kam er mit einem Engel nach Graz zurück. Doch die Zollbeamten beschlagnahmten Sofias Lachen, ließen es nicht einreisen.“

Das kommt auch noch bei dem Buch hinzu. Margarita Kinstners poetische Sprache und Sätze die man vielleicht zweimal lesen muß um sie zu verstehen, dann schlagen sie eine aber in Bann und nehmen sogar kurz das Atmen weg.

Denn das Heimweh läßt Sofia ein paar Jahre später aus dem Fenster springen,  der Vater kauft sich eine Plastikpuppe, zieht ihr ihr Kleid an, rennt damit in eine Straßebahn, fällt ins Wachkoma und sitzt fortan in einem Pflegeheim und träumt sich nach Sizilien zu seiner Sofia, dabei läßt er die Tochter zurück, die ihn fortan alle zwei Wochen in dem Heim besucht, was Jakob nicht verstehen kann und sich weigert sie zu begleiten.

Die interessanteste Figur ist für mich, die über Sechzigjährige, aber die achtzgjährige Hedwig Brunner, Jakobs Großmutter, denn die ist eine ungewöhnliche Frau, hat wahrscheinlich Magenkrebs, denn sie kann nichts mehr essen, verrät das aber keinen, sondern freundet sich mit Gerys, dem Filmer, der als Austräger bei der Caritas arbeitet und ihr das „Essen auf Rädern“ bringt, an.

Das landet zwar im Müllkübel und das Klo ist von Hedys Stuhl, verschmiert, die Tochter Traude, die das putzt stöhnt darüber, aber Hedi hat ein schlechtes Verhältnis zu ihren Töchtern oder Schuldgefühle, hat sie doch ihr erstes Kind Wassily, Sohn eines russischen Besatzers, weggegeben, und der taucht als Jakobs Doktorvater und Joes Onkel wieder auf, hat sexuelle Probleme und auch einen Inzest begangen, so ist er erpressbar, denn Joe hat ein Testament hinterlassen, der Palatschinkenkoch Palicini soll das im Prater ein Jahr nach Joes Tod vollstrecken.

Gery und Marie sind dazu eingeladen, fahren mit der Geisterbahn, essen Sachertorte im Riesenrad und bekommen beim Kasperl ein Stück aufgeführt, wo das kleine Gespenst mit Joes Mütze in den Himmel zieht und ein Jahr lang auf die Erde hinuntersieht, dann muß es los- und die anderen weiterleben lassen.

So bekommen Gery und Marie Joes Wohnung und den Schlüßel dazu überreicht und Hedi Brunner, über die Gery inzwischen einen Film drehte, legt ihm siebentausend Euro in ein Kuvert, dazu  eine Windel und das Foto eines russischen Soldaten, die er bei der toten Hedy findet und ihr die zwei letzteren Sachen ins Grab hineinlegt.

Dann kommt das Finale, ein junger Mann auf der Schmelzbrücke zieht endgültig davon, ein Stronmausfall legt Wien und Graz eine halbe Stunde lang ins Dunkle und in dem Grazer Pflegeheim, vergessen die Pfleger einen Komapatienten im Garten und den treibt es dann mit dem Stein in der Hand, den er damals von Sizilien mitnahm und den ihm Marie bei ihrem letzten Besuch in die Hand legte, über Mur und Donau in die Adria zurück nach Sizilien, wo er ohnehin schon die letzten Jahre war.

In der Danksagung treffe ich dann auf Bekannte, auf Thomas Wollinger, der Margarita Kinstners durch seine „schonungslose Kritik“, die erste Fassnung hat sie, glaube ich weggeworfen, sehr half. Auch dem Verlagsteam wird gedankt und der Praktikantin, die das Manuskript aus dem Stoß unverlangt zugesandter fischte und auf den Lektorentisch legte und ich bin sehr froh, das Buchendlich gelesen zu haben, weiß natürlich nicht, was ich in einem Jahr wenn ich Eva Menasse „Quasikristalle“, dienicht ganz unerwartet, den „Alpha- Preis“ gewonnen hat, Margarita Kinsntner war  nicht bei den Finalisten, schreiben werde, Daniel Wissers Romanausschnitt hat mir ja auch sehr gut gefallen und Theodora Bauers Lesung in der „Alten Schmiede“ aus ihrem Debutroman, der auch auf der Shortlist stand.

Aber ich sage ja immer, es gibt mehr als einen guten Roman und man sollte sie eigentlich alle lesen und ich sollte auch schreiben, vielleicht schaffe ich es einmal dahin zu kommen, aber dazu braucht man auch Verlagskritik und Ermunterung und das ist wahrscheinlich das, was mir fehlt.

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