Literaturgefluester

2014-12-23

Reise in den siebenten Himmel

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:36

Jetzt geht es weiter mit den „Sommerbüchern“, das heißt die von meiner Leseliste, die ich im Juli nach Harland mitgenommen habe, um sie in der Sommerfrische zu lesen, dann ist es sich wegen den „Drava-Büchern“ und denen die ich im Elsaß gelesen habe,  nicht ausgegangen, ich habe sie als die Sommerfrische beendet war, in Harland gelassen, die Rezensionsexemplare nahmen zu und die Zahl der Bücher auf der Leseliste, die in diesem Jahr wohl ungelesen bleiben.

Mit Ljjudmila Ulitzkajas „Reise in den siebenten Himmel“, ein Buch aus dem Bücherschrank, das ich sogar doppelt gefunden habe, ist es sich aber noch ausgegangen und das ist ein Buch, wo ich mich schon auf das Lesen freute. Denn ich habe die Autorin einmal vor langer langer Zeit, als es die „Literatur im März“ noch gab,  im Museumsquartier lesen gehört, Alexandra Milner hat da, glaube ich, kuratiert und jetzt hat die 1943 geborene Russin, die einige Jahre als Genetikerin gearbeitet, hat, bevor sie zu schreiben begann, einen österreichischen Staatspreis bekommen, im Sommer in Salzbug, als ich das Buch eigentlich lesen hätte sollen, aber es ja nie zu spät zu lesen, solange man lebt jedenfalls.

Hier wird das russische Jahrhundert gezeichnet, bis zur Wende jedenfalls, anhand der Familie des Arztes Pawel Kukotzkys, der aus einer Ärztefamilie stammt und den „Innenblick“ hat, das heißt er kann, wenn er eine Patientin untersucht, oft schon deren Metastasen erkennen, nur bei dem ihm nahestehenden Frauen geht das nicht und da lernt er 1942 in Sibirien, er ist gerade um die Vierzig, Jelena Georgijewna kennen, sie ist achtundzwanzig, Mutter der kleinen Tanja, ihr Mann Anton wird später an dem Tag fallen, als sie sich Pawel ergibt, was zu Schuldgefühlen und zur Zerrüttung der Ehe führt.

Es führt noch etwas anderes dazu, nämlich, daß Pawel, der Gynäkologe, sich für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches einsetzt, hat er doch schon zu viele verpfuschte Frauen am Verbot sterben und die Ärzte angeklagt gesehen, was aber an der frommen Einstellung von Jelena, die Schuldgefühle wegen ihres Antons hat und an der der Haushälterin Wassilissa, die von Nonnen aufgezogen wurde, scheitert.

Es kommt zum Streit des Paares, er wirft ihr vor, keine Frau zu haben, weil ihre Gebärmutter entfent wurde, sie ihm nicht der Vater Tanjas zu sein, was die Tochter nicht weiß.

Die Beiden reden dann nicht mehr miteinander, Pawel fängt zu trinken an, bzw. tut er das, um sich den staatlichen Anordnungen zu entziehen. Als Stalin 1953 stirbt, wird es im Land scheinbar besser, die Schwangerschaftsunterbrechung wird erlaubt, Tanja beginnt Biologie zu studieren und in einem Labor zu arbeiten, wo sie Ratten töten muß, während die Hausmeistertochter Toma, die Pawel ins Haus genommen hat, als deren Mutter an einer Auskratzung verstarb, eine Gärtnerlehre macht und mit ihren Pflanzen spricht.

Der zweite Teil ist eine Traumsequenz auf über hundert Seite, wo alle, die Neue, die sich später als Jelena entpuppt und ihren Mann nicht erkennt, der kahlgeschorene Pavel, die Nonne, der Rohling, den alle mit ihren Blutspenden retten wollen, der Professor mit den Leninorden, Leo Tolstoi, etc, den neuen Ufern und einem Leben nach dem Tod, den siebenten Himmel wahrscheinlich, entgegenschweben.

Dann wird es wieder realistischer und geht zu der Familie, beziehungsweise in die Sechzigerjahre zurück.

Jelena hat Gedächtnisausfälle, die sich offensichtlich in eine Demenz bzw. eine Pfelgebedürftrigkeit auswachsen. Tanja zieht eine Zeit lang in der Nacht durch die Straßen Moskaus, läßt sich dort entjungfern, macht dann bei einer Freundin eine Goldschmiedlehre und bekommt von einem der Goldberg-Zwillinge, den Söhnen eines Freund Pawels und Genetikers, der immer Schwierigkeiten mit der Obrigkeit hat und in die Lager muß, ein Kind.

Ein Töchterlein, sie wünscht sich eigentlich einen Sohn und freundet sich, noch schwanger mit einem Jazzmusiker an, mit dem sie dann eine große Familie will.

An der zweiten Schwangerschaft verstirbt sie und im kürzeren, vierten Teil sind wieder einige Jahrzehnte vergangen. Jetzt geht Shenja, selber schwanger, Tanjas Tochter, einmal in der Woche zur Wohnung der Familie, um Jelena zu baden. Der Professor ist gestorben, Wassilissa auch und weil Tomas Mann, das große Zimmer braucht, hat man Jelena in das Zimmerchen der Haushälterin einquartiert.

Das war die Reise in den siebenten Himmel oder der Gang durch ein Jahrhundert russischer Geschichte, eine Frage von Schuld und Sühne, wie in der Breschreibung steht, mal realistisch, mal traumhaft erzählt und ein interessantes Buch, von einer interessanten Autorin, von der ich gern mehr lesen möchte.

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