Literaturgefluester

2015-01-15

Die Beschissenheit der Dinge

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:02

Den 1972 geborenen Belgier Dimitri Verhulst, habe ich durch den „Wortschatz“ kennengelernt. Denn da lag einmal „Die Beschissenheit der Dinge“, inzwischen habe ich noch „Die letzte Liebe meiner Mutter“ aus dem Thalia 3.99 Stoß gezogen und mir vom Alfred kaufen lassen und auf meine Leseliste gesetzt.

Als ich im Frühjahr an der „Anna“ gearbeitet habe, ist sein „Der Bibliothekar, der lieber dement war, als zu Hause bei seiner Frau“, bei „Luchterhand“ erschienen. Ich habe es angefragt, aber nicht bekommen und so ist mir wahrscheinlich eine rotzfreche Abhandlung des Themas Alzheimer erspart geblieben und in „Der Beschießenheit der Dinge“, 2006 erschienen, hat Dimitri Verhulst, wie ich am Klappentext lesen kann, sein Leben erzählt.

Roman steht auf dem Buch, es ist aber keiner, sondern wieder mal ein Memoir, ein Begriff, den es im Deutschen noch immer nicht wirklich zu geben scheint und das ist auch nicht in Romanform geschrieben, sondern in zwölf Kapiteln, wo rotzfrech und manchmal politisch eher unkorrekt, das Leben in der Unterschicht im reichen Belgien erzählt wird.

Frank Mc Courth hat das in der „Asche meiner Mutter“ in Romanform geschrieben und ist damit berühmt geworden, Dimitri Verhulst wahrscheinlich auch, das Buch wird am Umschlag jedenfalls sehr gelobt, stand offenbar lang auf Platz 1 der niederländischen Bestenliste, wurde auch verfilmt und ist wohl nicht ganz wirklich das Meine, obwohl der rotzfreche Ton, in dem da das Aufwachsen eines Kindes, bei seiner Großmutter, den besoffenen Onkeln, etc, erzählt wird, manchmal auch für mich überraschend war, ansonsten war er mir  zu rau und ganz so authentisch, wie den McCourth, habe ich es, auch nicht empfunden, aber vielleicht irre ich mich da.

Verhulst springt mit der ersten Geschichte „Ein schönes Kind“ jedenfalls gleich in Medias res, es wird das Aufwachsen in den belgischen Slums nicht chronologisch erzählt, sondern eben in zwölf Geschichten und da kommt eines Tages Tante Rosie mit ihrer Tochter Sylvie zu Oma Marie, Pierre, Hermann, Potrel und wie die Onkel des dreizehnjährigen Dimmetrieken heißen, um kurz bei ihnen zu wohnen.

Sie kommt mit einem Luxusauto und Sylvie ist auch eine verzogene Göre, die in dem Wirtshaus, wo der Vater und die Onkel sie mitnehmen, zuerst ein Cola light verlangt, dann wird sie aber ausgespottet und kippt entschlossen ein Bier hinunter, verlangt ein zweitens, wird betrunken nach Hause geschleppt, muß mal pissen, etc…

„Eine ebenso rührende wie groteske, eine grausame und doch poetische Familiengeschichte“, steht am Buchrücken, wie schon geschrieben, bin ich mit den Saufgelagen der Onkel, die eine Radralley veranstalten, wo nicht ganz klar ist, ob da der Record im Radeln oder Saufen besteht und wo die Großmutter, die Polizisten, die ihr dann von den kritischen Zuständen den Komas und den Delir tremens erzählen wollen, hinausschmeißt, nicht ganz warm geworden, aber die Geschichte, wo eines Tages eine schöne geile Biene namens Nele Fockdey, auftaucht, für die Freundin des Vaters gehalten wird und sich dann als Fürsorgerin vom Sozial entpuppt, die nach dem Jungen sehen soll und ihn dann auf Anraten der Großmutter endlich ins Heim und zu Pflegefamilien bringt, was man erst später erfährt, hat auch mich zum Schmuzeln gebracht.

Die, wo der Fernseher verpfändet wird und die Onkel, weil sie unbedingt eine Show sehen wollen, eine iranische Familie aufsuchen, die sie dann mit „Du Roy Orbinson kennen?“, begrüßen und zu der Hausfrau „We want Mehti for a streptease on the floor!“, sagen, finde ich wie ebenfalls schon erwähnt, politisch inkorrekt, auch wenn sie ironisch gemeint ist.

Dann erzählt Dimmetrieken, noch vom „Pinkelpaß“ seiner Mutter, die sich bei seiner Geburt eine Inkontenenz, wahrscheinlich, weil die Ärzte pfuschten, zugezogen hat, was ich auch nicht so lustig fand.

Dann kommen die Kapitel, wo der Vater in eine psychiatrische Klinik auf Entzug geht, nach drei Monaten, auf ein Probewochenende gut erholt nach Hause kommt, viel ißt, seinem Kkleinen ein paar Sportschuhe kauft und ihm verspricht mit ihm am Sonntag zu trainieren, nur leider schleppen ihn die Onkels in die Kneipen ab und er kommt mit ihnen nicht zurück.

Von den Leuten, die in den teuren Einfamilienhäuschen wohnen, wird die Familie Verhulst verachtet und der kleine Franky darf nicht mit Dimmetriken spielen. Jahre später trifft er ihn auf einen Flohmarkt wieder, kauft sich einen kleinen Schlumpf, erfährt, daß Frankie inzwischen Judaika sammelt und gibt ihm wieder Willen seine Telefonnummer. Oh Triumph, daß der ihn ein paar Wochen später anruft, denn seine Frau hat ihn wegen seines Onkel Zwaren verlassen.

Später besucht Dimmetrieken dann die dementkranke Oma im Altersheim und will sich von ihr verabschieden, was nicht geht, denn jetzt sind Wissenschaftler auf die Spur der Verhulst gekommen und wollen Sauflieder sammeln.

Die Onkel können aber nur mehr die erste Strophe von „Ich mag so gerne Fläumkes sehen, am Stängel stecken ist so schön!“  und kommen auf die Idee, das Fernsehteam in das Altersheim zu schleppen, denn das demenzkranke Mariechen lebt doch in der Vergangenheit. Sie setzten der Oma Kopfhörer auf, unterschreiben, daß sie auf die Rechte der Aufnahmen verzichten, betrinken sich auf Kosten der Aufnahmeleiter, denn ohne Bier kann man keine Sauflieder singen und nichts passiert, die Oma schweigt und erst als alle weg sind und es zum Abendessengeht, sagt sie mit klar verständlicher Sprache „Doch weiß der kleine Pullermann: Man Fläumkes nicht nur essen kann!“

Es wird ihm auch ein Sohn geboren, von der Frau die er nicht mag und so steht er rauchend vor dem Krankenhaus und will sein Kind nicht sehen. Später kommt der Sohn Jury dann zum Wochenende und Dimmetricken nimmt ihn in die Kneipe zu den noch lebenden Onkel mit. Weiß aber, was sich gehört, kein Geld für den Spielautomaten, Onkel Hermann tut es dann und der Kleine gewinnt fünfzehnhundert Euro, wie bringt man das nur der Mutter bei und, daß er nach Rauch riecht?  Bier mit Cola gemischt geben ihn die Onkels auch zu trinken: „Hab dich nicht so, Cola ist viel ungesünder als Alkohol und Krebs bekommt jeder!“ und der Kleine steht dann selig am Tankstellenklo und singt, während er pisst, was er auch nicht sagen darf, fröhlich das Lied vom Kleinen Entchen vor sich hin!

Irgenwo steht, daß es den Ich Erzähler stört, wenn die Wissenschaftler zum Volk kommen um von ihnen die Sauflieder abzuhören und am Klappentext steht was, daß „Literatur für den Autor die einzige Mäglichkeit war, wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen.“

Das scheint gelungen, mich würde das sich Ergötzen am tatsächlichen oder vermeintlichen Elend der anderen trotzdem ein bißchen stören, weiß nicht, wie es wirklich in Verhulst Kindheit war, freue mich auf das Lesen seines anderen Buches und erinner mich an Ana Zidnar, die bei den offenen Tagen des Writersstudios öfter sagte, daß man an das Schlimmste was man erlebt hat, beim Schreiben denken, soll, weil es das ist, was die anderen interessieren wird, was mich auch ein bißchen störte.

 

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