Literaturgefluester

2015-01-23

Segel aus Stein

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:18

Kann man auf fünfhundertzehn Seiten und in dreiundfünfzig Kapitel einen Krimi schreiben, in dem eigentlich nichts passiert, als daß eine Frau gesucht wird, ein Mann auf ca Seite zweihundert tot aufgefunden wird und es dann ganz am Schluß noch einen Schußwechsel gibt?

Wenn man den Schreibeschulen glaubt, kann und darf man es nicht und kein Verlag wird solches jemals drucken. Aber der 1953 geborene Ake Edwardson gilt als einer der bekanntesten schwedischen Krimiautoren und sein sechster Erich Winter Krimi, ein Fund aus dem Bücherschrank, ist bei „List“ erschienen.

In der Buch-Beschreibung steht auch etwas von „fesselnd, tiefsinnig, detailgetreu“ und „gewohnt solide und tiefsinnige Kost von einem der Großmeister des schwedischen Krimis“.

Wenn man zu „Amazon“ geht, liest es sich ein bißchen anders. Da gibt es mehr Ein als Fünfstern-Rezensionen und die Leser meinen, dieser Edwardson wäre am wenigsten lesenswert und schreiben sogar, daß die, die damit begonnen haben, nie wieder nach Edwardson greifen werden.

Das trifft zumindestens bei mir nicht zu, denn ich habe „Den Himmel auf Erden“, schon demnächst auf meiner Leseliste und da steht in der Beschreibung „Dieses Buch kann süchtig machen“.

Nun ich bin gespannt und werde darüber berichten, jetzt war ich, da ich ja immer auf der Suche bin, die Regeln des Schreibens und des Literaturbetriebs zu verstehen, einmal erstaunt, daß da ein schwedischer Großmeister kommt und auf fünfhundert Seiten, wohl die Polizeiarbeit schildert, wie sie wirklich in der Realität passiert.

Denn seien wir uns ehrlich, die realen Kriminalgeschichten gehorchen wohl keinen spannenden Plot, wo auf Seite eins der Schuß passiert und es dann rasant und spannend mit einigen  Drehungen und Wendungen  zur Aufklärung geht.

Da wird ermittelt, dabei gelebt und gedacht, die Polizeibeamten haben ja auch Familie und Jungendlieben, sie kommen manchmal aus migrantischen Verhältnissen und sehr viel Psychologie ist auch dabei und das hat mir natürlich sehr gefallen, obwohl ich, den Spannungsbogen im Hinterkopf suchend, wohl auch ein wenig ratlos war und bei den unzähligen Details auch meine Schwierigkeiten hatte, das Ganze zu verstehen.

Denn eigentlich passiert nicht sehr viel oder doch natürlich, es passiert sehr viel, die eigentliche Handlung der fünfhundert Seiten läßt sich aber in wenigen Sätzen zusammenfassen und da steht man dann noch vor einigen Rätseln und Mutmaßungen, wie es gewesen sein könnte und dann gibt es auch zwei Handlungen, die gar nichts miteinander zu tun haben.

Der Klappentext spricht von anonymen Briefen und Schatten der Vergangenheit und von der Jugendliebe des Kommissar Erich Winters, Johanna Osvald, die auftaucht und von ihrem Großvater erzählt, der im zweiten Weltkrieg verschwunden ist. Jetzt ist aber ein Brief aufgetaucht „THINGS ARE NOT WHAT THEY LOOK LIKE. JOHN OSWALD IS NOT WHAT HE SEEMS TO BE“, worauf sich Axel Osvald, der Rechtschreibfehler ist nicht von mir, liebe Kritiker, so steht es im Brief geschrieben und gehört zu den Spannungselementen, nach Schottland aufmacht, seinen Vater zu suchen und auf Seite zweihundertdreißig, glaube ich, dort tot gefunden wird, worauf Erich Winter mit seiner Frau Angela hinfährt um  mit Steve Mcdonald, einem Polizisten, den man schon aus einem vorangegangenen Krimi kennt, den Fall aufzuklären versucht.

Tochter Johanna ist schon vorher hingeflogen.

In dem Buch liest man sich aber zunächst sehr lange durch anderes. Da gibt es eine farbige Polistin, in Göteborg geborenen, aber Tochter von Einwanderern aus Obervolta, die inzwischen schon zurückgegangen sind, die Tochter, Aneta Djanali ist geblieben und einer Frau auf der Spur, aus deren Wohnungen Hilferufe kommen, Nachbarn haben Mißhandlung angezeigt. Anette Lindsten macht aber nicht aus und als Aneta später wiederkommt, wird die Wohnung angeblich vom Vater und vom Bruder ausgeräumt.

Anette Lindsten hat aber gar keinen Bruder und der Vater sieht anders aus, vermietet die Wohnung dann an eine Tochter eines Polizisten, ist offenbar in einen Diebszug verwickelt, will die Wohnung nochmals ausräumen und Anette Lindsten kommt man eigentlich bis am Schluß des Buches nicht auf die Spur.

Aber darum geht es  eigentlich gar nicht, im Klappentext wird kein Wort von diesem Handlungsfanden erwähnt, sondern von John Osvald geschrieben, der im zweiten Weltkrieg mit einem Schiff untergegangen ist und in den dreiundfünfzig Kapiteln irrt auch ein verwirrter Mann herum, der von Gott und Jesus spricht und sich immer wieder auf die Ereignisse von damals bezieht.

Der Sohn Axel, ein inzwischen in Pension gegangener Fischer, reist auf Grund der Briefe nach Schottland und wird dort eben nackt und tot aufgefunden. Offenbar erfroren oder am Herzschlag erlegen, wahrscheinlich war es ein Selbstmord.

Aber als Erich Winter mit dem schottischen Polizisten sich auf die Aufklärung macht, sie essen auch Fish und Chips dabei und besuchen alte Pensionen, in denen Erich Winter dreißig Jahre früher selbst abgestiegen ist, kommen sie einen alten Mann auf die Spur, der einen Brief nach Dänemark aufgegeben hat, den sehen sie dann noch vor einer Telefonzelle. Dann taucht noch eine in Schottland lebende Tochter von John Osvald auf, die den Brief geschrieben hat, weil sie der Lebenslüge ihres Vaters ein Ende machen wollte.

John Osvald ist mit dem Schmugglerschiff vor vielen Jahren also offenbar nicht untergegangen, die anderen aber schon, jetzt hat er Schuldgefühle, die ihn vor sich herjagen lassen. Wie er seinen Sohn Axel in den Selbstmord getrieben hat, ist mir nicht so ganz klar geworden. Am Schluß schießt er aber auf den schottischen Polizisten und Anette Lindsten, um wieder auf den anderen Handlungsstrang zurückzukommen, wird offenbar von ihrem gewalttätigen Ehemann ins Meer getrieben, aber eigentlich ist auch das, wie so vieles anderes, nicht so klar und ich finde es sehr spannend, mich so nach und nach durch die berühmten schwedischen Kriminalromane durchzulesen. Sie haben sehr viel Psychologie dabei und sie erlauben sich offenbar sehr viel, was der Eva Normalverbraucherin in einem Seminar, der Schule des Schreibens höchstwahrscheinlich nicht durchgehen würde.

Aber das ist jetzt nur eine Vermutung, denn ich habe kein solches wirklich besucht und mir hat das Buch, um Mißverständnisse auszuschließen, gefallen, denn ich bin eine sehr tolerante Leserin, die ein Buch nicht gleich wegschmeißt, wenn der der erste Schuß nicht schon auf Seite eins fällt und es eigentlich keinen wirklichen Mord gibt, bin ich ja bezüglich Gewalt sowieso sehr ambivalent eingestellt.

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