Literaturgefluester

2015-01-30

Komplizen des Glücks

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:22

Jetzt kommt wieder eine branntneue Neuerscheinung, O. P. Ziers „Komplizen des Glücks“ aus dem „Residenz-Verlag“, obwohl ich mich ja angesichts meiner überlangen Leseliste bei Neuerscheinungen zurückhalten sollte, in der Praxis sieht das, wie meine Leser merken werden, ein bißchen anders aus und den 1954 in Salzburg aufgewachsenen O.P.Zier kenne ich schon seit den Achtzigerjahren von den Generalversammlungen der IG-Autoren.

Ich bin dann auch zu Lesungen seiner Bücher ins Literaturhaus gegangen, habe ihn, glaube ich, einmal bei „Thalia“ auf der Landstraße gestroffen, als dort T.C. Boje, einen seiner Erfolgsromane präsentierte, in Linz bei einem Gauklerfestival habe ich ihn auch einmal getroffen und dieses Jahr  sogar vor dem offenen Bücherschrank in der Zieglergasse.

Als 2010 die „Mordsonate“ erschienen ist, habe ich Herwig Bitsche um das Buch angeschrieben und ihn dann auch besucht.

Seither lese ich mich durch die Verlagsneuerscheinungen und auf den neuen O.P. Zier habe ich mich auch schon sehr gefreut, bzw. den Autor sicher schon im Frühjahr darauf angesprochen. Da hat er mir von seinem neuen Buch noch nicht sehr viel verraten, das, wie man dem Klappentext entnimmt von einem „Alten Bauernhaus handelt, das wie das berühmte gallische Dorf den Beton-Wohnblöcken im Salzburgerland trotzt“, weil dort eine Aussteigerfamilie lebt, die, wie „O. P. Zier mit beißender Kritik an einer korrupten und selbstherllichen Provingesellschaft schildert, so alles verkörpert, was ihre Umgebung empört: Protest und Lebenslust, Konsumverweigerung und Individualismus, Tagträumen, Unangepasstheit und nicht zu vergessen: den unsterblichen Geist des Rockǹ Roll…“, das hat für mich dann fast ein bißchen abstoßend gewirkt, wie ich auch mit dem alten blaubemalten mit „Peace“ und „Love“ signierten VW-Bus am Cover nicht so viel anfangen konnte.

Dann habe ich, als 1953 geborene, die die Welt der Aussteiger zumindest durch die Alternativschule, die meine Tochter Anna bis zum Eintritt in das auch ein bißchen alternative Gymnasium in der Rahlgasse, besuchte,  zwar in der Großstadt Wien, aber doch, ein bißchen miterlebte, etwas sehr Vertrautes und auch sehr Spannendes gelesen.

Es beginnt mit einem Kunstgriff, da kommt im Jahr 2005, ein sterbenskranker Mann mit einem Koffer zu dem Bauernhaus der Familie Wirring, in dem in diesen Moment nur der fünundzwanzigjährige Sohn Rolf, der gerade an seiner Disseration über „Aufklärung, Witz und Widerstand in der österreichischen Literatur“ schreibt, zu Hause ist, die Mutter ist gerade bei einer Demonstration gegen Schwarz Blau in Wien, der Vater bei einem Begräbnis eines ehemaligen Kollegen, der Großvater auf seiner Rock Tour mit seinem alten Bus und erzählt ihm, daß er sein möglicher Halbbruder ist.

In vier Kapiteln wird das erzählt, wie die Kellnerin Moni 1965 den kiffenden Rockkönig, der im Sommer mit seiner Band in dem Gasthaus in dem sie servierte, spielte, kennenlernte, mit ihm und noch einem anderen eine sexuelle Beziehung hatte und ihrem Sohn nun von den zwei möglichen Vätern erzählte, weil sie zu beiden den Kontakt verloren hat.

Pete Wire oder Peter Wirring, wie er bürgerlich heißt, die ist postive Vaterfigur, der andere, der ihr eine falsche Adresse hinterließ, die negative, die immer hervorgeholt wurde, wenn sie sich über ihren Peterl ärgerte, inzwischen ist sie an Krebs gestorben, Peter Schaller ist auch schon so weit, hat das Krankenhaus nur auf Revers verlassen, um seinen möglichen Vater noch kennenzulernen und die Familie nimmt ihn auch auf, zuerst erscheint die Mutter oder Halbschwester, dann Rolfs Vater, der vor zwanzig Jahren aus seiner Werbeagentur ausgestiegen ist und jetzt als Privatgelehrter und Hypochonder die Provinzgesellschaft mit seinen Reformkleidern mit denen er herumläuft, schockt, der Großvater, fünfundsechzig mit  langen grauen Haaren, ständig kiffend, taucht auch noch auf.

Peter Schaller stirbt kurz darauf, Rolf nimmt das aber zum Anlaß einen Roman über seine Familie, beziehungsweise über sein Aufwachsen in einer Welt, in der so alles anders als bei den anderen ist, zu schreiben und das gelingt O. P. Zier vorzüglich, uns in diese Welt hineinzuführen und die Angst zu schildern, die das Kind erlebte, als es mit vier vom Kindergarten von seinem lebensuntüchtigen Vater, bei dem sogar die Frankfurter Würstchen immer aufplatzen, abgeholtwurde, um auf eine Demonstration gebracht zu werden, wo die Mutter an einem Baum gekettet war, um die Umwelt zu schützen und von der Polizei abgesägt wurde.

Kein Wunder, daß sich sojemand in die Welt der Kindergartenfreundin Rosi mit der streng katholischen Mutter und den sonntäglichen Gottesdiensten wünscht, obwohl die Freundin nichts lieber als Rolfs Eltern hätte.

Die lehnen gekauftes Spielzeug ab und basteln ihrem Sohn ein eigenes Radiostudio mit Opas alten Platten und E-Geräten, wo er mit zwölf seine „WORLDWIDERADIOSHOW“ mit Lautsprechern im ganzen Haus produziert, die Mutter als Studiogast erwartet, die  im Bett liegt und einfach den Stecker abgezogen hat, was den Sohn sehr erbost, aber in Panik gerät, als sich der Zwölfjährige zusehr an den Großvater anschließt, weil sie befürchtet, daß er von ihm auch das Kiffen imitieren könnte und ihre Mutter ist ja sehr jung an den Medikamenten gestorben, die sie sich während ihrerÄnästehieausbildung aus den Spitalsgiftschränken holte.

Auch ein solches Kind kommt einmal in die Pubertät, köstlich wie O.P. Zier den Vierzehnjährigen schildert, der, von der Familie für eine Woche allein gelassen, mit seinen Ersparnissen, in die örtliche Buchhandlung geht, sich um sechshunderSchilling einen großen Thomas Mann-Bildband kauft, Petra Hartlieb oder der Haptverband des Buchhandels sollte ihn dafür einen Orden geben oder ihn zur nächsten Eröffnungsrede der nächste Buch-Wien einladen und daraufhin sich zu einem Thomas Mann Imitat entwickelt.

Er beginnt sogar die „Buddenbrooks“ über die Familie Wirring zu schreiben und findet mit Fünfzehn auch einen Verlag dafür, bzw. für die Novelle, die er für seine inzwischen eingetretene erste Liebe schreibt, der Großvater fährt ihn in seinem alten Bus nach Salzburg, der Direktor des Gymnasium gibt ihm augenzwinkernd für diesen Termin frei, so schlittert der fünfzehnjährige im alten Nadelstreifanzug und Thomas Mann Frisur in eine seltsame Wohnung, wo zwei seltsame Jünglinge Verlagsleiter und Cehflektor abgeben, eine ältliche Chefsekreätin gibt es auch und ein Kleinkind, das mit voller Windel in den unverlangt eingesandten Manuskriptstößen herumturnt und mit seiner Scheiße die Manuskriptseiten makiert, beziehungswweise solche herausreißt und zerknüllt. Daraufhin verläßt der Vierzehnjährige entsetzt den Verlag, hört mit seiner Familiengeschichte auf und beginnt erst nach dem Tod des vermeintlichen Onkels wieder daran zu schreiben, hat er ja inzwischen sein Germanistikstudium beendet und ohnehin keine Stelle, nur ein paar unbezahlte Praktika bekommen, so daß er wie seine Mutter, die durch Rezensionsschreiben den Unterhalt ihrer Familie verdient, ironisch meint „Gleich ein Buch schreiben kann. Es müssen ja nicht unbedingt neue Buddenbrooks werden“, denn „die schreiben inzwischen ohnehin die Amerikaner“.

So hat O. P. Zier in seinem Roman über das „Widerstandsnest in den Salzburger Bergen“ manchmal sehr bizarr und vielleicht auch nicht ganz realistisch, denn wie soll ein so weltfremder Mann, der sich  von jeder Nichtigkeit aus der Bahn werfen läßt und dann sterbenskrank im Bett liegt, schon mit Mitte zwanzig in den Besitz einer gutgehenden Werbefirma gekommen sein, aus der er dann mit der zwanzigjährigen Studentin, die sich der Umwelt zuliebe, als Fotomodell verdingt, aussteigt, als die in seine Firma kommt.

Ansonsten habe ich sehr viel Bekanntes in dem Buch gefunden und habe ja auch eine Tochter, von der mir meine Mutter einmal entsetzt erzählte, wie sehr sich sich über das Stück Zucker freute, das sie bekommen hat, als sie mit ihr bei der Polio-Impfung war.

Für 1980- 1984 geborene muß das Buch, wie auch für die Generation  1954 und darum herum  also sehr interessant zu lesen sein und um dann entstehenden unterschiedlichen Auffassungen läßt es sich auch sicher herrlich streiten.

Spannend natürlich auch, was jetzt davon autobiografisch ist und was nur nachempfunden und entsprechend überhöht?

Aber das kann ich O.P. Zier bei der nächsten GV-der IG Autoren fragen oder am 24. Februar in der „Gesellschaft für Literatur“, wo er aus seinem Buch lesen wird.

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