Literaturgefluester

2015-03-25

JADRAN heißt die Adria

Filed under: Bücher,Veranstaltungen — jancak @ 21:48
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Von Ruth Aspöck sind, seit sie 2007 mit ihrem Verlag „Die Donau hinunter“, in Pension gegangen ist, vier Bücher im „Löcker-Verlag“ erschienen, die man wohl als dokumentarische Literatur oder Dokumentarromane bezeichnen könnte.

In „Nichts als eine langweilige Blindschleiche“, hat sie ihre Tagebücher aufgearbeitet, dann ist sie mit „Grillparzer auf Reisen“ gegangen und im Vorjahr hat sie ihre Salzburger und oberösterreichischen Nachkriegserinnerungen aufgezeichnet.

Jetzt hat sie mit „JADRAN heißt die Adria“, das Leben einer bosnischen Flüchtlingsfamilie, die in den Neunzigerjahren aus Banja Luka nach Österreich kam und sie die Frau, die als Kassierin in der Kantine des Bundeskanzleramts arbeitet, kennenlernte, weil sie dorthin manchmal essen geht, aufgezeichnet.

Wahrscheinlich lange Gespräche geführt und ist mit ihr im letzten Oktober oder November auch nach Banja Luca gefahren, um sich ihre Heimat anzusehen und hat mir von dort eine schöne warme weiße Haube zu meinem Geburtstagsfest mitgebracht.

Jetzt habe ich das Buch, das heute mit Musikbegleitung von Sasa Jansetovic, moderiert von Renata Schmidtkunz, in der Hauptbücherei vorgestellt wurde, gelesen, das in sieben Abschnitten, die alle mit „A“ beginnen „Aufwärmen“, „Aufsitzen“, „Anreiten“, „Ausreiten“, man sieht das Reiten spielt dabei eine wichtige Metapher, eingeteilt ist und die Abschnitte berichten abwechselnd auch von der Ich-Erzählerin, deren Biografie, was mir wieder, wie im letzten Buch, auffällt, seltsam abgewandelt und distanziert wurde, als auch von Susana Jovanovic, die im Betriebsrestaurant eines Druckereibetriebs, in dem die Ich-Erzählerin, jetzt Pensionistin, als Emfangsdame beschäftigt war, arbeitet.

In „Aufwärmen“ wird von den Sammelleidenschaften der Pensionistin, sie sammelt Eulen und hat früher Bierdeckeln in Trinklokalen, in denen sie als Kind mit ihrem Vater war, erzählt. Wieder fällt mir die sehr genaue, etwas altmodisch klingende Sprache auf, warum schreibt sie nicht von Wirtshäusern und Weinstuben, wie ich es wahrscheinlich tun würde?

Die Armut in der Jugend wird wieder thematisiert, in der „Edition die Donau hununter“ hat Ruth Aspöck einen entsprechenden Essay veröffentlicht, sie hat in ihrer Jugend in Fabriken und Wirtshäusern gearbeitet, da einen reichen Mann kennengelernt, der sie später verlassen hat, dann ging sie für einige Jahre nach Amerika, Ruth Aspöck ist, glaube ich, in Kuba gewesen und hat ein Buch darüber geschrieben, wieder zurückgekommen und in dem Betriebsrestaurant Susana Jovanovic kennengelernt, die in den neunziger Jahren mit ihrem Sohn Alexander nach Wien gekommen ist. Ihren Mann Branco, aus einer katholischen Familie stammend, hat sie gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet und ihn in seinem kleinen Transportunternehmen geholfen, dann kam der Krieg, die Nachbarn wurden Feinde und Branco, der immer eine Pistole mit sich führte, hat bei einem Streit in einem Park einen Angreifer erschossen, wofür er sechs Jahre eingesperrt wurde.

Danach ging er zuerst nach Italien und als Susana oder Bijana Panic, wie der wirkliche Name heißt, der im Buch und im Veranstaltungsprogramm erwähnt wird, nicht nachkommen und schon wieder eine Sprache lernen wollte, zu ihr nach Wien.

Das Buch schildert nicht nur das Leben einer Flüchtlingsfamilie, die längst in Österreich heimisch geworden ist und ein Häuschen am Stadtrand bewohnt, sondern es zeichnet auch die Geschichte nach, wie es zu dem Zerfall Jugoslawien gekommen ist und geht so gar weiter in die Geschichte, in den ersten Weltkrieg und nach Österreich- Ungarn zurück.

Im ersten Kapitel schreibt die Pensionistin, die schon einige Erzählungen in Anthologien veröffentlicht hat, von ihrem Wunsch einen Roman zu schreiben, durch ihre Bekanntschaft mit Susana Jovanovic ist ihr das gelungen.

„Susana ist die Hauptfigur dieses Buches, das zu schreiben und zu veröffentlichen mir nun doch geglückt ist. Deshalb trete ich jetzt zurück. Genug des Sinnierens. Ich habe mich ausreichend vorgestellt. Sie kennen mich nun. Vorderhand verabschiede ich mich und lade Sie ein, lesend das Leben Susanas zu verfolgen“.

Ganz hat sie diesen Vorsatz nicht durchgehalten, taucht sie doch immer wieder in den weiteren Kapiteln auf und am Ende geht es  um das Schreiben und um die Schreibschulen, in denen man es lernen kann.

„Ich habe keinen Schreibkurs besucht. Meine Texte sollen aus mir kommen, aus meinen Überlegungen un in meinem Stil, nicht der eines Lehrers oder einer Lehrerin“, schreibt sie auf der vorletzten Seite, was, wie meine Leser wissen werden, so auch nicht ganz stimmt, haben wir uns doch die letzten zwei Jahre öfter mit Robert, Ruth, Ilse und und Fritz im Cafe Ludwig in der Westbahnstraße getroffen und daraus am sechsten März gelesen.

Am Abend in der Hauptbücherei gab es dann einige Bekannte, Margot Koller war mit ihrer Freundin da, Irene Wondratsch, Ingeborg Reisner, Klaus Khittl und und und …

Alexander Lellek, der Verlagsleiter leitete damit ein, daß er nicht wüßte, wieviele Bücher Ruth Aspöck schon geschrieben hat, dann begann der Schwiegersohn von  Bijana Panic, der im bosnischen Fernsehen als Kameramann tätig ist, am Akkordeon zu spielen, bevor Renata Schmidkunz von Ruth Aspöck  wissen wollte, wie sie auf die gekommen ist, das Buch zu schreiben?

Dann begann die Lesung mit verteilten Rollen und dann noch einmal ein Gespräch, das in eine ziemlich aufgeheizte Diskussion im Publikum führte, wo es um die die bosnische beziehungsweise serbokroatische Sprache und um die Frage ging, wie lange man sich noch als Bosnier oder schon als Österreicher fühlen kann und soll?

Spannend von der Literatur, in die Soziologie und vielleicht wieder zurück zu kommen und von Ruth Aspöck, die ihr viertes „Löcker Buch“, wie sie betonte über die Gegenwart und Wien schreiben wollte, habe ich sehr viele Bücher gelesen.

Wieviele sie geschrieben hat, weiß ich ebenfalls nicht, werde aber die, über die ich schon gebloggt habe, hier verlinken und interessant ist auch auch die Frage ob  „ihr Ziel  mit diesem Buch Susana Jovanics Leben und das ihres Umkreises darzustellen und verständlich zu machen“, gelungen ist.

Biljana Panic antwortete jedenfalls auf Renata Schmiedkunz Frage, daß das Buch etwas für sie  ist, daß sie an ihre Kinder weitergeben kann und, daß sie also überleben wird.

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4 Kommentare »

  1. Danke liebe Eva für diese Besprechung die auch einen Einblick auf die schöne Erstpräsentation gibt.
    Inhaltlich haben wir zu verschiedenen Punkten unterschiedliche Meinungen und da gibt es viele Ansätze für Diskussionen:
    1. Was das Schreiben-Lernen betrifft, ist es doch gerade die Besonderheit unserer Schreibgruppe keinen Lehrer und keine Lehrerin zu haben, die sagt wo es lang geht, sondern wir ermuntern uns gegenseitig eben zum spontanen und konkreten Schreiben ohne belehrende Vorgaben.
    2. Das mit der Authentizität:
    Ich habe die Gespräche mit Biljana innerlich verarbeitet und dann erst in meiner Form niedergeschrieben. Es kann auch sein, dass ich manches falsch oder anders verstanden habe als sie das gemeint hat. Ich habe ja viele Jahre lang empirische Sozialforschung betrieben und kenne die Unterschiede. Ich habe weder mit einem Fragebogen noch mit Tonband gearbeitet und keine der Methoden der Soziologie oder der Volkskunde /Ethnologie angewendet, die mir von meinen Forschungsarbeiten sehr gut bekannt sind. Es sollte von Anfang an ein literarischer Text werden.
    Dann das wirklich große Thema mit dem autobiografischen Schreiben. Ich schreibe immer und nie autobiografisch. In jedem Text ist etwas von mir drinnen und in keinem Text ist es mein „ganzes“ Leben und auch nicht Teile davon. Ich verwende Motive und ändere sie um. Im Falle der „Blindschleiche“ ist es methodisch darum gegangen, wie aus einem Textmaterial Veränderung möglich ist (auch Meinungsmache sozusagen) ohne dass ein Wort geändert wird, allein durch Streichungen habe ich den Text in die eine oder andere Richtung gelegt.
    Im Falle von „Der Krieg nach dem Frieden“ sind natürlich auch meine Erinnerungen eingeflossen, ich habe aber wie bei anderen Büchern viel recherchiert und hatte tatsächlich alte Briefe von der Front zur Verfügung.
    Nun zu der fiktiven namenlosen Person „ich“ in „Jadran heisst die Adria“. Ich suchte ein Gegenbild zu Susana/Biljana und sie und ihr Schicksal besser herauszuarbeiten. Im Gegenbild tritt die Lebenswirklichkeit Susanas deutlicher hervor, deshalb. Das Biografische ist erfunden: Diese Ich-Person ist mit Absicht gleich ausgebildet wie Susana (Handelsakademie bzw. Wirtschaftsakademie) hat aber trotz verschiedener Lebensumstände bessere Chancen. Das wollte ich zeigen. Nicht zu vergessen, dass ich ja auf diese Weise das „Fremdsein“ eingearbeitet habe, andere „Ausländerschicksale“ anhand einiger Szenen schilderte – dafür brauchte ich den „Auswanderertraum Amerika“.
    Ich weiß, dass Personen, die mich kennen, leider immer wieder Zusammenhänge suchen und das, was sie von mir als Person wahrnehmen, in meiner Literatur wiederfinden wollen. Und, was mir unverständlich ist, mir vorwerfen, dass ich nicht „richtig“ über mein Leben schreibe. Wenn es irgendeine Disziplin gibt, in welcher Phantasie eine große Rolle spielen darf, dann ist es doch wohl die Literatur. Man kann gerne mein Curriculum Vitae nachlesen, aber meine Literatur darf sich doch nicht in ein solches Korsett spannen lassen!
    Damit beende ich diesen Kommentar, der ja die Literaturwissenschaft beschäftigt – das ist aber nicht mein Fach.
    Schöne Grüsse
    Ruth

    Kommentar von Ruth — 2015-03-27 @ 09:08 | Antwort

  2. Ich bin auch keine Literaturwissenschaftlerin, beschäftige mich aber, wie du weißt, schon ziemlich lange mit der Literatur und seit ich die Bücher, die ich lese, bespreche, komme ich nicht darum herum, mir Gedanken über sie zu machen und das ist ja der Vorteil des Bloggens, daß sich meine persönlichen Gedanken darübernicht mit den literaturwissenschaftlichen Auffassungen, die gerade in sind, decken müßen und da fällt mir schon lange, wie ich es nennen möchte, dieses „Spiel mit der erfundenen Autobiografie auf“.
    Das kann man natürlich machen und ein Literatur-Ich ist nicht der Autor, klar, aber wenn sich das dann auffällig deckt, wenn ich es mit der Biografie des Autors vergleiche und der schreit „Nein, das bin ich nicht!“, beginnt mich das zu irritieren.
    Vielleicht es auch die Psychologin und die realistische Autorin, die da genauer ist. Diese Diskussion könnte ich bei Philiph Roth, etc führen und bei deinem Buch habe ich mir auch noch Gedanken über die Form gemacht.
    Wie schon geschrieben, ich würde ihn der Gattung „Dokumentarroman“ zuordnen und da ist die eine Seite, die Susana, die in der Hauptbücherei mit ihrem echten Namen auftrat und im Buch auch so bezeichnet ist.
    Das ist dann für mich ganz klar authentisch, daß man in der Biografie etwas verändert, den Namen beispielsweise oder andere Erkennungszeichen, ist ebenfalls ganz klar.
    Gespießt hat es sich für mich ein bißchen mit deiner Rolle, das heißt, bei der Ich-Erzählerin.
    Da hätte ich gedacht, du oder das „Ich“ erzählt, die biografische Geschichte der Susanna und da ist mir wurscht, wie die wirklich heißt, wie alt sie ist, etc, das Literarisieren der Erzählerfigur hat mich aber irritiert, weil ich mir erwartet hätte, daß sie stimmt.
    Wenn du einen Roman total mit einer erfundenen Handlung in der „Ich-Form“ erzählt hättest, wäre es mir egal gewesen, wenn das „Ich“ ein Mann, zwanzig Jahre alt, ein Südafrikaner, etc, gewesen wäre.
    Bei dir ist mir das auch egal, denn ich kenne ich dich ja und konnte daher auch ein bißchen hinter deine Schulter schauen und deinem Schreibverhalten „auf die Schliche kommen“, was ganz lustig war.
    Wenn es aber das Buch eines mir unbekannten Autors/Autorin gewesen wäre, das ich gelesen, für bare Münze genommen und dann daraufgekommen wäre, der Ich-Erzähler ist literarisiert, die Geschichte aber dokumentarisch, hätte ich ein Problem gehabt, beziehungsweise mich verarscht gefühlt!
    Ein Beispiel dazu, da hat vor einigen Jahren ein bekannter FAZ-Redakteur einen Krimi mit einem schwedischen Pseudonym geschrieben, sich eine Biografie erfunden und auch noch einen Übersetzernamen angegeben.
    Ein paar Tage nach Erscheinen, hat man in einer der vorkommenden Personen Frank Schirrmacher zu erkennen geglaubt und ist dem Pseudonym des Autors auf die Schliche gekommen, was einen Skandal ausgelöst hat.
    Da habe ich mir auch gedacht, daß ich mich verarscht gefühlt hätte, wenn ich gedacht hätte, ich lese einen schwedischen Autor und es ist in Wahrheit ein deutscher Redakteur, das sollte den mündigen Leser, wofür ich mich halte, nicht zugemutet werden!
    Ich habe auch mit Pseudonymen Schwierigkeiten und halte sie eigentlich für unnütz, auch wenn in der Biografie „Pseudonym für…“ steht und ich weiß, wie der Autor, die Autorin wirklich heißt, bei den sogenannten Gebrauchsautoren ist das aber üblich und die Verlage scheinen es auch zu verlangen.
    Das nur als Erläuterung zu meinen Gedanken zu deinem Buch, das mir, das sollte ich vielleicht noch einmal betonen, sehr gut gefallen hat, auch deine vielleicht etwas bedächtige Sprache, die ich mir als „altmodisch“ zu bezeichnen erlaubt habe.
    Interessant war auch die Diskussion, abgesehen von ihrer Emotionalität, die zeigt, wie brisant das Thema ist und sich die Serben, Kroaten, Bosnier, etc, doch nicht alle so lieben, wie wir es gerne hätten, aber wir kommen auch oft nicht miteinander aus und da hat mich vor allem das Bild beeindruckt, daß am Morgen in der U- und Straßenbahn, wenn wir noch alle schlafen, die bosnischen, polnischen, türkischen, etc, Putzfrauen sitzen, die unsere Büros und Wohnungen aufräumen und in ihrer Heimat vielleicht studiert haben oder das Gymnasium besuchten und die Hausmeisterinnen einiger Wohnungen, in denen ich gelebt habe, meistens Serbinnen, habe ich auch nur von einer Putzstelle zur anderen hasten und dazwischen noch freundlich grüßen, gesehen.

    Kommentar von jancak — 2015-03-27 @ 10:24 | Antwort

  3. Liebe Eva!
    Der Begriff „Dokumentarroman“ gefällt mir auf jeden Fall sehr gut, weil er umschreibt was ich zumindest anpeile. Ich denke, du hast ihn erfunden, mir ist der Begriff neu. (Übrigens: Rudolf Brunngraber entwickelte den „soziologischen Roman“, ein Begriff, der sich aber nicht durchgesetzt hat.)
    Grüsse
    Ruth

    Kommentar von Ruth — 2015-03-27 @ 14:39 | Antwort

    • Beim Dokumentarroman wahrscheinlich schon und ich weiß jetzt gar nicht, ob der Begriff wirklich von mir ist, jedenfalls hat Renata Schmidtkunz in der Diskussion einen ähnlichen gebraucht und Erich Hackl schreibt auch solche und Robert Streibel, den wir auch beide kennen, hat sein „April in Stein“, der sicher auch ein solcher ist, erst letzte Woche in der ehemaligen Kirche der Strafanstalt in Krems/Stein vorgestellt.
      Es wäre aber interessant einmal ein Seminar zu besuchen oder ein solches zu veranstalten, das auf die Unterschiede und Merkmale einer solchen Romanform hinweist.

      Kommentar von jancak — 2015-03-27 @ 15:12 | Antwort


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