Literaturgefluester

2015-04-03

Herzkörper

Filed under: Bücher — jancak @ 00:29
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Nun kommt das dritte Buch meines „Picus-Frühlingslesereigens“, das wahrscheinlichst das literarisch Anspruchvollste ist, nämlich Harald Darers „Herzkörpers“, einem 1975, in Mürzzuschlag geborenen Autors, der mit seinen Debutroman „Wer mit Hunden schläft“, gleich zu den „Alpha-Finalisten“ gekommen ist und den ich in der „Kolik-Lounge“ persönlich kennengelernt habe. Beim ersten Mal hat er mich auf das Literaturgeflüster angesprochen, beim zweiten Mal aus seinem neuen Roman gelesen, den man mit „Thomas Bernhard von unten“ bezeichnet könnte, zumindest mir ist der Ton des großen Autors, wahrscheinlich gewollt, um den literarischen Anspruch zu erreichen, aufgefallen, mit der hier eine Welt von unten, der Arbeitslosen, Frustrierten, vom Leben Abgeschriebenen, geschildert wird, mit dem die große Literatur sonst ja nichts zu tun haben will.

Harald Darer tut es sehr eindrucksvoll und auch noch mit einer Rahmenhandlung, bei der ich, bei der ja immer alles Sinn und Struktur haben soll, noch immer rätsel, ob Maria jetzt die Tochter von Rocco ist?

Es könnte so sein, denn Rocko hat Schillinge gestohlen, seine Tochter keinen Namen, Maria kommt aus problematischen Verhältnissen, wie sie der Reporterin, anläßig ihres Aufstiegs zur Leiterein einer Sozialakademie, mit vierzig Jahren, ein Erfolg, erzählt und sie mag, wie Rockos Tocher, die Köldelakademikerin, Pizza.

Aber schön der Reihe nach, im Klappentext und in der Beschreibung steht etwas von drei Jugendlichen, „die der Stumpfsinnigkeit ihres Daseins in der Kleinstadt entfliehen wollen.“

Boro, Christian und Andi, die dazu aggressive Spiele mit Bestrafungsritualen wählen und sich als ihr Opfer, den Sandler und Obdachlosen Rocko ausgesucht hat, den sie mit Schnaps besoffen machen, ihm nachher Brot schenken und der am Ende des Buches, das eben aus dem Interview mit der Sozialdirektorin, Gedächtnisprotokollen und Zeitangaben besteht, am Ende tot und „dampfend“ auf einer Parkbank oder einem Bett liegen bleibt.

Die Reporterin Simone Remschnik fährt eben zu Beginn des Buches zu der vierzigjährigen Rektorin der größten Fachhochschule für Sozialberufe des Landes und die erzählt ihr sowohl von den problematischen, nicht näher genannten Verhältnissen, in denen sie aufgewachsen ist, aber auch, wie sie mit ihren Klienten, Schülern, Studenten, Polizisten, Richtern, etc, umgeht, sie gibt ihnen ein Fallbeispiel, das sie lösen müssen und diesen wird in den Gedächtnisprotokollen und Zeitkapiteln nach und nach erzählt.

Sehr eindrucksvoll passiert das und, wie ich meine mit genauer Fachkenntnis, so daß ich mir den Alltag und die Härte des Lebens in der Kleinstadt, jetzt vielleicht noch ein weniger plastischer vorstellen kann, als bisher, obwohl ich mich, wie meine Leser wissen, mit Realität des Lebens ohnehin sehr beschäftige.

Und dieser Rocko mit bürgerliche Namen, erfährt man am Schluß, heißt er Koch Roland, aber so kennt ihn niemand, ist beileibe nicht nur ein Opfer, sondern hat auch Seiten an sich, die dem Klischee des arbeitscheuen Sozialschmarotzers, der nicht arbeiten will und das Arbeitsmarktservice daher austrickt, vorstellt, entsprechen. Er hat auch einen blöden Spruch im Mund „Als Deutscher hast du es in Österreich schwer!“, als Ausrede für sein Schicksal und er hatte es früher, wie die meisten Obdachlosen, besser, nämlich Frau und Kind, aber die hat ihm, als er immer besoffen heimgekommen ist, hinausgeworfen und wegweisen lassen, ihn auch der Gewalt an der Tochter bezichtet, so daß diese, die Knödelakademikerin, wie ich ja selber eine bin, im Zug wegsieht, wenn sich Vater und Tochter dort zufällig begegnen, wenn er vom Arbeitsamt, sie von der Schule heimfahren und den Freundinnen nur „Ein Psycho!“, antwortet, wenn die sie fragen, wer das denn jetzt war?

Ein Großteil des Buches spielt sich auch am Stammtisch ab, wo sich die Kleinstädter zusaufen und da ihre harten Sprüche von wegen Frauenfeinlichkeit, etc, abwerfen, denn, wenn da die Schamlippen nicht stimmen, haben die Mädchen bei den Burschen keine Chance und von der Frau wird erzählt, die keine Zwiebbel essen darf, weil sie dann angeblich stinkt, ihrem Mann aber den Zwiebelrostbraten immer kochen muß und wenn sie sich nicht daran hält, ist sie selber schuld, wenn er sie mit der Kellnerin betrügt. Er prügelt auch den Sohn im Wirtshaus, bzw. verletzt ihn schwer und dann ist es Rocko, der mit seinem Teddybären aus seinem unvermeidlichen Plastiksack, die Wunde stillt, bis der Notarzt kommt, während der Vater schluchzend daneben sitzt.

Ja, das Leben ist hart am Rand und die Sozialarbeiter wissen darüber zu berichten, bzw. können sie in ihrem Fachjargon davon dozieren und Harald Darer hat es aufgegriffen und einen sehr eindringlichen Roman daraus gemacht, der so intensiv war, daß mich auch der „Thomas Bernhard-Ton“ nicht sehr stört, denn ich weiß ja, würde er das Ganze nur erzählen, wäre es am Ende zu wenig abgehoben und würde schließlich auch den Selbstbetroffenen nicht gefallen, weil die unter Literatur ja auch nur das Schöne Wahre Gute verstehen.

Mit seinem Erstling ist Harald Darer zu den Alpha Finalisten gekommen, damals hat Marjana Gaponeko bei ihrem Zweitversuch gewonnen, so daß ich ihm für den nächsten Herbst wirklich alles Gute wünsche, falls er einreichen sollte, obwohl ich das Buch schon gelesen habe.

Aber vielleicht ließe es sich dann gegeg das der Milena Michiko Flasar oder der Anna-Elisabeth Mayer tauschen, die ich ja leider noch nicht gelesen habe, ich bin also sehr gespannt und von der „erzählerischen Kraft und der sprachlichen Wucht“ Harald Darers, wie auf dem Buchrüclken steht, ebenfalls sehr überzeugt.

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