Literaturgefluester

2015-06-10

Exilroman im Sonderzahlverlag

Es ist ja  interessant, nach welchen Gesichtspunkten ich die Veranstaltungen, zu denen ich gehe, auswähle.So bin ich heute wahrscheinlich mangels anderer Alternativen in die „Gesellschaft für Literatur“ gelangt, denn „Rüdiger Görner liest und spricht zu „Nausikaa oder die eingefrorene Zeit“, sagte mir eigentlich nichts.

Genauso ist es mir vor einem Jahr auch mit dem „Aufgeblasenen Kaiser“ gegangen, der dann auf der Longlist des dBps stand.

Aber der „Sonderzahlverlag“ ist vielleicht nicht so prominent dafür nominiert zu werden, also kommt vielleicht die Hotlist und eine „Veranstaltung der österreichischen Gesellschaft für Exilforschung“, nicht zu verwechseln mit der „Kramer Gesellschaft“, war es auch.

Zuerst recht wenige Leute, aber dafür sehr spezielle im Publikum, Marianne Gruber, die sich, glaube ich, schon in Pension befindet, hielt die Einleitung und sie spannte wieder einen weiten Bogen, in dem sie die ersten vier Seiten des Buches schilderte.

Das ist ja etwas, was mich immer noch verblüfft und in Staunen versetzen kann, obwohl mein Einleitungszenario für die „Wunderbaren Sommererlebnisse der Sandra Winter“ gestern vom Robert Eglhofer auch gleich mit  James Joyce bzw. dem „Ulysses“ verglichen wurde.

Das liegt mir fern, bin ich  ja eher einfach gestrickt und ich kann mich auch an eine Veranstaltung vor Jahren in der öGL, ich glaube, ich  habe noch nicht gebloggt, erinnern, wo eine Rumänin aus einem Roman las, wo es um einen Kindertransport in ein Ferienlager ging und das Publikum sagte nachher bei den Brötchen, die es damals noch gab „Erinnert mich an Robert Musils „Mann ohne Egenschaften!“

Mich nicht und mich hat die Annäherungsgeschichte zwischen einer englischen Schneiderin und einem jüdischen Emigranten aus Lindau am Bodensee eigentlich auch nicht an den Odysseus erinnert, war aber vom Autor, ein 1957 in Deutschland geborener und in England lebender Literaturwissenschaftler, offenbar so geplant.

Marianne Gruber erzählte jedenfalls von der Heldin Florence, die am Anfang in einem Londoner Park sitzt und ins Wasser schaut, während eine alte Frau ihre verlorenen Träume begräbt, eine schöne Metapher.

Sie stellte dann viele Fragen an den Autor und erzählte ausführlich den Inhalt der vier Seiten. Dann kam der Autor selbst,  begann über eine Stunde daraus zu lesen und verblüffte mich mehrfach durch seine präzisen Wendungen, von denen ich mir ein paar aufgeschrieben habe, „Wer schwarz trägt ohne zu trauern erliegt der Verdunkelungsgefahr“ etwa.

Die Geschichte spielt in London in den Zwischenkriegsjahren, bzw. offenbar kurz vor Kriegsbeginn.

Jean Posser aus Lindau, ist schon in Dover angekommen und die Florence ist eine, um fünfzehn Jahre ältere Schneiderin, die offenbar in einer etwas bankrotten Firma näht, wo gerade eingespart wird, sie Khaki tragen soll, um auf den Krieg eingestimmt zu werden.

Sie trägt aber schwarz und ist auch zuckerkrank, geht zu einem Arzt, der für die Schweizer Berge schwärmt, verschmäht aber das Insulin und dem Jean scheint sie  auf Umwegen zu begegnen.

Der studiert dann in England, bzw. wird er Vorleser bei einer Adeligen, wo sie auch näht und der Literaturwissenschaftler schildert das sehr genau und auch durchaus realistisch mit vielen Kleindetails und liebevoll ausgeschmückten Szenen. Sprach von den Umwegen der Annäherungen, weil er die Teile aus denen er las, immer zwischendurch erläuterte.

Eine einfache Liebesgeschichte, würde ich, die ja nicht so abgehoben ist und denkt, fast sagen, ist es aber wahrscheinlich nicht, denn die Beiden scheinen schon des Altersunterschiedes wegen nicht zusammenzukommen und der Arzt hat Florance auch sämtliche Organausfälle prohezeit, wenn sie sich nicht behandeltn läßt.

Sie scheint wahrscheinlich im letzten Teil, aus dem nicht gelesen wurde, zu sterben.

Im Vierten treffen sich die Beiden aber in der Mumiensammlung des britischen Museums, ein sehr gelehriger, gut recherchierter und mit sämtlichen Mystifierungen der griechischen und sonstiger Geschichte, Marianne Gruber hat noch an Schnitzler gedacht, versehener Roman und trotzdem eine Veranstaltung in Zusammenarbeit der Gesellschaft für Exilforschung.

So hätte es im Anschluß eine Diskussion mit Katharina Prager geben soll, die war aber offenbar erkrankt, so sprang der Sonderzahl Lektor Wolfgang Straub ein und fragte nach dem englischen Antisemitismus, der mich ein bißchen erstaunte. Habe ich mich durch die Sommerakademien,  die „Kramer Gesellschaft“ und das „Joung Austria-Buch„ein bißchen in das Thema eingelesen und England den jüdischen Emigranten durchaus aufgeschlossen gehalten.

Arthur West war in England im Exil und Erich Fried sein Trauzeuge, Theodor Kramer ist offenbar, um zu sterben in den Fünfzigerjahren nach Wien zurückgekommen, Hilde Spiel hat länger dort gelebt und und, das war offenbar eine Seite, die dem Autor nicht so bekannt war, der sich  vor allem  auf das englische Leben in den Neunzehndreißigerjahren bezog und da sicher ein reiches Detailwissen hat.

Er erwähnte  die Internierungslager und den Roman „Die englischen Jahre“ von Norbert Gstrain, den ich erst lesen muß, ich habe vor Weihnachten aber den Comic „Irmina“ gelesen, der auch in England spielt.

Rüdiger Görner hat  noch Alfred Kerr erwähnt, der sich nicht assimilieren wollte und ein Zitat von ihm verwendet, daß es bei Beziehungen immer wieder zu Trennungen kommt, das er, wenn er es schon gekannt hätte, als Motto für sein Buch verwendet hätte.

Eine Zeitlang war ich etwas ratlos und wußte nicht recht, wo ich das Buch einordnen soll. Es ist aber wahrscheinlich ein Roman, der mit zahlreichen mythologischen Metaphern, das Leben der jüdischen Emigranten in England und da vor allem auch das englische Leben, schildert und offenbar das erste literarische Werk des Literaturwissenschaftlers.

Jetzt bin ich wieder gespannt, was ich noch davon hören werde und das Leben in London in den Neunzehndreißiger Jahren kann ich mir jetzt auch plastisch vorstellen, die Stelle mit dem Diabetes fand ich orignell, mit dem Odysseus und der Nausikaa kann ich naturgemäß weniger anfangen.

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