Literaturgefluester

2015-06-13

Vom Atmen unter Wasser

Wie bewältigt man Trauer, wie ist zum Beispiel als Familie, der plötzlichen Tod, der sechszehnjährigen Tochter bzw. Schwester, zu verkraften?

Etwas, was ich ein bißchen wissen wüßte, habe ich als Psychologiestudentin, kurz nach dem Tod meiner Großmutter,  1978, meine um elf Jahre ältere Schwester durch einen Autounfall verloren, die, wie ich noch immer meine, von meiner Mutter, wenn auch aus anderen Gründen, genauso vorgezogen wurde, wie es die Krankenschwester und Mustermutter Anne Bergmann bei Sarah tat und so lautet der erste Satz von Lisa-Mari Dickreiters Buch auch:

„Mit sieben Jahren beschloss ich meine kleine Schwester für immer loszuwerden.

„Vom Atmen unter Wasser“, eine weiße Bettdecke ziert das Cover des 2010 bei Bloomsbury Berlin, 2010, erschienen, Trauerbewältigungsroman und oben darauf sind ein paar Stofftiere, darunter ein Teddybär zu sehen und Thomas Wollinger, dessen Blog ich 2010 ja sehr intensiv verfolgte und auch eifrig kommentierte, hat es dort vorgestellt.

Hat er doch, glaube ich, mit der 1978 in Furth am Wald geborenen Autorin, gemeinsam die „Leondinger Akademie“ besucht und ohne genau zu wissen, warum es in dem Buch geht, hat mich das Cover sehr beeindruckt und neugierig gemacht, so daß ich 2013 bei diesem „Augustin-Flohmarkt“ begierig nach dem Buch griff, als ich es dort in den Regalen sah.

Von Lisa-Marie Dickreiter, die auch die Filmakademie besuchte, das Buch ist, glaube ich, auch ein Film geworden, habe ich seither nicht viel gehört, keine Longlist, kein Bachmannlesen, wie bei den anderen Büchern, die ich von dem Flohmarkt mitgenommen habe und im Netz, wo ich nachgegooglet habe, gibt es auch nicht viel zu finden, außer, daß Lisa-Marie Dickreiter jetzt Kinderbücher schreiben dürfte.

Roman steht, unter der Bettdecke am Cover, natürlich, heutzutage heißt ja alles so, auch wenn es in Wahrheit Lyrik, etc, ist. Das hier würde ich in die Gattung „Krisenbewältigung“ einordnen und der „Romantherapie“ empfehlen, denn man kann das Buch sicher zur Bibliotherapie empfehlen und werde das gegebenfalls, ich habe manchmal Trauerbewältigungsklienten, auch tun.

Das Buch ist sehr kunstvoll, man merkt die Filmstudentin, geschrieben, beziehungsweise konzipiert, am Ende gibt es auch eine ganze Menge Danksagungen an Helfer und in Kapitel aufgeteilt, die die Namen der Familienmitglieder, Simon, das ist der um vier Jahre ältere Bruder, der Medizin studiert, Jo, der Vater, Sozialarbeiter und Bewährungshelfer, Anne, die Mutter und wir taumeln durch die Trauerarbeit, erleben die Trauerreaktionen, wenn ich ich wieder vielleicht ein wenig kritisch anmerke, daß das Resultat, natürlich erhöht und künsterlich aufgemoppelt ist, die wirkliche Trauerarbeit, wenn die sechszehnjährige Tochter vom Heimweg nach einer Party ermodert wird, wird wahrscheinlich platter, patscherter, unbeholfener, etc aussehen.

Meine Mutter hat zum Beispiel an die Gemeinde Wien einen Brief geschrieben, daß sie gerne will, daß der Fall, meine Schwester ist von einem Müllauto von hinten überrollt worden, untersucht wird, die etwas barsche Antwort, Abwehr von Gefühlen, war, das das nicht möglich ist und nicht „Tut uns leid, wir entschuldigen uns, auch wenn der arme Teufel nichts dafür konnte!“ und heute wahrscheinlich automatisch zum KAV-Psychologen geschickt würde.

Am eindringlinsten ist der Prolog gelungen, wo der siebenjährige, die sich sehr schlecht benehmende nervige Schwester packt, sie in einen Bus setzt, sie nimmt noch seine letzten fünfzig Pfennig, für die er sich eigentlich Eis kaufen wollte, dann steigt er aus und denkt, das Problem ist gelöst und er muß sich für die Mutter nur eine Erklärung ausdenken. Als er mit der stolz zurückkommt, steht eine fremde Frau im Garten, die Schwester an einem Eis schleckend an der Hand und die Mutter gibt ihm eine Ohrfeige. Er hat zulang gewartet, wie blöd, daß Sarah schon ihre Adresse wußte.

Dreizehn Jahre später, geht sie früher von einer Party heim und wird ermordet und ein Jahr später, Simon will gerade mit einem Mädchen im Bett, läutet das Telefon. Es ist der Vater, die Mutter hat versucht sich die Pulsadern aufzuschneiden.

So weit die Ausgangslage, dann wird es komplizierter, denn wir werden hineingestoßen in die Gefühlswelt der drei und die ist natürugemäß nicht eindeutig, sondern sehr durcheinander.

Der Sohn ist inzwischen ausgezogen, weil es ja Spannungen gab, der Vater bittet ihn vorübergehend zurückzukommen, denn die Mutter, die mit der Auflage, eine Psychotherapeutin zu besuchen, bald entlassen wird, soll nicht allein zu Hause bleiben. Sie darf aber nicht wissen, daß es zu ihrer Überwachung ist, aber Simon muß sowieso für das Physikum lernen und da hat er es zu Hause angeblich ruhiger.

Natürlich nicht, wenn er nie sicher sein kann, was die Mutter gerade macht, die seit dem das mit Sarah passierte, das eheliche Schlafzimmer verließ und jetzt in deren Zimmer wohnt. Hier versucht sie sich an ihren Geruch zu erinnern, hat Angst ihre Stimme zu vergessen, etc, so daß der Vater brutal oder hilflos Sarahs Kleider wäscht, um den Geruch „Zu seiner Sicherheit, Liebes!“, wegzubekommen. Der Sohn schlägt der Mutter vor, einen Film über Sarah zu drehen, um sie wiederherzuholen und der Vater gibt ihm eine Ohrfeige.

Aber der Bewährungshelfer, der seine drogensüchtigen Klientinnen auch schon mal aus einem Springbrunnen herausholen muß, hat inzwischen eine Freundin. Er hätte es sonst nicht ausgehalten, der Sohn erwischt ihm im Kino mit ihr, verlangt vom Vater eine Entscheidung. Der verläßt dann die Mutter, die sich, sie hat die Leiche damals nicht gesehen, den Obduktionsbericht beschafft, um sich und ich denke, das ist auch psychologisch richtig, endlich von Sarah verabschieden zu können.

Sie spricht mit dem Freund, mit dem Sarah damals auf der Party war und bekommt heraus, sie hat diese früher verlassen, weil Gero mit Elena, die ist inzwischen Simons Freundin und fährt die Fahrradritschka in der Stadt Freiburg, in der die Handlung spielt, geknutscht hat, so kauft Anne Elena ein Kettchen. Sie hat ihres damals Sarah geborgt und die wurde dann damit beerdigt und verlangt von ihr dafür, daß sie die Beziehung mit Simon beendet. Starker Taback das Irrbad der Gefühle durch die Lisa-Marie Dickreiter ihre Familie schickt. Im wahren Leben wird es vielleicht nicht ganz so dramatatisch und dennoch grauslich genug sein.

Spannend, spannend und nach den ersten Trauerbewältigungsreaktionen sicher zum Lesen sehr zu empfehlen.

„Eine bewegende Geschichte über Verlust und Liebe. Schmerzhaft und wunderschön.“, schreibt Syblle Knauss am Buchrücken. Das Letztere würde ich nicht so unterschreiben, denn wenn man das Buch so empfindet, dann wäre man sehr brutal!

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